Miete in München:Wohnungssuche per Aushang: "Hobby braucht man keines mehr"

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Miete in München: Keine Probezeit, keine Zigaretten, keine Instrumente, wirbt Leonie Schwaiger.

Keine Probezeit, keine Zigaretten, keine Instrumente, wirbt Leonie Schwaiger.

(Foto: Alessandra Schellnegger; Bearbeitung SZ)

Wer eine neue Bleibe sucht, der lernt viel über diese Stadt. Ein Blick auf die Geschichten hinter den Zetteln - manchmal sogar mit positivem Ende.

Von Anna Hoben und Pia Ratzesberger

Die Zettel sieht man meist im Vorbeigehen. Sie hängen an Ampeln oder Laternen, an Stromkästen oder Haltestellen, überall in der Stadt, mit Telefonnummern zum Abreißen. Man liest und geht weiter, oft hat man die Zettel rasch vergessen - dabei erzählen sie manchmal von viel mehr als nur von einer Wohnungssuche. Davon, wie es sich in dieser Stadt lebt, welchen Einfluss die teuren Mieten haben, vor welchen Problemen so viele Münchner stehen. Es lohnt sich also, einmal anzurufen bei denen, die diese Zettel geschrieben haben. Und mit ihnen übers Wohnen und die Stadt zu reden.

Man trifft dann zum Beispiel Anna Hammer, 38 Jahre alt, in Haidhausen. Gerade wohnt sie auf 55 Quadratmetern, sie sucht eine Wohnung mit mindestens 90 Quadratmetern. Zentral, hell, am liebsten Dachgeschoss. Ihr Freund, der vorher in Hamburg wohnte, ist eben erst in ihre kleine Wohnung mit eingezogen, sie bekommen bald ein Kind. Auf ihrem Zettel steht: "Wir hätten eine Altbauwohnung in Haidhausen für 850 Euro zum Tausch anzubieten." Dort sitzt Anna Hammer nun also in der Küche an einem kleinen Holztisch, die Sonne scheint auf den Balkon. Sie arbeitet als Sales Managerin, ihr Freund als Kreativdirektor, 2000 Euro Kaltmiete könnten sie maximal zahlen - und das zeigt ganz gut, wie der Markt in München abgeht.

Wenn sich selbst Menschen wie Anna Hammer und ihr Freund, die im Monat jeweils 1000 Euro Miete zu zahlen bereit sind, schwer tun - wie muss es dann denen gehen, die im Monat 1000 Euro netto verdienen? Bei den Dutzenden Wohnungen, die sie sich angesehen hat, sagt Hammer, wären schon welche dabei gewesen, aber sie suche nach der einen Wohnung, bei der klar ist, die ist es. Manche werden entgegnen, das sei aber auch ganz schön anspruchsvoll. Andererseits: Warum sollte man nicht erwarten dürfen, in eine Wohnung zu ziehen, die einem auch wirklich gefällt? Noch dazu wenn man sein eigenes Geld verdient, viel arbeitet.

Eine ältere Dame, die für ihre 140 Quadratmeter genauso viel zahlt wie Anna Hammer für 55 Quadratmeter, hatte sich zuletzt für einen Tausch interessiert, es war aber klar, sie würde nicht noch ein zweites Mal umziehen. In der nächsten Wohnung wolle sie sterben. Und zwar in einer Wohnung mit Badewanne. Deshalb wurde aus dem Tausch nichts. Eigentlich wollte Anna Hammer noch vor der Geburt umziehen, mittlerweile glaubt sie nicht mehr daran. Woran sie aber glaubt: an den sonnigen Balkon draußen, die Küche und ihre zwei kleinen Zimmer. "Die Altbauwohnung ist unser bestes Pfund." Hammer und ihr Freund haben damit wahrscheinlich bessere Chancen als all diejenigen, die keine Wohnung zu bieten haben, die zum ersten Mal suchen. Zum Beispiel Carina Schwaiger, 23, und Theresa Kelcso, 24. Auf ihrem Zettel steht: "WG sucht Heim."

Die beiden waren mal optimistisch, hatte ja immer noch alles irgendwie geklappt. Sie kennen sich seit der Schulzeit, arbeiten und wollen nun zusammenziehen. "Wir haben uns auf unser Glück verlassen", sagt Schwaiger, "wir dachten nicht, dass es so ein Krieg wird." Im Dezember fingen sie an, mit dem Ziel, im April ihre erste eigene Bude zu beziehen. Das Ziel April haben sie längst aufgegeben, und mittlerweile sind sie ein bisschen kampfesmüde. Schwaiger wohnt bei ihren Eltern in Berg am Laim, auch Kelcso lebt noch zu Hause, in Poing.

Es ist nicht so, dass sie dringend raus müssten. "Aber", sagt Schwaiger, "irgendwann wird's Zeit." S-Bahn-Innenraum wäre schön, schrieben sie auf ihren Zettel, Einbauküche und Badewanne auch. Ansonsten keine großen Ansprüche. "Alle Beteiligten verdienen Geld", fügten sie noch an; dann druckten sie einen Schwung Zettel aus und liefen ein Wochenende lang durch die Stadt. Giesing, Glockenbachviertel, Schwabing, Olympiadorf, Trudering. Es meldete sich genau eine Vermieterin. Die Wohnung wäre schön gewesen, am Prinzregentenplatz, leider 200 Euro über ihrem Budget. 1200 Euro warm können sie bezahlen, "absolutes Maximum", sagt Kelcso.

Fragt man die beiden, auf wie viele Annoncen sie sich schon gemeldet haben, schluckt die eine und die andere fängt an, auf ihrem Handy zu wischen. "118", sagt Kelcso nach einer Weile, allein auf einem einzigen Immobilienportal; ihre Freundin hat auch noch mal so viele Anfragen geschrieben. Eine Zeit lang gab es für sie kein anderes Thema. In jedem freien Moment schaute sie auf ihr Handy. Den USB-Stick mit den wichtigen Unterlagen trug sie immer bei sich - falls sie schnell zu einer Besichtigung müsste. Und Kelcso ertappte sich in einem Konzert einmal dabei, wie sie anfing, auf Annoncen zu antworten. "Ich war im Flow, in der einen Hand ein Bier, in der anderen das Handy."

Die meisten Vermieter wollen keine Wohngemeinschaft, glauben die beiden. "Die schreiben dann, nicht WG-geeignet, aber wenn man die Grundrisse sieht, wären die perfekt." Sie haben sich auch schon als lesbisches Paar ausgegeben - weil sie glaubten, die Chancen seien dann besser. "Hat aber auch nicht funktioniert." Die bisherige Bilanz ihrer Suche ist mager: sieben, vielleicht acht Besichtigungen. Eine davon dank des Aushangs.

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