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Wohnen:Auf einmal war Heisler selbst Betroffener

Aus der Aktionsgruppe Untergiesing ist in der Zwischenzeit das Bündnis bezahlbares Wohnen geworden, bei Lokalpolitikern auch als "Heisler-Verein" bekannt. 32 Mietergemeinschaften und Stadtteilvereine haben sich darin zusammengeschlossen. Hilfe zur Selbsthilfe nennt Heisler das, er ist auch Mitglied im Selbsthilfebeirat der Stadt. In den nächsten Jahren werde sich das Bündnis professionalisieren, kündigt er an, auch weil die Erwartungen an die Ehrenamtlichen steigen und die Vereinigung wächst. "Wer sind wir, und wo wollen wir hin?" Über solche Fragen müssen sie nachdenken - und wissen bislang nur eines sicher: "Wir sind kein Mieterverein." Auch wenn sie überlegen, künftig mietrechtliche Beratungen anzubieten.

Die Voraussetzungen wären da. Heisler kennt sich aus im Mietrecht, auf seinem Nachttisch liegt der Kommentar zum Mietrecht von Schmidt-Futterer, ein Buch wie ein Ziegelstein, 3030 Seiten. Stoff zum Einschlafen, könnte man meinen. Heisler blättert allerdings nicht abends darin, sondern morgens vor dem Aufstehen. "Ich muss etwas lesen, um wach zu werden." Mit seinem Wissen, das er sich über die Jahre erarbeitet hat, berät er Mietergemeinschaften, sitzt bei Treffen von Großvermietern und langjährigen Bewohnern mit am Gesprächstisch. Er diskutierte in Maybrit Illners Talkshow mit Politikern, und zwei Bundestagsabgeordnete rufen den Studenten regelmäßig an, um zu erfahren, was er von diesem oder jenem Gesetzesentwurf halte. "Ich hänge viel am Telefon."

Manche Wohnanlagen wurden schon mehrfach verkauft, aber bisher noch nicht saniert.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Leute fragen ihn oft, warum er tue, was er tut, im Unterton heißt die Frage: Warum tust du dir das an? Er gibt dann zurück: "Warum tust du es nicht? Es geht auch um deine Wohnung." Und um die Zukunft der Stadt. "Frag nicht, was die Stadt für dich tun kann; frag, was du für die Stadt tun kannst", auch so ein Heisler-Satz. Mitunter findet er es aber auch anstrengend: dass Bekannte sich immer über das eine Thema unterhalten wollen, auch beim Zufallstreffen in der Bar. "Es gibt nur noch den ,Max Heisler Wohnen'", sagt er.

Die Metropole, mit der er sich die ganze Zeit beschäftigt, eigentlich ist sie aus seiner Perspektive weit weg. Er sei "kein Münchner, sondern Untergiesinger, ein Viertelpatriot", sagt er. "Ich bin in meinem Dorf und schaue auf die große Stadt." In Untergiesing ist er aufgewachsen, in Untergiesing lebt er heute mit seiner Freundin und dem knapp ein Jahr alten Sohn, und in Untergiesing, sagt er, werde er wohl eines Tages ins Grab fallen. Hier ist sein Lebensmittelpunkt, auf der anderen Seite der Isar hat er einen Außenposten: die Geyerwally. Auch so ein Stadtviertel-Wohnzimmer, allerdings im Glockenbachviertel. Seit zwei Jahren ist Heisler Wirt in der Boazn, das ist sein Nacht-Job. Bis vier oder fünf Uhr morgens steht er am Wochenende hinterm Tresen. Dann hat er noch einen Tages-Job, "für Miete und Kühlschrank": Er ist Rezeptionist in einem Hautarztzentrum.

Einmal im Monat bietet er Führungen durch Untergiesing an, anhand der Veränderungen im ehemaligen Arbeiterviertel erklärt er dabei das Phänomen der Gentrifizierung. Die Teilnehmer sind entweder neu im Stadtteil oder "sie haben gerade eine Mietsache am Hals". Heisler weiß über quasi jedes Haus Bescheid, er hört die Geschichten der Leute im Viertel, wenn er beim Metzger in der Schlange steht: welcher Investor was erworben hat, ob die energetische Modernisierung schon durch ist und wie hoch die Mieten sind.

Mit der Parteipolitik ist Heisler fertig

Am Ende führt er die Teilnehmer zu dem Wohnblock, in dem er mit seiner Familie wohnt. Der Vermieter, der ehemalige Staatsbetrieb GBW, wollte ihn vor zweieinhalb Jahren sanieren und modernisieren. Die Mieter stemmten sich dagegen. Heisler war plötzlich selbst ein Betroffener. Er organisierte eine Mieterversammlung und betrieb geschickt Öffentlichkeitsarbeit - am Ende ließ sich die GBW nach hartnäckigen Verhandlungen auf einen Kompromiss ein. Keiner musste ausziehen, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte.

Selbst in die Politik zu gehen, das hat der umtriebige Langzeitstudent einmal versucht, mit der Wählergruppe Hut, die 2013 einen Sitz im Stadtrat ergattern konnte. Mittlerweile ist er ausgetreten und das Thema Parteipolitik sei für ihn "durch", sagt er. Künftig als Politikberater zu arbeiten, das kann er sich besser vorstellen. Das klassische Berufsumfeld für einen Ethnologen wäre ja ein Museum. Aber das ist nichts für ihn. "Ich muss raus zu den Leuten, ich muss das spüren, was ich erzähle."

© SZ vom 19.04.2017/vewo
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