Mietpreise:Das Münchner Modellprojekt reicht nicht mehr

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Es ist ein großes Verdienst, dass die Stadt ihre eigenen Wohnungen nicht verkauft hat, dass sie hier nie der Verlockung des schnellen Gelds erlegen ist. Anders als der Freistaat. Die knapp 10 000 Wohnungen der einst landeseigenen GBW, das frühere Frauengefängnis in der Au, die Alte Akademie, die einstigen Chemie-Gebäude der Ludwig-Maximilians-Universität, die den noblen Lenbachgärten gewichen sind - sie sind nur einige Beispiele dafür, dass der Freistaat nie zögerlich war, (zukünftigen) Wohnraum nicht nur zu verkaufen, sondern auch stets dem höchstbietenden Investor. Dass der neue Ministerpräsident nun eine "Bayernheim" genannte Gesellschaft für staatlichen Wohnungsbau gründen will, klingt da wie Hohn.

Und die Stadt? Sie hat sich zwar entschieden, ihre Wohnungen zu behalten, weshalb sie nach wie vor die größte Vermieterin in München ist. Zugleich aber hat sie sich jahrelang ausgeruht auf alten Errungenschaften. Sie hat es sich bequem gemacht und gesagt: Wir haben doch Sobon, die sozialgerechte Bodennutzung. Ein Münchner Modellprojekt, das vereinfacht besagt: Wo immer für einen Bauherren Baurecht geschaffen wird, muss sich dieser an Kosten für Kindergärten zum Beispiel beteiligen und er muss auch Wohnraum für Ärmere schaffen. Weshalb es selbst in Quartieren wie den Lenbachgärten Sozialwohnungen gibt.

Das ist vorbildhaft, gewiss, aber das reicht nicht mehr. Die Stadt hat zudem darauf gebaut, dass mit einem Instrument wie den Erhaltungssatzungsgebieten die Gentrifizierung aufgehalten wird - das aber zeigt immer weniger Wirkung. Sie hat es in vielen Jahren zunehmend versäumt, selbst neue Wohnungen zu bauen, sie hat zugesehen, wie die Zahl der Sozialwohnungen zunehmend schwand. Sie hat Quartiere wie das Agfa-Gelände - aus heutiger Sicht - viel zu luftig bebauen lassen.

Da hat sich seit dem Wechsel von Ude auf Oberbürgermeister Dieter Reiter etwas geändert - unter dem massiven Druck der galoppierenden Preise und der zunehmenden Verdrängung. Die städtischen Wohnungsgesellschaften sollen nun wieder selbst bauen, in großem Stil und mit massiver Unterstützung der Stadtkasse. Städtische Unternehmen setzen auf Werkswohnungsbau.

Für neue Siedlungsquartiere wie Freiham oder im Münchner Nordosten hat die Stadt ihr Ziel, wie viele Wohnungen dort entstehen sollen, erhöht - es wird also dichter gebaut. Sie vergibt Grundstücke vermehrt an Genossenschaften und Firmen, die Miet- statt Eigentumswohnungen bauen. Sie hat die Sobon-Vorgaben verschärft, wenn auch weit weniger, als es möglich und nötig gewesen wäre; da war sie der Immobilienwirtschaft gegenüber zu nachgiebig. Und manche Idee ist (bislang) gescheitert - etwa die Hoffnung, Supermarktketten könnten ihre Parkplätze mit Häusern auf Stelzen überbauen, wie am Dantebad ausprobiert. Das alles sind kleine Schritte, sie werden den Bürgern ihre realen Nöte und berechtigten Sorgen allein nicht nehmen. Aber sie sind nötig.

Denn eben weil die Gestaltungsmöglichkeiten der Stadt so gering sind, muss sie zumindest die kleinen nutzen. Im Sinne derer, die in den Genuss einer günstigeren Wohnung kommen, aber auch als Signal an den Markt, an die Investoren, dass die Stadt nicht gewillt ist, den Irrsinn, nur weil er rechtlich zulässig ist, zu akzeptieren.

Kern des Selbstverständnisses Münchens war immer, Herz eines starken Wirtschaftsraums zu sein, der auch die nicht so Starken nicht vergisst, ihnen ein gutes Leben ermöglicht. In allen Vierteln, nicht nur in Armensiedlungen an der Peripherie. Nie war das in den vergangenen vier Jahrzehnten so bedroht wie heute. Zum Glück hat München in den 1960er- und 1970er-Jahren massiv Wohnungen gebaut, noch heute profitiert es immens davon. Solch wuchtige Programme braucht es wieder. Denn der Oberbürgermeister hat nicht recht, wenn er sagt, München müsse bezahlbar bleiben. Es muss bezahlbar werden.

Wohnen in München
Online-/Digital-Grafik

In keiner anderen deutschen Stadt sind die Preise auf dem Wohnungsmarkt so expoldiert wie in München. Allein in den vergangenen zehn Jahren gab es einen Anstieg um etwa 40 Prozent.

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