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Messerattacke:Angreifer von Grafing in psychiatrische Klinik eingeliefert

In Grafing-Bahnhof hat Paul H. vier Menschen angegriffen, einer starb.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)
  • Laut medizinischem Gutachten war der Mann, der am Dienstag vier Menschen mit einem Messer angegriffen hat, während seiner Tat mindestens vermindert schuldfähig.
  • Er wurde noch am Mittwoch in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.
  • Kontakte zum sogenannten Islamischen Staat oder anderen terroristischen Vereinigungen gibt es laut Staatsanwaltschaft nicht.
  • Paul H. hatte am Dienstagvormittag einen Menschen getötet und drei weitere verletzt.

Der Messerstecher von Grafing ist am Mittwochnachmittag in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Ein medizinischer Gutachter entschied, dass der Mann an einer psychischen Erkrankung leide und dass es Gründe gebe anzunehmen, er habe "im Zustand der Schuldunfähigkeit oder zumindest verminderten Schuldfähigkeit die Taten begangen".

Der 27-jährige Paul H. hatte am Dienstagmorgen am S-Bahnsteig in Grafing-Bahnhof vier Menschen mit einem Messer angegriffen. Ein 56 Jahre alter Mann aus Wasserburg starb später in einer Klinik, die drei anderen Opfer wurden schwer verletzt. Ihr Gesundheitszustand ist laut Landeskriminalamt (LKA) stabil.

Bei der Staatsanwaltschaft München II geht man noch immer von einem "psychisch auffälligen Einzeltäter aus", wie Oberstaatsanwalt Ken Heidenreich sagt. Die Motivation des Täters, der während der Attacke islamistische Parolen gebrüllt hatte, sei nach wie vor unklar. Hinweise auf Bezüge zum sogenannten Islamischen Staat oder anderen terroristischen oder extremistischen Vereinigungen habe man nicht gefunden.

Die Polizei dementiert auch Verschwörungstheorien, die im Internet kursieren, wonach Paul H. in Wirklichkeit einen arabischen Namen trage. Das LKA, das wegen des zeitweise vermuteten extremistischen Hintergrunds die Ermittlungen übernommen hatte, hat die Sonderkommission von 80 auf 35 Mann reduziert.

Paul H., gebürtig aus Gießen, sei bislang nicht straffällig gewesen, sagt Jörg Reinemer, Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Erstmals am vergangenen Sonntag hätten Angehörige die Polizei verständigt, weil Paul H. daheim im hessischen Grünberg wirres Zeug redete. H. wohnte dort mit seinem Bruder zusammen.

Keine weiteren Anzeichen von Gewalt

Polizisten fuhren zur Wohnung und trafen auf einen jungen Mann, der teilnahmslos dasaß und konfuse Sachen von sich gab - aber keinerlei religiös-fanatische Sprüche, wie Reinemer versichert. Er habe unter anderem erzählt, dass er am Vorabend auf einer Techno-Party gewesen sei und Drogen genommen habe. Und dass er in der Vergangenheit einmal stationär in der Psychiatrie gewesen sei.

"Wir können einen Menschen nur in eine geschlossene Klinik einweisen, wenn er sich selbst oder andere gefährdet", sagt der Sprecher. Dies sei im Fall Paul H. nicht so gewesen, keinerlei Hinweise auf Gewalt: "Nichts. Null. Nada". In der Wohnung habe H. ruhig und nicht aggressiv gewirkt. Die Polizisten hätten den Verwandten geraten, ihn in eine psychiatrische Klinik zu bringen.

Das taten sie laut Reinemer noch am selben Tag. Auch dort stufte man den Mann offenbar weder als selbst- noch als gemeingefährlich ein. Er hielt sich auf einer offenen Station auf - und verschwand wenig später, packte seinen Rucksack und setzte sich in einen Zug nach München.

In Grafing-Bahnhof sind derweil die Blutspuren am Bahnsteig und auf dem Bahnhofsvorplatz beseitigt. Blumen, Kerzen und Tafeln erinnern an das Grauen vom Vortag. Die Videobilder der Überwachungskameras am Bahnhof werden von der LKA-Sonderkommission ausgewertet.

Als die Polizei eintraf, zwei junge Streifenbeamte, soll der Täter unruhig im Biergarten einer Gastwirtschaft und auf dem Gehweg hin und her gelaufen sein. Das Tatmesser, eine Art Survivalwaffe, hatte er ins Etui zurückgesteckt und in seinem Hosenbund verstaut. Er ließ sich widerstandslos festnehmen.