Theater:Duell um die Macht

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Zentraltheater Unter Verschluss

Ulrike Dostal und Wowo Habdank belauern sich als Journalistin und Präsident.

(Foto: Lea Mahler)

Michele Cuciuffo inszeniert am Zentraltheater "Unter Verschluss" von Pere Riera.

Von Egbert Tholl, München

Michele Cuciuffo ist ein toller Schauspieler, der unter Martin Kušej zum Ensemble des Residenztheaters gehörte, jetzt dort leider nicht mehr dabei, aber in München immer wieder auf Bühnen zu sehen ist, im Metropol etwa oder auch im Zentraltheater. Dort hat er nun zum ersten Mal selbst inszeniert, einen moralischen Krimi, ein Duell, bei dem es einen Sieger gibt, der letztlich vorher feststand: "Unter Verschluss" von Pere Riera.

Das Stück erlebte seine deutschsprachige Erstaufführung 2015, wurde an einigen Bühnen nachgespielt, aber die Bedeutung, die Riera im Theaterleben Barcelonas hat, wo er lebt, wurde ihm hier noch nicht zuteil. Tatsächlich wirkt das Stück, bei aller klugen Konstruktion, auf eigenwillige Art altmodisch, aber auch wie eine Blaupause für all die Buberl-Kanzler oder Maskenprofiteure im politischen Geschäft, die sich vor allem um eines kümmern: um den Erhalt ihrer Macht, die vom eigenen Fehlverhalten bedroht ist.

Die Journalistin könnte ihn vor laufender Kamera vernichten

Der Herr Präsident bittet zum Fernsehinterview. Es ist Zeit für eine Halbzeitbilanz, aber da kursieren auch Gerüchte. Er soll sich an Minderjährigen vergangen haben. Lange her, aber es existieren Fotos, die in Cuciuffos Inszenierung aussehen wie Filmstills aus dem "Letzten Tango in Paris". Silvia, die Journalistin, die das Interview führen soll, hat diese Fotos. Sie könnte ihn vor laufender Kamera vernichten. Aber sie wird es nicht tun. Nicht, weil sie die Frage beschäftigt, was sie davon hätte, eine offenbar gut funktionierende Regierung zu stürzen. Sondern weil sie selbst in der Bredouille ist. Oder zumindest glaubt, ihrerseits ihre Karriere retten zu müssen.

Etwas eigenartig ist, dass Riera zwar wiederholt von den beiden Herren in diesem Dreipersonenstück sagen lässt, was für ein Vollprofi Silvia sei, diese dann aber doch eher täppisch in die Falle gehen lässt. Erst kann Ulrike Dostal allein das Gemälde an der Wand betrachten, der Präsident in Öl und Hermelin, dann taucht dessen Faktotum auf, gespielt von Yasmani Stambader mit hyänenhafter Selbstgewissheit. Er steht immer zu nah bei ihr, wenn er ihr ein Glas Wasser reicht, er drängt sie in eine seltsame Flirtatmosphäre, in die der Präsident hineinplatzt, Wowo Habdank mit verwuscheltem Haar, barfuß, ganz Harvey Weinstein, jovial, schmierig, im Vorgespräch fürs Interview alle Vorwürfe weglächelnd.

Er und sein Faktotum haben einen Trumpf: Silvias Tochter, 15 Jahre alt, hatte vor der Schule Drogen vertickt und wurde verhaftet, die Mutter sieht schon das Ende ihrer Karriere nahen. Aber das kann man regeln. Wird geregelt. Und das dann sehr staatstragende Interview wird zur Fundamentierung der präsidialen Macht, wobei man stark den Eindruck hat, gegen die beiden abgefeimten Halunken hätte Silvia auch ohne die Drogengeschichte keine Chance gehabt.

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