AusstellungWarum Archive politisch sind: „Memory Gap“ im Haus der Kunst

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Stofftiere bei der Arbeit? Oder was ist hier los in der Garderobe der in München geborenen Schauspielerin Lee Parry, die Lotte Jacobi im Jahr 1930 fotografiert hat?
Stofftiere bei der Arbeit? Oder was ist hier los in der Garderobe der in München geborenen Schauspielerin Lee Parry, die Lotte Jacobi im Jahr 1930 fotografiert hat?
Foto: Atelier Jacobi, Photothek, Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Archive sind nicht nur Speicher, sie erzeugen auch Lücken. In seiner Ausstellung zeigt der Münchner Künstlerverbund im Haus der Kunst, wie Fundstücke und blinde Flecken den Blick auf Geschichte und Gegenwart verändern.

Von Jürgen Moises

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Es ist ein recht eigenwilliges, aber vor allem humorvolles Bild. Da sind drei Stofftiere an einem Tisch, zwei Bären und ein Hund. Vor ihnen liegen Briefe. Und es sieht so aus, als ob einer der Bären eine Schreibmaschine bedient. Gemacht hat das Bild Lotte Jacobi. Und sie hat damit 1930 die Garderobe der als Mathilde Benz in München geborenen Schauspielerin Lee Parry dokumentiert. Mit Witz und eigener Note. Tatsächlich hat Jacobi gerne auch ihre Porträtfotos inszeniert. Dazu gehören Bilder von Klaus und Erika Mann, Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Oder auch von Albert Einstein, Eleanor Roosevelt und J. D. Salinger. Diese Porträtierten hat Jacobi nach ihrer Flucht im Jahr 1935 in den USA fotografiert.

Zu sehen ist das schwarz-weiße „Interieur“-Bild der bedeutenden jüdischen Porträtfotografin in der Ausstellung „Memory Gap – Potentiale archivalischer Praxen in der Gegenwartskunst“ im Haus der Kunst in München. Kuratiert hat die höchst sehenswerte Schau die Münchner Künstlerin Petra Gerschner. Und verantwortlich ist dafür der Künstlerverbund im Haus der Kunst. Der macht seit Jahren regelmäßig themenbasierte Ausstellungen. Diesmal geht es um Archive, wie der Titel verrät. Gerschner hat dafür 17 künstlerische Positionen aus fünf Kontinenten zusammengetragen, die die Aufgabe, Lücken und Faszination von Archiven auf unterschiedlichste Weise beleuchten.

Von Jacobi gibt es insgesamt zwölf Bilder, die neben der Garderobe von Lee Parry unter anderem die Berliner Wohnungen von Erwin Piscator und Lotte Schöne zeigen. Diese Bilder gehören zu den wenigen historischen Exponaten der Ausstellung. Zwar geht es in „Memory Gap“ oft um historische Artefakte. Doch wird meist aus einer heutigen künstlerischen Position darauf geblickt. Geliehen hat Gerschner die Fotos vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, wo um die 60 Bilder aus dem Atelier Jacobi lagern. Lotte Jacobi betrieb es von 1928 bis 1935 mit ihrer Schwester Ruth in Berlin. Und wie es aussieht, gibt es wohl keine Negative von den Bildern und keine weiteren Abzüge.

Das belegt zum einen die „Wahrheit“ des Klischees, dass in vielen Archiven wahre Schätze lagern. Was die Bilder aber ebenfalls bedeutsam macht, ist, dass die Interieurs vorwiegend die von jüdischen Künstlern waren. Und dass man deren Räume bereits 1930 menschenleer sieht, lässt sie als symbolische Vorwegnahmen der Schicksale ihrer Besitzer erscheinen. Auch andere Werke thematisieren dunkle Flecken der Geschichte. Wie die Video-Installation „You cannot trust the colors“ (2021) von Katrin Winkler. Die sichtete dafür im rheinischen Missionsarchiv in Wuppertal private Aufnahmen von Missionaren, deren Wirken den Weg für die Kolonisierung von Ländern wie Namibia ebnete.

