Meine Woche:Pfoten verbinden im roten Sprinter

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Jean Friemann. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Ärztin Jean Friemann betreut das Notruftelefon der Tierrettung

Von Lea Hruschka

Spritzen und Schläuche in den Schubläden, eine große Sauerstoffflasche im Eck - Jean Friemanns Arbeitsplatz sieht beinahe aus wie ein normaler Krankenwagen. Nur einen Unterschied gibt es: Statt einer Liege befindet sich eine große Box im roten Sprinter. Denn Friemann () ist eine Ärztin für Tiere. Die Veterinärin sitzt meist im Spät- oder Nachtdienst am Notruftelefon des Vereins Tierrettung München, so wie auch an diesem Montag. Die Person am anderen Ende der Leitung muss sie oft erst beruhigen. Darin ist die 37-Jährige nach zwei Jahren ein Profi, doch bei einer Anruferin sei ihr kürzlich auch kein Rat mehr eingefallen. Die Frau habe ein Vogelei mit einem Loch gefunden. "Sie hat ein Pflaster darauf geklebt und gefragt, was sie jetzt machen soll", erzählt Friemann, lacht und schüttelt den Kopf.

Die Anrufe zu Vogeleiern gehen derzeit zurück, dafür kommen zunehmend Igel auf die Agenda, je näher der Herbst rückt. Sind Wildtiere die Patienten, berät Friemann - außer bei Notfällen - nur am Telefon. Bei Haus- und Heimtieren rückt sie dagegen regelmäßig mit dem roten Sprinter aus. Seit Beginn der Pandemie behandelt die Tierärztin nur noch im Wagen. Eine willkommene Veränderung, denn so muss sie die sperrige Sauerstoffbox, die Einsatztasche, die Verbandstasche und die zwei Einsatzkoffer nicht länger in Wohnungen schleppen. Auch das Kriechen zum Patienten, der sich zwischen Wohnzimmertisch und Couch versteckt, hat seitdem ein Ende. Und im ausgeleuchteten Sprinter kann Friemann einfacher Venenkatheter legen oder Pfoten verbinden, als mit Stirnlampe auf dem Kopf.

Doch manchmal ist jede Bemühung vergeblich. "Euthanasie kommt bei uns überdurchschnittlich oft vor", erklärt Friemann. Denn das Notfallteam steht täglich 24 Stunden bereit: "Auch dann, wenn das Tier wirklich nicht mehr kann." Für die Ärztin sei es eine Gnade, ein Leben ohne Schmerzen zu beenden. "Emotional angefressen" ist sie dagegen, wenn ein Tier viel früher hätte behandelt werden müssen. Nach der Erstversorgung bringt sie ihren Patienten in die nächstgelegene Tierklinik. Danach ist der Einsatz aber noch nicht erledigt: "Ich rufe oft noch einmal an und frage nach, wie es dem Tier geht." Auch sonst stehen bei Friemann Tiere im Mittelpunkt: Die Ärztin ist nicht nur Imkerin, sondern nimmt auch noch Pflegehunde auf. Ihr aktueller Gast ist Amie, ein Golden Retriever. "Sie ist schüchtern", sagt Jean Friemann, während Amie ihre Schnauze vertraut an das Bein der Tierärztin drückt.

© SZ vom 23.08.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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