Süddeutsche Zeitung

Alle Aktionen zu den Konzerten im Olympiastadion:München im „Metallica“-Rausch

Lesezeit: 5 min

Die Heavy-Metal-Giganten rufen zum „Munich Takeover“ auf. Doch die Fans sind ihnen eh verfallen und organisieren ein Wochenende des Rock-Wahnsinns mit Tribute-Shows, Bierathlon und Headbanger-Yoga.

Von Michael Zirnstein

Metallica haben ein „Munich Takeover“ ausgerufen. Wenn die dominierende Heavy-Metal-Band in Bayern anrückt, hat sie natürlich keine feindselige Eroberung im Sinn, sondern vielmehr eine freundliche Übernahme. James Hetfield, Lars Ulrich, Kirk Hammett und Robert Trujillo kommen ihren Fans stets gern entgegen.

1984 gaben sie ihr Deutschland-Debüt in der Hemmerlein-Halle im oberfränkischen Neunkirchen, drei Jahre später spielten sie erstmals in München im Kongresssaal des Deutschen Museums. 2018 in der Olympiahalle erwiesen sie ihren Fans mit „Skandal im Sperrbezirk“ die Ehre, ein Jahr später im Stadion spielten sie den anderen großen Hit der Spider Murphy Gang, „Schickeria“, an.

Umso interessanter dürfte es werden, welche heimlichen München-Hymnen Metallica diesmal für die hiesigen Anhänger einstudiert haben, denn nun rocken sie zwei Abende lang das Olympiastadion. Wobei der Titel der „M72 World Tour“ wie geschaffen scheint für die Olympiastadt ’72 München, tatsächlich aber für „Metallica“ und den Titel des aktuellen Albums „72 Seasons“ steht. Jedenfalls haben sie für das Konzept ihrer „No Repeat Weekends“ zwei völlig verschiedene Setlists versprochen, damit die Getreuen, die zweimal dabei sind, sich nicht langweilen. Als ob!

Metallica-Fan-Events auf einen Blick

Tatsächlich gibt es für den Doppelschlag Zwei-Tages-Tickets wie für ein ganzes Rock-Festival, und als solches kann man dieses Wochenende im Mai durchaus verstehen. Nicht nur, weil die großen Stars an jedem Abend jeweils zwei andere Vorbands mitbringen, die für sich schon Headliner-Qualitäten haben: Architects, die am Freitag, 24. Mai, zusammen mit Mamoth WVH eröffnen, sind zum Beispiel heuer die Headliner beim 45000-Gäste-150-Bands-Metal-Open-Air „Summer Breeze“; am Sonntag, 26. Mai, wärmt nach Ice Nine Kills die Band Five Finger Death Punch das Feuer an, die in München schon mal selbst zweimal die Olympiahalle füllte.

Und das ist noch längst nicht alles: Für den Katertag nach dem ersten Exzess hat sich das Metallica-Management eine ruhigere Veranstaltung zum Runterkommen ausgedacht: eine Lesung von Ross Halfin in der Alten Kongresshalle (12.30 Uhr).

Der Fotograf und einstige Chef-Redakteur des Rock-Magazins Kerrang hat nicht nur ein Buch über das legendäre „Schwarze Album“ der Band geschrieben, er hat auch viel zu erzählen über seine vielen Fotosessions und Reisen mit Metallica (und The Who, Sexpistols, AC/DC …) rund um den Planeten. Tatsächlich waren die Pioniere des Thrash-Metal (Schredder-Metal) ja die erste Band, die auf allen sieben Kontinenten inklusive der Antarktis aufgetreten sind. Danach, von 16.30 Uhr an, können sich die Fans hier beim „Metallica Filmfest“ mit „Cliff Them All“ (alte VHS-Aufnahmen), „Cunning Stunt“ von 1997 und „Pasion y Gloria“ von den drei Nächten vor 155000 Mexikanern in Stimmung versetzen für die zweite Sause am Sonntag.

