bedeckt München 22°

Meine Woche:Der Meister mit dem Überblick

Seyhan Kockal.

(Foto: Yoav Kedem)

Im "Prinze" hat Rettungsschwimmer Seyhan Kockal alles im Griff

Von Benjamin Stolz

Seyhan Kockal kraxelt gekonnt über die Leiter auf das Dach des Schwimmmeisterhäuschens und demonstriert den wachsamen Blick. "Von hier oben siehst du alles", sagt Kockal. Alles sind in diesem Fall die drei großen Becken und der künstliche Sandstrand des "Prinze", wie die Stammgäste das Prinzregentenbad liebevoll nennen. Seit 2004 ist der ausgebildete Rettungsschwimmer einer der Schwimmmeister im Prinze. "Man sollte keine Angst vor dem Wasser haben. Humor gehört ebenso zum Beruf wie ein sportliches Duzen", nennt Kockalseine Berufsqualifikationen jenseits von Zertifikaten.

Für den Fachangestellten für Bäderbetriebe ist keine Woche wie die andere - vor allem jetzt, da die Badesaison durch die Pandemie verzögert und immer noch unter ihrem Vorzeichen beginnt. Er und seine Kollegen arbeiten im Schichtbetrieb: Montags geht es erst um zehn los, dienstags und donnerstags muss er für das Frühschwimmen bereits um sieben Uhr morgens am Beckenrand stehen. Im Winter, wenn der Sandstrand zum Eislaufplatz umfunktioniert wird, ist Kockal frei nach dem veränderten Aggregatzustand seines Elements auch noch Eismeister. In diesem Jahr fiel der Winterbetrieb allerdings aus.

Als Vertreter des Badleiters verbringt Seyhan Kockal die Hälfte seiner Arbeitszeit im Büro oder auf Kontrollgängen in den Eingeweiden des Schwimmbads. Im Keller des Verwaltungsgebäudes kontrolliert er die mit dicken Rohren verbundenen, zylinderförmigen Becken-Filter, den Chlorgehalt und den PH-Wert des Badewassers. Vor allem letzterer ist für den Badebetrieb wichtig, denn "München hat ein hartes Wasser. Durch Säure wird sein PH-Wert reduziert, damit das Chlor wirken kann".

Bereits in den ersten Tagen der Saison steigt manchen Gästen trotz der zahlreichen Möglichkeiten zur Kühlung der Gemüter die Hitze zu Kopf - besonders an der Kasse, wo sich ein paar noch nicht an das neue Buchungssystem gewöhnt haben. Vor dem Besuch im Prinze muss man sich online einen Platz an der Sonne reservieren. 1 200 Menschen dürfen täglich und mittlerweile ohne Corona-Test in Kockals Oase baden. Wenn jemand an diesem Ort der Entspannung den Frieden stört, steckt Kockal seine beiden kleinen Finger in den Mund und stößt einen schrillen Pfiff aus. "Die, die einen Schmarrn bauen, wissen immer gleich, wer gemeint ist", sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Auf Sommerurlaub wird Kockal nach der langen winterlichen Zwangspause nicht fahren. Sonst ginge es für den sonnenhungrigen Bademeister natürlich "nach Bibione, zum Beachvolleyball spielen".

© SZ vom 07.06.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB