Maxvorstadt:Vermieter will Miete nach Brand um das Fünffache erhöhen

F3997 2017

Mit 120 Einsatzkräften rückte die Feuerwehr am 23. Februar 2017 aus, um den Brand an der Tengstraße zu löschen.

(Foto: Privat)
  • Die Mietwohnung von Manfred Lindermaier wurde bei einem Brand zerstört - ob und wann er zurückkehren kann, ist unklar. Der Fall wird vor Gericht verhandelt.
  • 537,32 Euro für 120 Quadratmeter hat Lindermaier zuletzt gezahlt.
  • Die Hauseigentümer sahen nach dem Brand aber das Mietverhältnis aufgehoben. Und boten die Wohnung luxussaniert für den fünffachen Mietpreis an.

Von Stephan Handel

Als über ihm die Katastrophe ausbrach, lag Manfred Lindermaier im Bett. Die Tochter klingelte, sie wohnte ein Stockwerk höher: "Es brennt!" Das Nötigste geschnappt, im Schlafanzug runter auf die Straße, und Lindermaier konnte zuschauen, wie die Flammen sein Heim, sein Leben auffraßen.

Das war am 23. Februar 2017, die Feuerwehr schrieb hinterher, dass 120 Einsatzkräfte mit 50 Fahrzeugen eine Stunde brauchten, um das Feuer unter Kontrolle zubringen, dass starker Wind für enormen Funkenflug verantwortlich war und dass die Hausbewohner - also Manfred Lindermaier, seine Familie und die Nachbarn aus den anderen acht Wohnungen in dem Haus Tengstraße 2 - in einem Großraumrettungswagen untergebracht waren. Der Schaden und die Brandursache "kann nicht festgestellt werden", schrieb die Feuerwehr.

Mittlerweile ist klar, dass der Schaden in die Millionen ging und dass wohl ein defekter Heizlüfter auf der Baustelle im Dachgeschoß das Feuer entzündete. Unklar hingegen ist immer noch, ob und wann Manfred Lindermaier in seine Wohnung zurückkehren kann. Um das zu klären, wird er sich an diesem Donnerstag mit den Eigentümern der Wohnung in einem Gerichtssaal am Landgericht treffen. Was in den gut eineinhalb Jahren seit dem Brand geschehen ist, sagt Lindermaier, "löst eine ohnmächtige Wut aus".

1978 ist Manfred Lindermaier in die Wohnung in der Tengstraße eingezogen, viereinhalb Zimmer, Küche, Bad, etwa 120 Quadratmeter. Wenn er erzählt, wie viel Miete er bezahlt hat, dann ist ihm das sichtlich selbst ein bisschen peinlich: 537,32 Euro wurden zuletzt am 1. Februar 2017 überwiesen, nach dem Brand bezahlte die Versicherung den Eigentümern ihren Mietausfall. Es gibt allerdings einen Grund für die extrem niedrige Miete in der besten Maxvorstadt: Seit er dort wohnt, hat Lindermaier sämtliche Sanierungen aus eigener Tasche bezahlt. Lindermaier ist pensionierter Beamter, Kriminalhauptkommissar a. D., wahrscheinlich deshalb ist ihm ein gewisser Hang zu eigen, die Dinge in Ordnung zu halten: Sauber hat er aufgeschrieben, was er alles geleistet hat in seiner Wohnung, die abgehängte Decke, die Fliesen im Bad, die Dusche, die Badewanne und noch einiges andere.

Alles ging gut, bis Anfang 2014 - da wurde das Haus verkauft. Ziemlich schnell verschickte die neue Hausverwaltungsgesellschaft eine Liste mit den geplanten Sanierungen. Die hätten natürlich auch Mieterhöhungen nach sich gezogen, aber alles im Rahmen. Mit mehreren Zwischenschritten gelangte die Wohnung schließlich in das Eigentum einer Familie aus dem östlichen Landkreis München. Auch da machte sich Lindermaier noch keine großen Sorgen. "Wir freuen uns auf ein gutes und harmonisches Mietverhältnis", schrieben die neuen Eigentümer kurz nach dem Kauf.

Im Dezember 2016 erhielt Lindermaier diesen Brief - neun Wochen später brannte es. Und noch einmal drei Wochen nach dem Feuer erhielt Lindermaier dann das Schreiben, das ihn nun vor Gericht führen wird: Das Haus und mithin die Wohnung seien durch den Brand zerstört. Das entbinde den Vermieter von seiner "Gebrauchsüberlassungspflicht", womit das Mietverhältnis beendet sei. Auf Nicht-Juristisch: Es gibt keine Wohnung mehr, also kann sie auch nicht mehr vermietet werden.

Das Objekt werde derzeit "luxussaniert"

"Untergang der Sache" heißt das im Bürgerlichen Gesetzbuch, und "Unmöglichkeit der Leistung". So unmöglich sei das aber doch nicht, fand Lindermaier - immerhin bezahlte die Gebäudeversicherung den Eigentümern ja eine beträchtliche Summe, die Versicherung, die Lindermaier über die Mietnebenkosten jahrzehntelang finanziert hat. Er weigerte sich, auf seine Wohnung zu verzichten, und wurde schließlich verklagt. Die Klageschrift des gegnerischen Anwalts nimmt er nun als Beweis für seine Auffassung. Denn steht in ihr nicht, dass mit Sanierungskosten von mindestens 200 000 Euro zu rechnen sei? Und bedeutet das nicht, dass die Sanierung seiner Wohnung also doch nicht unmöglich sei? Tatsächlich wird momentan in der Tengstraße 2 kräftig gebaut, anzunehmen ist, dass das alte Haus schöner als zuvor aus der Brandsanierung hervorgeht.

Dass die Angelegenheit in diese Richtung läuft, davon ist Lindermaier noch mehr überzeugt, seit er in einem Online-Portal eine Anzeige gefunden hat, eine Anzeige, in der die Wohnung unter der seinen angepriesen wird, vom Zuschnitt her sind die beiden identisch: In der Beschreibung steht, das Objekt werde derzeit "luxussaniert", Fischgrätparkett, Stuckdecken, Markeneinbauküche. Der Preis: 3240 Euro kalt, mehr als das Fünffache von Lindermaiers letzter Miete. Er selbst wohnt momentan mit seiner Frau in der Hansastraße, 80 Quadratmeter für 1400 Euro kalt.

Maxvorstadt: Derzeit wird das Haus saniert.

Derzeit wird das Haus saniert.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Vergleichsangebot der Vermieter hat Lindermaier abgelehnt, 50 000 Euro sollte er bekommen. "Das hätten die durch die höhere Miete schnell wieder drin", sagt er. Am Amtsgericht jedenfalls, wo der Fall heuer im März verhandelt wurde, bekam der Mieter recht: "Mit dem selbstgefassten Beschluss, das Gebäude wiederherzustellen", heißt es in dem Urteil, "kann sich die Klagepartei nicht auf eine Unzumutbarkeit der Wiederherstellung berufen".

Tobias Huber, der Anwalt der Eigentümer, sagt, seine Mandanten seien für eine einvernehmliche Lösung offen - natürlich nicht für 500 Euro Miete in einer nun generalsanierten Wohnung: "Aber ein Betrag um die 1800 Euro, da könnte man drüber reden." So könnte es sein, dass die Gerichtsverhandlung am Donnerstag kurz wird - wenn die Parteien sich doch noch einigen. Manfred Lindermaier sagt, ihm gehe es um die Wohnung, in der er 40 Jahre lang gelebt hat: "Momentan wohne ich zwar, aber ich hab' keine Heimat mehr."

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