Kritik:Kurz und gut?

Vermerk: Die Wahrheiten

 

Credit: Jean-Marc Turmes/Metropoltheater

 

In die LB SZ Extra stellen, sie sind für den 23. 9. Eingeplant, die Rechte sind Online freigegeben.

Männer und Frauen verstehen sich? Michele Cuciuffo und Katharina Müller-Elmau in "Die Wahrheiten".

(Foto: Jean-Marc Turmes/Metropoltheater)

Jochen Schölch eröffnet mit "Die Wahrheiten" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz die Saison im Metropoltheater. Ein intensiver Abend über Frauen, Männer und Me Too.

Von Yvonne Poppek, München

Würde man nach einem Motto für diesen Abend suchen, würde sich "In der Kürze liegt die Würze" anbieten. Jochen Schölch hat am Freitag am Münchner Metropoltheater die Saison vor vollbesetzten Zuschauerreihen mit "Die Wahrheiten" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz eröffnet. Es ist ein Vier-Personen-Kammerspiel, 100 Minuten Dialoge, stets nur zwischen zwei Figuren. Am Ende liegt ziemlich viel in Schutt und Asche, Auslöser ist eine Kurznachricht, bekanntlich ja der Sargnagel der Kommunikation. Es ist also wie gesagt: Kürze, Würze.

Der Beginn des Stücks ist dabei ganz harmlos, es könnte auch der einer Boulevardkomödie sein: Das wohlsituierte Paar Sonja und Bruno kommen aus dem Kino nach Hause, sie trinken noch ein Glas Wein, plaudern, da ploppt eine Nachricht auf Brunos Handy auf: Ihre Freunde Jana und Erik wollen nach 17 Jahren Freundschaft den Kontakt zu ihnen abbrechen. Ohne Diskussion. Der Text hat Sprengkraft, auch innerhalb der Beziehung von Sonja und Bruno. Es wird diskutiert, gestritten. Nach und nach stellt sich heraus, dass Jana sich als Opfer eines Machtmissbrauchs durch Bruno und seine Kollegen fühlt. Bruno bewertet das alles anders, Sonja und Erik feilen noch an ihren Perspektiven, jeder hat seine "Wahrheit", über allem schwebt die Me-Too-Debatte.

Der Zuschauer fühlt sich wie ein Voyeur

Die einzelnen Rollen hat Jochen Schölch am Metropoltheater hervorragend besetzt: Michele Cuciuffo gibt den Macho Bruno, breitbeinig und polternd. Wie das Pavian-Alpha-Männchen den Felsen besetzt er das einzige, multifunktionale Bühnenelement (Bühne: Thomas Flach). Ihm zur Seite gestellt ist Katharina Müller-Elmau als Sonja, die sich von den Männlichkeitsposen wenig beeindrucken lässt. Mara Widmann deutet ihre Jana als durch Traumata verunsicherte und verhuschte Frau, die trotzdem bei Erik (Leo Reisinger) eine seltsame Anhänglichkeit auslöst. Tempo, Timing, Tonfall - wie allerfeinste Zahnrädchen greifen sie an diesem Abend ineinander. Der Zuschauer fühlt sich fast wie ein Voyeur, so alltagsabgeschaut werden die Gespräche auf der Bühne geführt. Dabei verharren die Figuren in ihren jeweiligen Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern, der Konflikt beruht letztlich darauf, dass Männer und Frauen einander nicht verstehen.

Ohne Frage: Es sind intensive 100 Minuten, keinen Moment verliert sich die Spannung auf der Bühne. Und gerade der vollbesetzte Saal tut das Übrige: Der Funke von der Bühne zum Publikum kann überspringen, wird nicht innerhalb großer Abstände erstickt. Dennoch gibt es ein Manko: Hübners und Nemitz' Text bleibt seltsam diffus, pendelt zwischen Komödie und der Verhandlung ernster Traumata. Schölch hat sich klug dafür entschieden, Ohnmachtsgefühle und Vergewaltigung nicht dem Pingpong einer Komödie zu opfern. Er bleibt ganz nüchtern bei der Textvorlage. Das Autoren-Duo indes stellt dar, bildet ab, findet zu keinem rechten, starken Ende, genau das spiegelt sich dann auf der Bühne wider. In diesem Punkt fehlt dem kurzweiligen Abend die rechte Würze.

© SZ/arga
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