Die lässt sicher auch Kathi Berg nicht sausen. Sie als Metallica-Superfan zu bezeichnen, wäre sicher nicht untertrieben. Seit Langem reist sie ihrer Lieblingsband hinterher, sie ist die Eventmanagerin vom Chapter St. Germany in München, dem größten Fan-Verein mit dem offiziellen Segen der Band in Europa. Zu diesen 200 Auserwählten zu gehören (es gibt längst einen Aufnahme-Stopp) ist eine Ehre, aber kein Selbstläufer. „Wir alle sind bereit, etwas zu tun“, sagt Berg. So wie die Band „voller Herzlichkeit“ viel Gutes tue und „ihren Fans unheimlich viel zurückgibt“, will auch ihr Zirkel anpacken.

„Metallica Fans Give Back“ lautet das Motto für ihr großes Heimspiel-Wochenende: Am Samstagmorgen wollen alle bei der Essensausgabe der Münchner Tafel an Bedürftige helfen; denen sollen auch die Erlöse ihrer Sammelaktion und einer Tombola zugutekommen. Über die Gewinne wiederum dürften sich die anderen Metallica-Fans freuen: Wer die richtigen von 1000 Losen zu je fünf Euro zieht, kann nicht nur eine „ESP Metallica Signature Gitarre“ und ein „Morley Cliff Burton Power-Wah-Fuzz-Pedal“ gewinnen, welche die Band selbst gelegentlich spielt, sondern auch Teile der Original-Kulisse vom Cover des aktuellen Albums „72 Seasons“. Das ist zwar im Grunde nur verbranntes Spielzeug, aber für Fans freilich sind das Reliquien. Und mit denen können alle in einer Foto-Box während des „Metallica Weekend Bashs“ im Münchner Rock-Zentrum Backstage kuscheln oder ein Bild machen.

Die Gruppe St. Germany (benannt nach dem Album „St. Anger“) hat viel vor an diesem Wochenende. Und man sei „sehr stolz“ darauf, dass die Band das bemerkt hat. Nicht nur das: Dass all ihre Veranstaltungen und auch das Konzert der Tribute-Band My’Tallica am Samstag auf den offiziellen Ankündigungen der Band stünden, sei so noch nie vorher passiert, weiß Berg freudig zu berichten. Drummer Lars Ulrich müsse sich persönlich dafür eingesetzt haben, hofft sie, „der segnet ja jeden Flyer persönlich ab“.

Es wird ein Familienfest, die zentral von der Band gesteuerten Chapter sind bestens untereinander vernetzt, es haben sich Freunde aus der ganzen Welt angekündigt (immerhin gibt es ein Sammel-Ticket für alle Konzerte der Tour). Und alle sollen sich in München zu Hause fühlen. „Jedes Metallica-Konzert ist ein Heimkommen“, sagt Berg, von Beruf Veranstaltungsagentin: „Wir lassen es knallen.“

Das Programm beginnt am Donnerstag, dem Tag vor dem ersten Konzert, mit einem „Charity Bierathlon“: Also zuerst Augustiner-Bier vom Sponsor trinken und dann drei Kilometer durch den Hirschgarten joggen, oder umgekehrt. „Wir sind zwar inzwischen alle seriös, aber wir saufen schon noch mal gern“, sagt Berg. Manche Rocker-Klischees stimmen halt doch. So hat auch die Schnapsbrennerei Spirit Lab Bavaria extra eine Metallica-Sonderabfüllung ihrer „Spitzenprodukte“ Rye Gin Meri, Rye VDKA und Amaro Bassa Baviera angefertigt. Die kann man am Samstag im Backstage bei einem Tasting probieren. Dabei werden auch Zigarren geraucht, denn James Hetfield soll sich neuerdings auch gerne welche anstecken.

