Michael-Ende-Jahr:Viel Zeit für Momo

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Angela Hundsdorfer erzählt die Geschichte von Lenchen, die der Komponist Wilfried Hiller vertont hat. (Foto: Philipp Guelland)

Garmisch-Partenkirchen erinnert mit vielen Veranstaltungen an Michael Ende und seine vor 50 Jahren geborene Roman-Heldin.

Von Sabine Reithmaier, Garmisch-Partenkirchen

Als "kultureller Leuchtturm" gilt Michael Ende den Garmisch-Partenkirchnern schon länger. 2020 hat der Markt seinen berühmten Sohn neben Richard Strauss und lebendiger Brauchtumspflege als tragende Säule seiner kulturellen Identität im Leitbild verankert. Allerdings noch versehen mit der selbstkritischen Anmerkung, dass es, was Ende betrifft, noch an einem strahlkräftigen Angebot mangle. Doch jetzt scheint die Gemeinde entschlossen zu sein, ihren "Leuchtturm", der 1929 hier geboren wurde, hell erstrahlen zu lassen. Der geeignete Anlass: Vor 50 Jahren erschien Endes berühmtes Werk "Momo", mit dem sich Garmisch-Partenkirchen ein Jahr lang in ungezählten Veranstaltungen beschäftigt. Die große Eröffnungsfeier im Kongresshaus am vergangenen Wochenende lieferte einen allerersten Vorgeschmack auf das Angebot.

Zu verdanken ist die intensive Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller in erster Linie Sandra Debus, der "Fachkraft für Kultur" im Rathaus. Sie hat, unterstützt von der Phantastischen Gesellschaft, die sich seit 2003 um phantastische Kunst und insbesondere um das Werk Endes kümmert, ein breites Bündel geschnürt, die Palette reicht von Schauspielwanderungen über Theateraufführungen bis hin zu Konzertlesungen. "Unsere Grundidee: Michael Ende für alle Schichten und Altersgruppen anzubieten und ihn möglichst breit im Ort zu verankern", sagt Georg Büttel, Vorsitzender der Phantastischen Gesellschaft. "Momo zählt eben zu den Büchern, die viele Leute geprägt und beschäftigt haben." Entsprechend groß sei die Resonanz auf die Aufforderung gewesen, sich am Momo-Jahr zu beteiligen.

Die Theater-AG des Werdenfels-Gymnasiums setzt sich in ihrem Projekt "Searching Momo" beispielsweise mit der Frage auseinander, was mit der Welt passiert, nachdem Momo verschwindet und die grauen Herren das Zeitsparen einfordern. Dass sie alle das Buch erst in Gänze lesen mussten, wie Ensemblemitglied Valentino leicht kritisch anmerkte, dürfte nicht der schlechteste Effekt dieser Arbeit sein. Das Studio Theater Stuttgart stellt später im Jahr ebenfalls seine Version des Klassikers vor. Tatjana Pokorny, Direktorin des Kleinen Theaters Garmisch-Partenkirchen, begnügt sich, musikalisch begleitet, mit Auszügen aus dem Märchenroman. Im Juli eröffnet das Museum Werdenfels die Ausstellung "Komm doch zu Momo", während zum dreitägigen Michael-Ende-Fest im Kurpark auch Künstler aus Endes italienischem Wohnort Genzano di Roma erwartet werden.

Konzertante Uraufführung: Wilfried Hiller hat Endes Erzählung "Lenchens Geheimnis" vertont

Höhepunkt des Eröffnungsabends war ein Werk, das nichts mit Momo zu tun hat, doch viel mit der langjährigen Freundschaft Endes mit dem Komponisten Wilfried Hiller, die in viele Musiktheaterstücke mündete, unter anderem in die Oper "Goggolori". Er nehme sich immer wieder vor, keinen Ende mehr zu vertonen, sagte Hiller. "Aber dann mache ich es doch immer wieder, er ist einfach zu genial."

Kennengelernt haben sich die beiden 1978, als Ende den Komponisten in der Villa Massimo besuchte, und als Gastgeschenk "Momo" mitbrachte. "Er überreichte es mir und sagte, das ist nur ein simples Buch, kein Film, kein Hörspiel, keine Oper, kein Musical, kein Trickfilm", erinnert sich Hiller. "Und heute ist Momo das längst alles." Er selbst hat das Buch mehrmals vertont, schuf erst eine durchsichtig klare Musik für das Düsseldorfer Marionettentheater, später eine Kurpark-taugliche Musik mit viel Schlagwerk für das Garmischer Amphitheater und zuletzt 2018 eine Oper für das Gärtnerplatztheater (2018), immer inspiriert von der Tatsache, dass die Hauptdarstellerin nicht singt, sondern nur zuhört.

Zur Eröffnungsfeier hatte er die Vertonung von Endes poetischer Erzählung "Lenchens Geheimnis" mitgebracht. Eigentlich waren für die konzertante Uraufführung schon zwei Uraufführungstermine angesetzt gewesen, doch die Pandemie wusste beide zu verhindern. Beim dritten Mal klappte alles. Die famose Schauspielerin Angela Hundsdorfer erzählte die Geschichte von Lenchen, das nur liebenswürdig ist, wenn ihre Eltern das tun, was sie möchte. Da das zu selten der Fall ist, sucht die kleine Egoistin Hilfe bei Franziska Fragezeichen (wundervoll schrill: Sopranistin Sibylla Duffe). Die Fee verzaubert die Eltern mit magischen Zuckerstückchen, sie schrumpfen bei jedem Widerspruch. Lenchen gefällt das anfangs gut, doch bald stellt sie sich die Frage, ob der Zustand wirklich ideal ist.

Hiller hat das Stück seiner vierjährigen Enkelin Romy gewidmet. Mit Klavier (Berno Scharpf), Geige (Franziska Strohmayr), Klarinette (Oliver Klenk) und zwei Schlagzeugern (Carl Amadeus Hiller, Thomas Sporrer) sparsam instrumentiert, setzt er feine Akzente, die die Geschichte unterfüttern und deren Wirkung intensivieren. Fabelhafte Gegenwartsmusik, auch für junge Ohren tauglich. Und die auch die älteren im Publikum restlos begeisterte.

50 Jahre Momo - mit Freunden feiern in Garmisch-Partenkirchen. Programm unter buergerservice.gapa.de/momo

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