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Menschenhandel und Zwangsheirat:Wenn nach der Flucht aus dem Bordell nichts bleibt

Für die Opfer von Zwangsheirat hat die Mutterorganisation von Jadwiga, "Stop dem Frauenhandel", mit der Initiative Scheherazade kürzlich ein neues Wohnprojekt ins Leben gerufen: In einer Stadt in Bayern gibt es dort nun mehrere Wohnmöglichkeiten für Frauen, die vor ihren Familien geflohen sind, weil sie verheiratet werden sollten. Rund um die Uhr steht dort eine Sozialpädagogin als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Bis es die Frauen dorthin schaffen, muss das Team von Jadwiga aber oft erst einmal als eine Art Fluchthelfer aktiv werden. "Die Mädchen sollen möglichst wenig Spuren hinterlassen", sagt Krause. So müssen sie beispielsweise unbedingt darauf achten, ihren Pass von zu Hause mitzunehmen, ihre Geburtsurkunde sowie Versicherungskarten und Scheckkarten.

Nicht immer aber ist der Bruch mit der Familie oder die Flucht das beste Mittel. "Wenn es möglich ist, versuchen wir natürlich zu vermitteln", sagt Cissek-Evans. Manche Eltern haben beim Thema Zwangsheirat dann doch ein Einsehen, oder es gibt andere Verwandte, die den Frauen helfen. Doch oft brauchen die Opfer Jahre, um ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Cissek-Evans weiß von einer Frau, die vor ihrer Familie aus Frankfurt floh. Noch immer, nach zehn Jahren, traut sie sich nicht zurück in die Stadt. "Sie hat Angst, auf der Straße zufällig einem Verwandten zu begegnen." Vor Zeugenaussagen in Gerichtsprozessen können Opfer von Zwangsprostitution oft wochenlang nicht schlafen, auch hier werden sie von Jadwiga unterstützt. Die Mitarbeiterinnen beraten auch Frauen in Abschiebehaft, die etwa wegen fehlender Pässe im Gefängnis sitzen - aber gar nichts dafür können, weil sie zuvor nach Deutschland verschleppt wurden.

Ein nervenaufreibender Teil der täglichen Arbeit sind die Begleitungen bei Behördengängen für die in Not geratenen Frauen. Werden Frauen aus Nicht-EU-Ländern nach München verschleppt, stehen ihnen als Asylbewerberinnen weder Therapien, noch Sprachkurse oder andere, notwendige Hilfen zu. Ein Bleiberecht in Deutschland für Opfer von Frauenhandel ist eine Forderung, die Helfer schon seit Jahren vergeblich formulieren.

Genau wie den Wunsch nach einem Zeugnisverweigerungsrecht für die Helfer. "Es ist manchmal schwierig, Frauen zu unterstützen, ohne sich selbst zu gefährden", sagt Cissek-Evans. Erst vor kurzem begleitete sie wieder ein Opfer bei Zeugenaussagen vor Gericht. Der Anwalt des Angeklagten bestand in der Verhandlung darauf, dass sie ihren Namen nennt. "Jetzt kennen ihn auch die Täter", sagt Cissek-Evans.

Manchmal haben die Mitarbeiterinnen von Jadwiga aber aus einem ganz anderen Grund schlaflose Nächte: Dann wissen sie wieder einmal nicht, wie die Finanzierung weitergehen soll. Neben der öffentlichen Unterstützung braucht die Beratungsstelle pro Jahr 50.000 Euro an Spenden, um die Arbeit überhaupt leisten zu können. "Wir kämpfen ständig an zwei Fronten", sagt Krause, "einerseits die verstörten Opfer betreuen, andererseits müssen wir Geld auftreiben." Eigentlich bräuchte Jadwiga auch mehr Mitarbeiter: Die Zahl der Opfer, die sich an die Beratungsstelle wenden, steigt pro Jahr um etwa 15 Fälle.

Jadwiga München, Schwanthalerstraße 79, www.jadwiga-online.de, Telefon: 089-38 53 44 55

© SZ vom 25.01.2013/sonn
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