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Mikro-Opern:Kurz und gut

Kurzoper .Besprechung des Kurzoperprojektes im Wohnzimmer von Julia Chalfin Von  links: Alexander Mathewson,  Julia Chalfin, Hans-Henning Ginzel, Tom Smith, und  Maria-Jose Rodriguez. Foto_Catherina

Wenn Komponisten, Sänger und Musiker an einem Tisch zusammensitzen, kann nur eines dabei herauskommen: Oper.

(Foto: Catherina Hess)

Auf der Bühne im Schlachthof ist die Uraufführung von drei Mikro-Opern zu erleben. Mitglieder des jungen Künstlerkollektives Breakout Ensemble und von Opera Momento wollen zeigen, dass zeitgenössische Musik Spaß machen kann

Von Jutta Czeguhn

Die kürzeste Oper, heißt es, sei Leon Juricas Werk "Die Frösche". Da geht in zwei Minuten und acht Sekunden alles über die Bühne, in Wagnerschen Dimensionen betrachtet, also schneller als der Schall. Wotan würde in dieser Zeit noch nicht mal nach seinem Speer greifen, geschweige denn, den Mund aufmachen. Auch bei Julia Chalfins "Opernstammtisch" am kommenden Dienstag, 3. Mai, im Schlachthof sind keine Überlängen zu befürchten. Die amerikanische Sopranistin kündigt die Uraufführung von drei Mikro-Opern an. Die längste dieser Miniaturen dauert etwa 17 Minuten, die kürzeste vier, Nummer drei liegt mit zehn Minuten irgendwo dazwischen.

Wer glaubt, dass die Arbeit an diesen "Cucukurz Opern" eine Fingerübung wäre, liegt falsch. Ein Vormittag wenige Tage vor der Premiere in Julia Chalfins Haidhauser Wohnung: Nach und nach treffen die Akteure ein. In der Küche steht bereits María José Rodríguez mit einer Tasse Tee in der Hand. Die Mexikanerin kam vor sechs Jahren für einen Meisterkurs bei Tenor Francisco Araiza nach München - und blieb. Von ihr stammt der Impuls für das Projekt. Vorbild sei das "Microteatro por dinero", erzählt María José Rodríguez. Dieses ungewöhnliche Theater ist in Madrid zu Hause und hat vor allem in Mittel- und Südamerika viele Nachahmer gefunden. Ein gesamtes Gebäude wird dort bespielt, es gibt Minidramen auf jeder Etage, die nicht länger als 15 Minuten dauern. Das Publikum zahlt pro Stück, kann von Raum zu Raum wandern, das Getränk in der Hand. So ein Konzept funktioniert auch mit Opern, davon ist die mexikanische Sopranistin überzeugt. Zusammen mit ihren beiden Landsleuten Dora Garcidueñas und Gustavo Castillo will sie das im jungen Ensemble Opera Momento  beweisen.

Es läutet an Chalfins Wohnungstür, Tom Smith begrüßt María José Rodríguez auf Spanisch. Auch er bekommt einen Tee, er ist Engländer, Tenor und Komponist der Vierminutenoper "Plumps!! Da ist der Schneider weg!". Ein Werk frei nach Wilhelm Busch. Man erinnert sich, der dritte Streich: "Ritzeratze! Voller Tücke, In die Brücke eine Lücke . . .". Der nächste Gast braucht dringend Kaffee, Alexander Mathewson kann kaum die Augen offen halten. "Ich habe bis sieben Uhr morgens komponiert, dann Progressive Metal gehört", murmelt der Sohn eines Schotten und einer Bulgarin. Mit seinem weißen Cellokasten im Arm trifft Hans-Henning Ginzel als Letzter ein. Er ist nicht nur Cellist, sondern hat auch die "Langoper" unter den drei Kurzen komponiert, Titel "Tierliebe" nach einem wahren Kriminalfall. Jetzt fehlt noch Samuel Penderbayne, der es an diesem Vormittag nicht zum Treffen schaffen wird. Von ihm stammt der Zehnminüter "Anmachen, ablehnen, wiederholen", der von eine Begegnung in einer Bar erzählt.

