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Messestadt Riem:Alles für nur sieben Tage

Vor der Eröffnung der "Bauma", der weltweit größten Baumaschinenmesse, betreiben 3400 Aussteller einen beeindruckenden Aufwand. Betty Werner ist Chefin des technischen Services der Messe und verantwortlich dafür, dass bis ins Detail alles seine Richtigkeit hat

Blauer Blazer, Perlenkette, die Frisur sitzt: Betty Werner ist die Ruhe selbst. Dabei hat sie gleich wieder einen Termin mit der Branddirektion. Aber schließlich ist es bereits die neunte "Bauma", die Chefin von "TAS 1", dem technischen Ausstellerservice der Messe München GmbH betreut. Werner ist die Frau, die weiß, wer wo aufbaut und wer was braucht, damit am 11. April, dem ersten Tag der Weltleitmesse für Baumaschinen, Baustoffmaschinen, Bergbaumaschinen, Baufahrzeuge und Baugeräte alles reibungslos läuft. Betty Werner ist mit ihrem Büro und ihren acht Mitarbeitern und den Freigeländeinspektoren wieder einmal umgezogen - mitten rein in den Trubel, in einen zweistöckigen Containerbau am Tor 11b, auf dem die Messefahne weht. Die Bauleiter der Firmen winken ihr zu, wenn sie ihren staubigen Wagen durch die betriebsamen Gassen steuert. Und die, die sie schon sehr lange kennt, begrüßt sie freundschaftlich mit Küsschen rechts, Küsschen links.

Eineinhalb Jahre schon plant sie für diese spektakuläre Schau, die alle drei Jahre stattfindet. "Es ist ja wie eine kleine Stadt", sagt sie. Und wie eine kleine Stadt braucht jeder Anrainer Wasser- und Abwasseranschluss sowie genügend Strom. Und die Menschen verlangen nach Infrastruktur: Cafeterien im Alpenstil, jede Menge Toilettenhäuser, Sanitätsstationen, Infopunkte, Straßenlaternen. Nur für die Entsorgung der Berge von Verpackungsmaterial sind die Firmen selbst verantwortlich, erklärt Betty Werner. Schon seit dem 20. Februar wird aufgebaut, bis Ende Mai wird es dauern, bis alles wieder auf tausende Lastwagen geladen und abtransportiert ist. Ein riesiger Aufwand für nur sieben Tage.

3400 Aussteller präsentieren sich der Branche auf der Bauma - mehr haben nicht Platz in den Hallen, auf der Sonderfreifläche und der nördlichen Brache, die nur bei der Bauma aktiviert wird. Jeder Aussteller muss seine Pläne rechtzeitig bei Betty Werner einreichen. Wer auf der ihm zugewiesenen Fläche höher als fünf Meter bauen will, und es wollen fast alle, muss die Pläne von der hauseigenen Statik-Abteilung absegnen lassen; zudem wird jeder Messe-Stand akribisch vom Brandschutz überprüft. Da hilft nur ein exakter Terminplan, denn mehrstöckige Bauten brauchen Fluchtwege, Notlichter. Manchmal hat ein Aussteller sich in der ihm zugewiesenen Fläche geirrt und muss mit jedem Gerät und jeder Schraube ein Stückchen weiter ziehen, andere ignorieren die Einmesspunkte oder rangieren zu lange auf den Flächen, die eigentlich allen zugänglich sein sollen: Es gibt unendlich viel zu kontrollieren und zu überwachen, rund um die Uhr, denn es herrscht Zeitdruck. Deshalb machen Werners Inspektoren auch Nachtschichten. Die Chefin selbst kommuniziert mit den Aufbau-Chefs der Aussteller in Deutsch, Englisch und Spanisch, ihrer Muttersprache - sie stammt aus Kolumbien.

Dennoch hat sie auch Zeit, sich zu freuen, dass auch auf dieser Messe immer mehr Frauen zu sehen sind - jedoch nicht in dieser Phase: Aufbau ist Männersache. Und sie interessiert sich für die spektakulärsten Neuigkeiten. Der 50 Meter hohe Asphaltmischturm mit der Aufschrift Benninghoven etwa, der ästhetisch in der Gegend steht wie die Aufnahmen des berühmten Fotografen-Ehepaares Becher, ist so eine Besonderheit. Marketingleiter Lars Henrich und Dieter Kick, der Bauleiter der Wirtgen-Group, zu der noch vier weitere Firmen gehören, erzählen, dass der Turm auf einem Fundament aus 700 Tonnen Beton steht. Kick ist ein Zahlengenie: Der dreistöckige Pavillon misst 60 Meter in der Länge, 20 Meter in der Breite und ist 16,50 Meter hoch; er bietet 29 Besprechungsräume und ein Café mit 377 Plätzen, rasselt er aus dem Kopf herunter. 11 712 Quadratmeter Freifläche habe er zu bespielen: "Mehr haben wir nicht bekommen", sagt er schmunzelnd, Betty Werner zuckt mit den Schultern: So ist das eben. Was auffällt ist, dass alle hier sehr entspannt wirken. "Wie es innen aussieht, weiß ja keiner", sagt Werner.

