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Meine Woche:Lässig wie die alten Römer

Gründer Niklas Holzberg feiert mit der "Petronian Society" Jubiläum.

(Foto: Robert Haas)

Gründer Niklas Holzberg feiert mit seiner "Petronian Society" Jubiläum

Es gibt Lateinlehrer, die sehen es als ihre Pflicht an, den Schülern auch die ungeschönten Seiten der Antike nahe zu bringen. Sie schlagen dann zum Beispiel einen Lyrik-Band von Gaius Valerius Catullus auf, allerdings muss es die Übersetzung von Niklas Holzberg sein. Die Schüler vernehmen, dass der Autor Cäsar für eine "Tunte" hielt sowie kürzlich einen Sklaven "beim Wichsen" erwischt habe.

Da kichert die Klasse, und es freut sich der Lehrer. Nicht wenige dieser Lehrer haben bei Niklas Holzberg an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) studiert. Der inzwischen emeritierte Altphilologe erzählt belustigt von der Scheu seiner Kollegen, die Obszönitäten der antiken Poeten korrekt wiederzugeben. Dieser betuliche Umgang mit klassischen Texten nervt Holzberg ebenso wie das oft steife Betragen im akademischen Betrieb. Der heute 70-Jährige hat deshalb vor 25 Jahren die "Petronian Society" gegründet. Am Freitag, 22. Juli, feiern die gut 30 Stamm-Mitglieder das Jubiläum im Lyrik-Kabinett an der Amalienstraße. "Wir wollen zeigen, dass man Kolloquien auch locker gestalten kann", sagt er.

Benannt ist die Gesellschaft nach dem Dichter Petronius aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Der beschreibt in seinem Roman "Satyricon" eine ausschweifende Party in einer "verkehrten Welt", wie Holzberg sagt. Neureiche und Prostituierte zählen zu den Hauptfiguren. Die Antipoden-Idee übertrug Holzberg auf den akademischen Austausch: Er genießt den legeren Umgang an nichtdeutschen Universitäten - und missbilligt den mitunter verkrampften Diskurs an hiesigen Hochschulen. Holzberg wollte ein Forum, wo Studenten, Dozenten und Laien sich einmal im Monat locker, aber dennoch ernsthaft mit antiker Literatur beschäftigen. Dabei ist er selbst Spiritus Rector eines Locker-vom-Hocker-Vortragsstils. "Da wird gefressen und gesoffen, dass die Wände wackeln", charakterisiert er knapp den Inhalt von Petronius' "Satyricon".

Dieser Sound kommt gut an bei den bis zu 100 Besuchern - und bei akademischen Kollegen in ganz Europa. Ständig wird Holzberg eingeladen, Vorträge zu halten. Umgekehrt haben berühmte Latinisten wie der Brite Philip Hardie die Abende im Lyrik-Kabinett besucht. Der US-Philologe Karl Galinsky flog aus Rom ein, als er erfuhr, dass Holzberg den italienischen Horaz-Experten Mario Labate aus Florenz zu Gast hatte. Bei den Abenden dürfen und sollen Studenten die Moderation übernehmen. Überhaupt die Studenten: "Ich lasse mich von ihnen gerne belehren", räumt dieser gänzlich unprofessorale Mann ein.

© SZ vom 18.07.2016

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