Black Culture in der FotografieMicaiah Carter fotografiert Hollywood und das einfache Leben

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Ebony im Pelzmantel hat Micaiah Carter 2015 fotografiert.
Ebony im Pelzmantel hat Micaiah Carter 2015 fotografiert. (Foto: Courtesy of Micaiah Carter and Sarah Hasted - International Art Advisory, New York)

Als Werbefotograf für Stars wie Zendaya oder The Weeknd gehört Micaiah Carter zu den Größen seiner Branche. In der Ausstellung „Tender Heart“ im Amerikahaus zeigt er eine bislang wenig bekannte Seite: seine persönlichen, künstlerischen Arbeiten.

Von Constanze Baumann

Weite Straßen, über die tumbleweeds rollen, verstreute Wohnsiedlungen, Hitze, Palmen, verdorrte Büsche. Im Hintergrund schroffe Gebirgsketten. Victorville, eine Wüstenstadt im Süden Kaliforniens, am Rande der Mojave-Wüste. Die Einheimischen nennen die Gegend High Desert, wegen der Lage über dem Meeresspiegel. Die Mühlen des Lebens laufen hier langsamer. Los Angeles ist eineinhalb Autostunden entfernt, Las Vegas etwa drei. Nur manchmal kommen ein paar nostalgische Touristen vorbei, um sich das „Route 66 Museum“ anzuschauen. Die Fernstraße führte bis 1985 durch die Stadt.

Der Anteil der schwarzen Bevölkerung ist hier deutlich höher als anderswo in Kalifornien. Micaiah Carter, selbst Afroamerikaner, hält seine Heimatstadt und ihre Menschen mit der Kamera fest. Im Amerikahaus sind seine Fotografien auf drei Stockwerken ausgestellt – „Tender Heart“ ist seine erste Ausstellung in Europa. Die Bilder strahlen eine sanfte Wärme aus, eine weiche Nostalgie, die Victorvilles Lebensgefühl bis nach München an den Karolinenplatz transportieren.

Auf einem der großformatigen Fotografien, „Pebble Beach“, sieht man einen muskulösen Mann. Sein Körper ist mit Tattoos überzogen, selbstbewusst blickt er in die Kamera. Er steht prominent in der Bildmitte. Im Hintergrund: ein altes Schwimmbad. Vielleicht aus den 70er-Jahren. Der Mann ist ein local, Carter selbst erlernte in dieser Halle das Schwimmen.

Zwei Etagen höher, auf dem zweiten Teil der Serie, sitzt eine Schwarze Frau auf einer Parkbank. Ihr Blick geht geradeaus in die Kamera, offen, sicher. In ihm liegt ein Hauch von Herausforderung, vor allem aber Souveränität. Hinter ihr der Pebble Beach Park, ein weiterer Ort aus Carters Kindheit. Hier verbrachte er Nachmittage mit Freunden, hier lernte er Basketball spielen. Die Frau kennt er von früher; auch sie ist in Victorville groß geworden.

Die Aufnahme „Baby Boy“ stammt aus dem Jahr 2020.
Die Aufnahme „Baby Boy“ stammt aus dem Jahr 2020. (Foto: Courtesy of Micaiah Carter and Sarah Hasted - Internat. Art Advisory, New York)

Geht man durch die Ausstellung, tauchen immer mehr Orte von Victorville auf: ein altes Motel, das Carter als Kind oft sah; ein verlassener Dollar Store, in dem sein Vater gerne einkaufte. Auch die Stadtbewohner werden nach und nach bekannt: Mr. Ron, ein Kirchenmitglied, seine Nichten sowie Melina und Chip, Freunde von ihm. Der Audioguide, über einen QR-Code auf dem Handy abrufbar, liefert die Hintergründe zu den Porträtierten. Carter selbst erklärt seine Werke – es ist, als würde er einen persönlich durch die Räume führen. In die Konzeption der Ausstellung war er stark eingebunden; schon am Eingang begrüßt ein Zitat von ihm die Besuchenden, in dem er beschreibt, worum es in „Tender Heart“ geht.

Zwischen Carters Fotografien mischen sich Archivaufnahmen – Familienfotos, Abzüge aus Fotoalben, die nicht er, sondern seine Angehörigen gemacht haben. Es sind intime Einblicke, die seine Familie und seine Herkunft würdigen. Durch die Einbindung privater Familienfotos wirkt der Blick auf die Stadt nicht abstrakt oder touristisch, sondern nahbar, fast vertraulich. Statt „Postkartenbildern“ sieht man Szenen, die er selbst erlebt hat. Es ist, als wolle er sagen: „Das bin ich, hier bin ich aufgewachsen, das hat mich geprägt.“

Eigentlich ist Carter gar nicht als künstlerischer Fotograf bekannt. Sondern aus der Werbewelt. Vor seiner Linse posierten Pharrell Williams, Zendaya, Megan Thee Stallion, Ice Spice und The Weeknd – um nur einige der Stars zu nennen, die er schon in Szene gesetzt hat. Heute lebt der 30-Jährige nicht mehr in Victorville, sondern in Los Angeles und New York und gehört zu den gefragtesten Kreativen Hollywoods. Seine Fotos schmücken die Seiten von Vogue, der New York Times oder Vanity Fair, daneben drehte er ein Musikvideo für Tinashe und einige Werbeclips, zum Beispiel für Clinique, Mac und Rare Beauty.

In „Tender Heart“ sucht man Hollywood-Glanz vergeblich. Nur vereinzelt lassen ein paar Outtakes seiner Werbefotoshootings ein wenig Glamour durchscheinen – im Mittelpunkt steht Victorville, das einfache Leben jenseits des Rampenlichts. Carter fängt alltägliche, kleine Momente ein: das Binden eines Durags, das Haareschneiden im Wohnzimmer durch ein Familienmitglied oder das gegenseitige dapping up – eine gängige Geste von Zuneigung und Freundschaft in der afroamerikanischen Community.

Doch so sehr Carters künstlerische Werke auf den ersten Blick von seinen kommerziellen Arbeiten abzuweichen scheinen, ist die Hinwendung zum Künstlerischen kein radikaler Richtungswechsel. „Die Grenzen dessen, was Blackness ist, durchbrechen und dafür sorgen, dass wir als Menschen wahrgenommen werden, statt als ein Trend“ – das ist Carters Vision, in der Werbefotografie wie in seinen künstlerischen Arbeiten. Er möchte schwarze Menschen sichtbar machen. Im Amerikahaus wird das überall spürbar: Mit seinen Bildern schenkt er Victorville eine Stimme – sein Blick auf Black Culture ist sanft, einfühlsam und voller Stolz.

Micaiah Carter – Tender Heart, Amerikahaus, Karolinenplatz 3, bis 18. Januar 2026

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