Milbertshofen Ein ganzes Viertel in der Hosentasche

Von Milben, Autobauern und Stätten der Olympischen Spiele 1972: Der 19. Kultur-Geschichtspfad ist erschienen und führt seine Leser auf drei Rundgänge durch Milbertshofen

Von Nicole Graner, Milbertshofen

Lange liegen sie ganz unspektakulär in verschlossenen Pappkartons. Auf einem Tisch neben dem Rednerpult. Erst als Autorin Karin Pohl am Mittwochabend im Kulturhaus Milbertshofen ihre Rede beendet hat, werden die Deckel gelüftet. Und da liegen sie dann endlich, die Hauptpersonen des Abends: jene handlichen Hefte, die einen knappen, aber wertvollen Blick auf die Geschichte des 11. Stadtbezirks werfen; drei Rundgänge laden auf eine Erkundungstour ein. Sie beschreiben, was Milbertshofen-Am Hart zu bieten hat und vor allem, was es so besonders macht. Dass das Cover des 19. Kultur-Geschichtspfades, von der Landeshauptstadt München herausgegeben, in einem dezenten Lindgrün gehalten ist, symbolisiert nicht etwa den stadtviertel-typischen hohen Grünanteil - auch wenn es diesen wie im Olympiapark oder im Hartelholz natürlich gibt. Die Farbe ist einfach edel, fanden die Grafiker. Mehr nicht.

Das Hosentaschenheft ist ein "Publikumserfolg", sagt Historikerin Karin Pohl. Die Hefte seien sehr beliebt und immer wieder schnell vergriffen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die Geschichte präzise und klar aufbereitet ist, den jüngsten Forschungsstand wiedergibt und dass das Fotomaterial - meistens aus dem Schatz des Münchner Stadtarchivs - viele Erinnerungen wachruft.

Ein Dreivierteljahr hat die Historikerin, die schon zehn Kultur-Geschichtspfade geschrieben hat, recherchiert. Sie hat sich im Viertel umgeschaut, Menschen getroffen, sie ließ sich durch die Ernst-von Bergmann-Kaserne führen und studierte viele Quellen und Bücher. Die Herausforderung bei allen Kultur-Geschichtspfaden sei es, wie die Autorin sagt, das "Typische des Viertels" herauszufiltern", hervorzuheben, was das Viertel so "einzigartig macht".

Im Falle von Milbertshofen sind es der Olympiapark, BMW, die unterschiedlichen Siedlungsstrukturen (Neuherberge, Kaltherberge und Am Hart) und natürlich die historischen Zeugnisse über die "Judenlager" Knorrstraße und Milbertshofen sowie den Flughafen Oberwiesenfeld. Und dann gibt es die Geschichte von den "Milben". Wenn dieser Name in den Siebziger- und Achtzigerjahren im Viertel auftauchte, dürften einigen Anwohnern die Haare zu Berge gestanden haben. Denn im Hinterhof der Nietzschestraße 7 b traf sich die Münchner Punkszene - mit aufgestellten Haaren und dem Drang, ihrer Unzufriedenheit mit dem politischen System Ausdruck zu verleihen: mit klaren Ansagen, dem Nein zur Atomkraft, dem Wunsch, die Umwelt zu schützen und mit lauter Musik. Die Punkband "Freizeit 81", deren Name sich an der linksradikalen Aktionsgruppe orientierte, deren Mitglieder sich ebenfalls im "Milbenzentrum" trafen, gab hier eines ihrer Konzerte.

Drei Rundgänge, drei Schwerpunkte. Der erste Spaziergang führt von der Panzerwiese über die ehemalige US-Siedlung durch den Harthof und Am Hart, der zweite von der alten St.-Georgs-Kirche zu BMW und der dritte ins Olympiadorf und den Olympiapark. Das Heft vermittelt noch etwas anderes - auch wenn es Milbertshofener und Insider schon längst wissen: Der lang anhaltende Ruf des "Glasscherbenviertels" gehört der Vergangenheit an, vielmehr zeigt sich, dass Milbertshofen ein interkulturelles Miteinander wirklich lebt. Karin Pohl jedenfalls hat sich, wie sie sagt, sehr gerne im 11. Stadtbezirk - einem sehr facettenreichen Viertel - getummelt. Ein Ort hat ihr besonders gut gefallen: der Kulturpark München an der Frohschammerstraße. "Da möchte ich einmal länger sein." Mit Recht. Dort lässt es sich, inmitten von viel Grün und Kultur, wunderbar verweilen.

Die Broschüre liegt öffentlich aus und ist im Internet abrufbar unter www.muenchen.de/kgp