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München:Mein Berg, mein See, mein Auto

People go ice-skating and playing hockey on frozen lake Spitzingsee, near the resort town of Schliersee

Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee mit ihren Bergen rundum sind für Münchner Ausflügler tabu.

(Foto: REUTERS)

Wohl noch nie wurde so hitzig darüber gestritten, in welcher Zahl Münchner das Voralpenland besuchen dürfen. Bürgermeisterin Katrin Habenschaden hat Experten und Kollegen vom Schliersee, Tegernsee und Spitzingsee zum Friedensgipfel geladen.

Von Heiner Effern und Matthias Köpf

Die Miesbacher haben Ernst gemacht und ihren Landkreis für Münchner und alle anderen Ausflügler von außerhalb zugesperrt. "Touristische Tagesausflüge in den Landkreis Miesbach sind untersagt", heißt es in einer Verordnung, die bis 31. Januar gilt. Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee mit ihren Bergen rundum sind damit tabu. Seit Mittwoch null Uhr gilt die neue Ansage im besonders Corona-geplagten Kreis Miesbach, am gleichen Abend hatten sich Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) und einige Kollegen aus dem Kreis Miesbach zu einem digitalen Treffen verabredet. Ziel war die Deeskalation in einem Konflikt, der sich seit Wochen zugespitzt hatte. Vielleicht noch nie wurde so hitzig darüber gestritten, in welcher Zahl die Münchner das Voralpenland besuchen oder heimsuchen dürfen, je nach Sicht der Dinge.

Man habe dabei bisher immer nur übereinander, aber noch nie miteinander geredet, sagte sich der Chef des Tourismusverbands im Tegernseer Tal, Christian Kausch. Höchste Zeit das zu ändern, und die für den Tourismus zuständige Bürgermeisterin Habenschaden war sofort dabei. Beide hatten verfolgt, wie sich die Stimmung aufschaukelte, angeheizt von den sozialen Medien, aber auch von Berichten im Münchner Merkur, in denen "Hass" zwischen Münchnern und Oberländlern als faktischer Gemütszustand beschrieben wurde. Einer der Höhepunkte war zum Jahreswechsel ein selbst angefertigtes Schild in der Stadt Miesbach, auf dem den Münchnern der Fuckfinger gezeigt wurde mit der Botschaft: "Verpisst euch!"

Für Gesprächsstoff war also ausreichend gesorgt für die Bürgermeister vor den Bildschirmen. "Sehr ehrlich und offen" habe etwa der Bürgermeister von Schliersee, Franz Schnitzenbaumer (CSU), seinen Frust und Ärger ausgedrückt, sagte Habenschaden. Über die Blechlawine, die seinen Ort an schönen Tagen Richtung Spitzingsee durchrollt. Über überfüllte Parkplätze, durch Naturschutzgebiete stiefelnde Tourengeher und vor allem auch über Ausflügler, die sich mangels Toiletten wegen geschlossener Gaststätten ungeniert erleichterten, wo es ihnen gerade passte. Schnitzenbaumer hatte zuletzt auch in der Öffentlichkeit immer wieder klare Worte dafür gefunden. Am Spitzingsee seien trotz geschlossener Lifte zuletzt nicht weniger Menschen unterwegs gewesen als bei regulärem Skibetrieb.

Er habe Verständnis für Menschen aus der Stadt, die es in die Berge ziehe, aber er bitte eben auch um "Verständnis für unsere jetzige Situation", in der sich viele Menschen fragten, wie Menschenansammlungen auf Parkplätzen, Wegen und Gipfeln mit dem Kampf gegen Corona vereinbar seien. Er registriere aber auf beiden Seiten "eine Verrohung der Sitten, und das ist eigentlich nicht das, was wir alle wollen", sagt er. Es gebe unter den Einheimischen am Schliersee und im Landkreis Miesbach nur "einige wenige, die Stimmung machen" - genauso wie nur einige wenige Ausflügler sich nicht an die Regeln hielten.

Eine schnelle Lösung für die Zeit, wenn der Landkreis Miesbach keine Inzidenzwerte über 200 und damit nicht mehr das Recht zum Zusperren hat, wird es trotz des Treffens nur in Ansätzen geben. Zunächst sollen durch Information und Kampagnen die Autoströme entzerrt werden. "Überspitzt gesagt müssen nicht alle Münchner auf den gleichen Parkplatz fahren und dann alle auf die Neureuth gehen", sagte Habenschaden. Wenn andere lohnenswerte Ziele bekannt und damit auch besucht würden, könnte sich der nachvollziehbare Drang der Münchner, mal in der Natur den Pandemie-geplagten Kopf durchzulüften, in verschiedene Richtungen verteilen.

Die Probleme haben sich verschärft

Um Tagesgäste aus München bemüht man sich am Tegernsee ohnehin seit einigen Jahren nicht mehr - zumindest nicht in Form von speziell auf sie zugeschnittener Werbung. Stattdessen wirbt die Tegernseer Tal Tourismus lieber um Übernachtungsgäste von weiter her, sagte Geschäftsführer Kausch. Das liege aber nicht daran, dass Tagesgäste und Ausflügler nicht willkommen seien, schließlich lassen sie laut einer aktuellen Studie jährlich 95 Millionen Euro im Tal und machen damit rund ein Drittel des gesamten touristischen Umsatzes aus. Aber die Münchner kommen halt sowieso, was sich unter anderem am notorischen Verkehrsproblem am Tegernsee ablesen lässt.

Der Friedensgipfel soll deshalb auch der Auftakt sein, das Verkehrs- und Überlastungsproblem grundsätzlich anzugehen. Die Bürgermeister haben einen runden Tisch zum Tagestourismus vereinbart, an den jedenfalls nach Münchner Vorstellungen auch die Vertreter anderer Kreise aus dem Oberland oder dem Werdenfelser Land dazustoßen sollten. Im Herbst soll laut Habenschaden spätestens ein Modellprojekt in München stehen, das von der Stadt organisierte Busfahrten in die Berge zu sonst kaum öffentlich zu erreichenden Zielen ermöglicht.

Wegen der Ausgangsbeschränkungen und der Schließung von Hütten und Gaststätten haben sich die Probleme verschärft und der Ton ist bei manchen deutlich schärfer geworden. So scharf, dass sich Tourismus-Manager Kausch langsam Sorgen um die "Tourismusgesinnung" im Tal macht. Nun soll die Spirale zurückgedreht werden, ein erster Anfang scheint auf seine Initiative hin gemacht.

© SZ vom 15.01.2021/van
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