In ihrer Installation „You cannot trust the colors“ setzt sich Katrin Winkler mit dem „kolonialistischen“ Blick von deutschen Missionaren auf afrikanische Länder wie Namibia auseinander.
In ihrer Installation „You cannot trust the colors“ setzt sich Katrin Winkler mit dem „kolonialistischen“ Blick von deutschen Missionaren auf afrikanische Länder wie Namibia auseinander.
Foto: Katrin Winkler

Im Video spricht Winkler mit Interviewpartnern über die auf Glasplatten gefertigten Schwarz-Weiß-Fotos. Insbesondere darüber, wie in diesen bereits ein „kolonialistischer“ Blick steckt. Auch das Nachkolorieren der Bilder spielt eine Rolle. Weil die Farben oft mehr den Fantasien der Missionare als der Wirklichkeit entsprachen.

Im Video „Anubumin“ (2017) von Zanny Begg und Oliver Ressler geht es um die Pazifikinsel Nauru und darum, wie dort bis in die 1980er-Jahre von den Australiern Phosphat abgebaut wurde. Wodurch die Insel am Ende zu 80 Prozent als unbewohnbar gilt. Heute wird die Insel als Auffanglager für Asylsuchende genutzt. Laut vier in „Anubumin“ zu Wort kommenden Whistleblowern begeht Australien dabei Menschenrechtsverletzungen. Womit das Video indirekt zeigt, dass es den mutigen Einsatz von ein paar wenigen braucht, damit bestimmte Ereignisse nicht aus dem Wissensarchiv der Menschheit fallen.

Der Künstler Walter Seidl hat für seine digitale Dia-Installation „Serendipity“ fünfzehn Jahre lang den amerikanischen Alltag von D. und S. dokumentiert.
Der Künstler Walter Seidl hat für seine digitale Dia-Installation „Serendipity“ fünfzehn Jahre lang den amerikanischen Alltag von D. und S. dokumentiert.
Foto: Walter Seidl

Um teils sehr private Archive geht es in der Ausstellung auch. So hat etwa Walter Seidl von 1997 bis 2022 das Leben von amerikanischen Freunden dokumentiert. In den vier gezeigten digitalen Dia-Installationen mit dem Titel „Serendipity“, die unter anderem mit Musik von PJ Harvey und John Parish unterlegt sind, lernen wir D. und S. kennen, die sich in der dokumentierten Zeit geliebt, geheiratet und getrennt haben.

Man könnte das Ganze einen Foto-Roman nennen. Oder ein poetisches Tagebuch, wie das, was Hsiao-Shu Chen seit 2015 in Sgraffito-Technik auf Porzellantafeln erstellt. Diese zeigen innere Emotionen und äußere Gegenstände, deren Bedeutung meist nur die in Taiwan geborene, in München lebende Künstlerin entziffern kann. Paula Pongratz hat aus gefundenen CDs, die teils sehr persönliche Daten wie MRT-Bilder oder Steuerdaten enthalten, „HalbrohCDiamanten“ gemacht. Und aus CDs und DVDs der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Installationssoftware oder Games aus 35 Jahren leuchtende Datentürme. Alles verbunden mit der Frage, wie wir in Zukunft mit unseren Daten umgehen.

Anna Maria Eichlinger hat persönliche Erbstücke in Betonquader gegossen, deren Inhalt sich nur dem Röntgenblick offenbart. Auch die mit „Saints and Classics Hangin' Around“ betitelten Wandobjekte von Nicole Frenzel lassen sich nur schwer dechiffrieren. Denn die Werke sind Cut-Outs aus Zellgummi, die auf Fotos bekannter Skulpturen wie Michelangelos „David“ und konkret auf deren Umrissen basieren. Hier gerinnt Kunstgeschichte in eine neue Form, was in gewisser Hinsicht auch für die Publikationen von 1949 bis 2025 gilt, die in der „Bibliothek Memory Gap“ versammelt sind.

Alle Bände, die lange ungesehen im Depot lagerten, gingen aus Ausstellungen des Künstlerverbundes und dessen Vorgänger-Verbänden hervor. Womit der Verbund auch die eigene, nicht aufgearbeitete Geschichte in den Blick rückt, was unter anderem die NS-Zeit betrifft. Alles in allem ergibt das ein vielschichtiges Kaleidoskop, das am 12. September durch das zugehörige Symposium „Passing to the Future“ noch eine weitere Vertiefung erfährt. Neben mehreren Wissenschaftlern werden dort auch einige der Künstler mit dabei sein.

Memory Gap, bis 19. Sept., Haus der Kunst, Prinzregentenstr. 1, www.kvhdk.de

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