Zwei Jahre lang waren die Bilder vom Krieg in Gaza und den noch immer gefangenen israelischen Geiseln auch in deutsche Wohnzimmer eingedrungen. Um sich nicht weiter hilflos zu fühlen angesichts des unendlichen Leids, engagiert sich nun Anne Faßbender. Die 38-jährige selbständige Versicherungsvermittlerin organisiert Kundgebungen in der Münchner Innenstadt. Jeweils am letzten Samstag im Monat liest sie mit Freunden die Namen getöteter Kinder aus Israel und Gaza vor. Sie wird das auch weiterhin tun, denn noch, sagt sie, sei wirklicher Frieden in weiter Ferne. Das nächste Mal steht sie am 25. Oktober um 13 Uhr auf dem Marienplatz.
SZ: Frau Faßbender, der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas scheint zu halten, die letzten Geiseln sind zu ihren Familien zurückgekehrt. Warum machen Sie mit Ihrer Aktion trotzdem weiter?
Faßbender: Zuerst mal ist es eine riesige Erleichterung, dass jetzt die Waffen schweigen. Aber Frieden bedeutet das noch lange nicht. Viele Fragen sind noch offen. Wird die hungernde Bevölkerung in Gaza versorgt? Dürfen jetzt auch Journalisten rein? Wer garantiert, dass die Hamas wirklich abzieht? Wer vertritt die Interessen der Palästinenser? Werden jene zur Verantwortung gezogen, die internationales Recht gebrochen haben? Welche Rolle spielt die Bundesregierung? Und nicht zuletzt: Wie schaffen wir es, dass auch hierzulande Menschen sich versöhnen?
SZ: Sie hatten im Sommer mit Ihrer Aktion begonnen. Was hatte Sie dazu bewogen?
Faßbender: Ich bekam im vergangenen Jahr ein Kind, und als Mutter bin ich noch sensibler geworden. Mir gingen die Bilder der toten Kinder nicht mehr aus dem Kopf. Ich hielt es einfach nicht mehr aus, zuzuschauen und nichts zu tun. Da rief ich ein paar Bekannte an, wir überlegten, was wir tun könnten. Wir wollen nicht Pro-Israel oder Pro-Palästina agieren. Uns geht es ausschließlich um die Menschenrechte.
Woher bekommen Sie die Namen der getöteten Kinder?
Die israelischen Kinder stehen auf der Webseite des israelischen Außenministeriums. Die palästinensischen Namen haben wir einer Veröffentlichung der Washington Post vom August entnommen. Damals waren es 18 000 Namen. Wir können natürlich nicht alle vorlesen. Wir beginnen immer mit etwa 40 Kindern, von denen wir wissen, wo sie gelebt haben und wie sie gestorben sind. Dann lesen wir weitere Namen vor. Es werden ja täglich mehr, viele sind auch jetzt noch vom Hunger und fehlender medizinischer Versorgung bedroht.
Welche Reaktionen haben Sie bisher erlebt?
Wir machen bei der Kundgebung von Anfang an klar, dass wir zwischen den Lagern stehen, und stellen klare Regeln auf: keine extremistischen Flaggen oder Parolen. Wir sind gegen jede Form von Antisemitismus oder antimuslimischen Rassismus. Viele Passanten reagieren sehr positiv, vor allem Touristen. Aber es gibt auch Leute aus jeder Altersgruppe, die kopfschüttelnd weggehen oder aggressiv antworten. Wir versuchen dann zu diskutieren, das Lagerdenken etwas aufzuweichen.
Finden Sie genug Unterstützer?
Die meisten kommen bisher über unser persönliches Netzwerk. Aber auch wenn viele gut finden, was wir machen, haben manche Angst, sich in die Nesseln zu setzen. Manche befürchten Konsequenzen durch ihren Arbeitgeber oder als Selbständige den Verlust von Kunden. Das finde ich schade, der Einsatz für Menschenrechte und internationales Recht sollte nicht umstritten sein!
Sie haben auch politische Forderungen formuliert.
Ich verstehe die historische Verantwortung, die wir Deutsche gegenüber Israel haben. Aber diese „Ganz oder gar nicht“-Haltung kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin überzeugt, dass man auch einen Freund kritisieren können muss, wenn er sich gegen internationales Recht stellt. Und gerade aufgrund unserer Geschichte müssen wir doch die Einhaltung der Menschenrechte fordern, in Gaza genauso wie in der Ukraine oder im Sudan. Das gilt jetzt auch für den Friedensprozess. Wir fordern, dass die Bundesregierung eine Zwei-Staaten-Lösung unterstützt.
Was erhoffen Sie sich von Ihrer Aktion?
Dass wir eine Graswurzelbewegung werden, die in den Bundestag und das EU-Parlament hineinwirkt. Wir haben jetzt ein Logo, eine Homepage (dontlookaway.org) und einen Instagram-Account. Wir knüpfen Kontakte zu Parteien, Kirchen, auch jüdischen und arabischen Gruppen – so zum Beispiel zu den „Freunden Abrahams“ aus München, die sich für interreligiöse Verständigung von Juden, Christen und Muslimen einsetzen. Über Mitglieder der Volt-Partei, die ja eine paneuropäische Partei ist, haben wir Kontakt zu Gruppen in Berlin, Köln, Essen. Wir wollen uns europaweit vernetzen. Wir spüren die Pflicht, unsere Stimme zu erheben – aus Mitgefühl und aus Verantwortung gegenüber den Werten, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt haben: Menschenrechte, Schutz der Zivilbevölkerung und Achtung des Völkerrechts.

