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Mentale Techniken: "Es gibt viele Parallelen zwischen Sportlern und Ärzten"

Mentales Training in der Medizin. Sportpsychologe coacht Chirurgen für den OP im Rotkreuzklinikum, Nymphenburger Str. 163

Knoten und Nähen mit entsprechenden Instrumenten im Bauchbereich am Simulator genügt nicht.

(Foto: Florian Peljak)
  • Ein Sportpsychologe trainiert Chirurgen am Münchner Rotkreuzklinikum.
  • Er probt mit den Medizinern mentale Techniken, damit sie besser vorbereitet in den Operationssaal gehen.
  • Zudem sollen sie mit Stress und schwierigen Situationen besser fertig werden.

Tom-Nicolas Kossak trainiert eigentlich Leistungssportler. Er übt mit Abfahrtsskiläufern, sich die Pisten mit geschlossenen Augen vorzustellen, in Gedanken jede Kurve zu nehmen, um ruhiger ins Rennen zu gehen. Er berät Fußballmannschaften, wie sie als Team zusammenhalten, auch unter großem Druck. Kossak bringt Motorsportlern bei, wie sie mit Stress in der Fahrerkabine besser umgehen können. Der 35-Jährige ist Sportpsychologe. Seit einigen Wochen trainiert Kossak auch Chirurgen am Rotkreuzklinikum in München. Er probt mit den Medizinern mentale Techniken, damit sie besser vorbereitet in den Operationssaal gehen und auch unter Anspannung und Druck konzentrierter arbeiten können.

Psychologisches Training ist im Sport längst Normalität. Eine Selbstverständlichkeit, die besonders bei Profis zum Alltag gehört. In der Medizin dagegen ist es immer noch die Ausnahme. Dabei müssen Ärzte oft unter großen Anspannungen arbeiten, entscheidet ihr Handeln doch über das Wohl des Patienten, oft sogar über Leben und Tod. Bei komplizierten Operationen müssen sie stundenlang höchst konzentriert vorgehen. Eine kleine Unaufmerksamkeit, Nervosität, Anspannung oder Stress im OP-Saal können weitreichende Folgen haben.

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Warum sollte man nicht Ärzten mehr Unterstützung bieten, sie mental trainieren, ihnen psychologische Techniken an die Hand geben? fragte sich Wolfgang Thasler, Professor und Chefarzt der chirurgischen Abteilung am Rotkreuzklinikum. Gemeinsam mit dem Sportpsychologen Kossak entwickelte er ein Projekt, um Chirurgen mentale Tipps und Tricks zu vermitteln, die Spitzensportler längst nutzen. "Was erfolgreich im Hochleistungssport funktioniert, möchten wir für unsere Teamarbeit ebenfalls adaptieren", sagt Thasler.

Besonders im Blick hatte der Chefchirurg dabei die minimalinvasiven Eingriffe. Mussten Chirurgen früher dem Patienten die Bauchdecke aufschneiden, um ihn beispielsweise an Galle, Darm oder Leber zu behandeln, können Ärzte heute chirurgische Geräte durch minimale Öffnungen in den Körper einführen, um dann im Inneren damit zu operieren. Das kann für den Patienten nicht nur kosmetisch von Vorteil sein, weil die Operation nur eine kleine Narbe hinterlässt. Diese Eingriffe können auch weniger belastend für Patienten sein, gerade bei schwerkranken oder alten Menschen. Die minimalinvasiven Operationen haben sich in den vergangenen Jahren bundesweit immer stärker durchgesetzt. Doch sie erfordern auch sehr viel Übung.

Die Schwierigkeit für die Chirurgen ist, dass die zu behandelnde Stelle nicht offen vor ihnen liegt. Die Bauchdecke bleibt geschlossen. So können die Ärzte die Organe nicht ertasten, den Darm nicht anfassen, die Galle nicht direkt vor sich sehen, das Skalpell und die Pinzette nicht in der Hand halten. Bei einem minimalinvasiven Eingriff steuern die Mediziner die chirurgischen Instrumente mit einer Kamera durch den Körper des Patienten. Sie halten dafür zwei Schalthebel in der Hand, die dem Griff einer Schere ähneln. Der Blick des Arztes ist dabei jedoch auf einen Bildschirm gerichtet, ähnlich wie bei einem Computerspiel. Dort verfolgt er jeden seiner Schritte. Dadurch bleibt die Operation aber sehr abstrakt. Trotzdem muss natürlich jede Bewegung genau sitzen, muss das Organ vorsichtig angefasst werden, das Skalpell an der richtigen Stelle angesetzt werden, der Faden korrekt geknotet werden.

Ähnlich wie bei großen Sportwettkämpfen könnten sich auch Ärzte auf eine lange und komplizierte Operation vorbereiten, sagt Kossak. Es helfe beispielsweise, die Abläufe eines fünfstündigen Eingriffs zunächst in einzelne Schritte zu zerlegen, dann Knotenpunkte herauszuarbeiten und sie anschließend gedanklich im Kopf immer wieder durchzugehen.