„Wir werden alle älter“, sagt Kathi Berg. Da zieht es schon mal im Nacken. Wie gut, dass St. Germany eine eigene Yoga-Lehrerin hat. Und die wird am Freitag- und am Sonntag-Nachmittag alle in einem „Headbanger’s Workout“ gezielt auf die große Kopfschüttelei in den Konzerten vorbereiten.

Ulrich und Hetfield sind in 43 Jahren, also seit sie sich 16-jährig in Los Angeles wegen einer Annonce kennenlernten, zu Zeremonienmeistern des Massen-Metal geworden: brachial, strahlend, bedrohlich, episch. Aber auch ihre Fans können mittlerweile Events machen: Am Samstag bieten sie nach einem Warm-up-Grillen (12 Uhr) im Backstage einen Culture-Treff, bei dem erst mal erzählt wird: von Tom Engelbrecht, Weltrekordhalter mit den meisten Metallica-Tattoos, Renee Richardson von der Metallica-Hilfs-Organisation „All Withiin My Hands Foundation“, und von John Cruz, der mit dem einstigen Metallica-Bassisten Cliff Burton zusammen in der Band True Temper gespielt hat. Da weht Legenden-Wind durch die raunende Fan-Schar. Danach versucht die Schwelmer Cover-Band My’Tallica auf originalgetreuem Equipment, nicht unter der Last der Legenden auf die Knie zu gehen.

Von Mittwoch an eröffnet ein Metallica-Pop-up-Geschäft im Studio Balan (Moosacher Straße 86, bis Sonntag, täglich 10 bis 19 Uhr). Man verspricht den Fans einzigartige Devotionalien: eine „eigene Splatter-Vinyl-Edition von „72 Sesaons“, ein „völlig exklusives Siebdruck-Poster und Event-T-Shirt“ vom Künstler Ken Taylor, ein „unglaubliches Skateboard in Zorlove-Form“ oder erstmals „ein exklusives Set mit vier alternativen Bandporträts in limitierter Auflage, die auf 12-Zoll-Archivkarton aus den 72-Seasons-Fotosessions von Lee Jeffries gedruckt wurden“, sowie „zwei brandneue Bierbecher zum Sammeln“.

Alle Orte des Metallica-Weekends sind auch auf der Internetseite der Band in einer interaktiven Landkarte zu finden. Nur nicht, in welchem Hotel man die Musiker aufspüren kann. Kathi Berg hat dafür volles Verständnis und will sich selbst nicht auf die Lauer legen. Vielleicht, weil sie eh schon einmal von ihren Idolen bei einem Streich-Foto-Shooting in der TV-Sendung „Circus Halligalli“ von Joko und Claas überrascht wurde. Aber eher, weil sie findet: „Wir sind keine Groupies mehr. Und James Hetfield ist nicht umsonst in the Middle of Nowhere nach Colorado gezogen, der packt es nicht mehr, überall von jedem angesprungen zu werden.“

Vielleicht unterscheidet das die Edel-Fans von den „Nothing Else Matters“-Fans, die also wegen der großen Hit-Schnulze kommen, und den jungen „Stranger Things“-Fans, die über den Song „Master of Puppets“ im epischen Finale der Netflix-Serie angelockt werden. Die Band selbst macht da keine Unterschiede: „Nur zur Info: Jeder ist in der Metallica-Familie willkommen. Egal ob du seit 40 Stunden oder 40 Jahren ein Fan bist“, hat Hetfield mal gesagt. Beim Konzert kommen eh alle zusammen.

Metallica-Konzerte in München – die Termine

  • Freitag, 24. Mai, Einlass 16 Uhr, Start 18 Uhr, Olympiastadion
  • Sonntag, 26. Mai, Einlass 16 Uhr, Start 18 Uhr, Olympiastadion

In einer vorherigen Version des Textes hieß es, Metallica hätten ihr erstes Konzert in München 1986 im Circus Krone gespielt. Das Konzert wurde allerdings wegen des Todes des Bassisten Cliff Burton abgesagt. Der erste München-Auftritt fand daher erst 1987 im Deutschen Museum statt.

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