575 000 Quadratmeter

misst die Brutto-Fläche, auf der die 3400 Aussteller aus aller Welt ihre Produkte der Kundschaft präsentieren. Die "Bauma" gilt als Drehscheibe für internationale Geschäfte und versteht sich als eine Informations- und Kontaktmesse, auf der sich Baufachleute aus aller Herren Länder über den neuesten Stand der Technik informieren. Die Messe gibt es seit 1954, sie findet in einem Drei-Jahre-Rhythmus statt. In diesem Jahr werden vom 11. bis 17. April rund 600 000 Besucher erwartet; stimmt diese Prognose, werden es 100 000 mehr als im Jahr 2013 sein.

Doch auch die Arbeiter machen den Eindruck, als hätte Ali Mitgutsch sie für ein Bilderbuch-Wimmelbild arrangiert: Bauhelme in allen Farben, leuchtende Warnwesten. Die einen tragen Fensterscheiben, Paletten, Werkzeugkoffer von hier nach da, die anderen haben das Telefon am Ohr und Schlüssel in der Hand, manche schauen konzentriert in komplexe Pläne.

Werner Haas, der Bauleiter von Liebherr und laut eigenen, schwäbischen Worten "Mädle für alles", kommt mit dem Rad. Er ist Herr über 150 Aufbaukräfte aus allen Zweigstellen des internationalen Konzerns und von Messebaufirmen, er bespielt eine Fläche "so groß wie zwei Fußballfelder", auf der rund tausend Lasterladungen untergebracht werden müssen. In der Mitte lädt ein temporäres, aber äußerst repräsentatives Geschäftsgebäude die Kunden ein; Liebherr hatte dafür eigens einen Architektenwettbewerb ausgelobt. Arbeiter streichen die Büros, als wäre es für immer, Teppichböden werden verlegt, Fenster geputzt, Kühlschränke angeschlossen. Und wieder drängt sich die Frage auf: Das alles für nur sieben Tage? Haas erzählt, dass jeder Vertreter ein Büro zugewiesen bekomme, von dessen Fenster aus er die Highlights seines speziellen Geschäftsbereichs zeigen kann. Ums Domizil herum werden die Straßen mit hellen Steinen befestigt, im Ton passend zum Sand, auf dem die Bagger stehen. Ein glänzend schwarzer Achtachser rollt heran, ehrfürchtig von der Arbeiterschaft bestaunt. Der Mann, den Haas nur "Locke" nennt, berichtet, dass man den von Kunden schon im gewünschten Grün lackierten Kran daneben bis in 130 Meter Höhe für den Bau von Hochhäusern "austeleskopieren" kann.

Haas präsentiert den Muldenkipper, dessen Räder rund drei Meter Durchmesser haben, mit einer Art Besitzerstolz. Männer polieren jeden Quadratmillimeter - obwohl dieses Fahrzeug irgendwann in schmutzigen Minen Gold oder Diamanten schürfen wird. Aber vorher soll es kaufkräftiger Kundschaft gefallen: Deshalb haben sie einen starken Wagenheber geholt, um die auf der Achse aufgebrachte Firmenaufschrift penibel waagrecht auszurichten. Und sie nutzen einen Wasserenthärter, damit das kalthaltige Münchner Wasser beim Putzen keine Rückstände auf dem schönen Lack hinterlässt. Am Bauma-Dienstag werden sie in der Mulde eine Tischtennisplatte installieren und die von der Firma gesponserten Teams von Deutschland und von Österreich gegeneinander Ping-Pong spielen lassen.

Wenn der Eröffnungstag gekommen ist, es nicht regnet oder schneit und nicht, wie bei der vorletzten Bauma, die Asche eines isländischen Vulkans die Kunden aus Übersee ausbremst, werden alle zufrieden sein. Betty Werner wird durchschnaufen und Kraft sammeln für die Abbau-Phase, dann geht sie in den Ruhestand. Den spektakulären Aufbau der nächsten Bauma 2019 wird sie auf der Homepage der Messe per Webcam verfolgen.