Bei Julia Chalfin laufen die Fäden eines ziemlich weitgesponnenen Netzes junger Musiker zusammen. Die meisten von ihnen gehören dem Breakout Ensemble an, einem Kollektiv von Musikern, Komponisten, auch die drei Sänger von Opera Momento sind dabei. Zusammen verfolgt man zeitgenössische Musik mit einem unkonventionellen, undogmatischen Ansatz. Sie kennen sich von der Musikhochschule, sitzen dort unter anderem in der Komponistenklasse von Moritz Eggert, der selbst Opern schreibt und zur WM 2006 mit einem Fußball-Oratorium aufhorchen ließ. "Moritz setzt sich gerne zwischen alle Stühle", sagt Julia Chalfin über Eggert. Sie hatte ihn und Tom Smith im vergangenen September bei einem ihrer Opernstammtische zu Gast. Nach der Veranstaltung wurde dann bei einer Flasche Gin die Idee zu den Minutenopern geboren.

Mit ihrem Stammtisch jeden ersten Dienstag im Monat auf der Bühne im Schlachthof möchte Julia Chalfin ein Publikum für Oper und klassische Musik begeistern, das nicht unbedingt zum Abonnentenstamm von Nationaltheater oder Philharmonie gehört. Entsprechend zwanglos ist die Atmosphäre der "Shows", entsprechend nahbar sind die Künstler und variantenreich die Themen. Seit dem Start 2013 hat es beispielsweise Abende zu Wagner, Mozart oder Bel Canto, Diven und Bösewichte gegeben, im Juni wird es um Opern im Film gehen. Die Uraufführungen der Kurzopern ist für die 34-jährige Amerikanerin eine "besondere Ehre", wie sie sagt, und ein Experiment. "Ich möchte die Leute dazu verführen, Oper von einer anderen Seite anzuschauen, moderne Musik muss nicht unzugänglich sein."

Neue Musik? Was genau man darunter versteht, darüber sind sich auch die Mitglieder des Breakout Ensembles irgendwie einig, auch wenn jeder andere Worte dafür findet. "Wir schreiben, was wir im Kopf hören. Für mich gibt es keine klassische Musik, keine Popmusik, keine Rapmusik, es gibt einfach nur Musik. Punkt!", sagt Alexander Mathewson mit Vehemenz und kritisiert den "Snobismus an den Musikhochschulen". Er selbst hat sich die Rolle des Zynikers in der Truppe zugewiesen. Wenn überhaupt, müsse neue Musik mit kleinem "n" geschrieben werden. "Wir machen Musik, die sich nicht kategorisieren lässt", sagt Tom Smith, aber natürlich sei man beeinflusst von allen möglichen Genres. Hans-Henning Ginzel hält alle Begriffe, die im Zusammenhang mit der Neuen Musik herumschwirren, für "rein europäische Phänomene". Das Breakout Ensemble aber sei international, experimentiere mit elektronischen und multimedialen Elementen, und eine gute Möglichkeit, nicht nur "in seinem eigenen Swimmingpool zu schwimmen". Auch das Selbstverständnis als musikalische Avantgarde ist dem jungen Komponisten offenbar zuwider. "Wir suchen Kontakt und Konformität mit dem Publikum, statt uns gegen es zu stellen", sagt Ginzel.

Ihre Miniatur-Opern haben die Komponisten den Sängern auf den Leib, respektive die Stimme geschrieben. "So wie Verdi und Wagner", sagt Hans-Henning Ginzel. "Und Freddie Mercury!", ergänzt Alexander Mathewson. Wie aber klingt das nun, was da auf der Schlachthofbühne in Minutenschnelle live passiert? Julia Chalfin und María José Rodríguez zücken lachend ihre Smartphones und lassen einen kurz mal reinhören. Viel zu schnell vorbei. Zum Glück gibt es am kommenden Dienstag dann die Lang-Version.

"Cucukurz, 3 Komponisten, 3 Mikro-Opern, 3 Sänger" am Dienstag, 2. Mai, Schlachthofbühne und Wirtshaus, Zenettistraße 9. Beginn 20 Uhr, Einlass 18.30 Uhr. Karten zum Preis von 17 Euro im Vorverkauf telefonisch unter 72 01 82 64, online www.im-schlachthof.de oder zu 19 Euro an der Abendkasse

© SZ vom 30.04.2016
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