Eine überdimensionale Uhr beherrscht die Bühne. Fünf Menschen versuchen, mit ihr Schritt zu halten. Sie gehen wortwörtlich mit der Zeit, rennen, halten inne. Der Takt der Uhr folgt den politischen und gesellschaftlichen Entgleisungen der Gegenwart. Beim Zuhören wünscht man sich, all das wäre einer grotesken Fantasie entsprungen. Doch was sich hier abspielt, speist sich fast protokollhaft aus den vergangenen zwei Jahren – „das Zeitalter, in dem Krisen Norm und Norm zur Krise wird“. Mit scharfer Zunge und sprachlicher Finesse eröffnet das Metropoltheater seine Saison.
In „Chronik der laufenden Entgleisungen“, nun als deutsche Erstaufführung dort präsentiert, blickt Thomas Köck aus der Perspektive eines Kindes der Arbeiterklasse auf den zunehmenden Rechtsruck in Österreich und Deutschland. „Der Rechtsruck, der kein Ruck mehr ist, sondern eine jahrzehntelange Verschiebung sämtlicher demokratischer Grundprinzipien“ – schon in den ersten Minuten setzen Sätze wie dieser den Ton der gesamten Inszenierung.
Fünf Stimmen erheben sich abwechselnd – zunächst aus den Reihen des Publikums, später auf der Bühne. Zu Beginn des Stücks montieren sie gemeinsam einen Zeiger, der die gesamte Bühne ausfüllt; eine schlichte und dennoch wirkungsvolle Gestaltung des Bühnenbilds unter der Leitung von Thomas Flach. Je nach Ereignis und Zeitpunkt der Inszenierung dreht sich der Zeiger vor und zurück, mal schnell, mal langsam. Die Uhr wird zum Taktgeber. Sie bestimmt das Tempo, lässt Momente der Hektik, der Panik, aber auch des Innehaltens entstehen. Treiber der Zeit sind die tatsächlichen Ereignisse vor den österreichischen Nationalratswahlen 2024, als die FPÖ erstmals stärkste Kraft wurde.

Der Anlass steckt schon im Stoff. Thomas Köck wurde von den Schauspielhäusern Graz und Wien damit beauftragt, ein Jahr lang die österreichische Innenpolitik literarisch zu dokumentieren. Wer sein Werk kennt, weiß: „Chronik der laufenden Entgleisungen“ ist kein Schnellschuss aus Empörung, sondern Teil einer konsequenten Haltung gegen rechts. Diese intensive Auseinandersetzung spiegelt sich auch im Stück wider. Mit der analytischen Schärfe eines Politologen und der sprachlichen Finesse eines Dramatikers verwandelt Köck politische Diagnose in Kunst. So wird aus Analyse Theater – und man hört zu, weil einen die Härte des Gesagten direkt und persönlich betrifft.
Diese Direktheit bleibt nicht theoretisch oder kühl. In der Bühnenfassung von Regisseur Alexander Weise reflektieren die Figuren in monologhaften Aneinanderreihungen die politischen Entwicklungen und ihr eigenes Innenleben. Namen tragen sie nicht. Jeder Satz könnte von jedem stammen, jede Erfahrung von allen – oder doch nur von einem? Etwa von Köck persönlich? Dennoch besitzt jede Rolle ihre eigene Art, mit den Ereignissen umzugehen.

Genau hier liegt die schauspielerische Stärke von Victoria Mayer, Luca Skupin, Harald Horvath, Hubert Schedlbauer und Sophie Rogall. Jede ihrer Bewegungen erzählt von Angst, Wut oder Frustration. Ihre Stimmen tragen die politischen Analysen, die persönlichen Geschichten und die Reflexionen gleichermaßen – scharf, direkt, unmissverständlich. Nie belehrend, immer beobachtend und teilnehmend zugleich. Sind die Tränen in ihren Augen noch Teil der schauspielerischen Leistung – oder entspringen sie teilweise der persönlichen Betroffenheit, vor allem, wenn sie auch während des Applauses nicht versiegen?
„Es macht schon auch Sinn, Kunst und alles, gerade hier, gerade jetzt“, hallt es am Ende des Stücks als Chor durch den Raum. Treffender könnte man nicht formulieren, warum ein solches Stück gerade jetzt so dringend nötig ist. Theater, das zum Hinsehen, Mitfühlen und Nachdenken zwingt. Zeitgenössischer, unmittelbarer und dringlicher als in „Chronik der laufenden Entgleisungen“ geht es kaum.
Chronik der laufenden Entgleisungen, Metropoltheater, Floriansmühlstraße 5, München, nächste Termine: 21. bis 23. Oktober und 29. Oktober bis 2. November; Tickets und Informationen unter www.metropoltheater.com

