Meine Woche:Der Mann, der Wohnungen liest

Meine Woche: Wedigo von Wedel.

Wedigo von Wedel.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wedigo von Wedel hilft Menschen, die am Messie-Syndrom leiden

Von Lea Hruschka

Wedigo von Wedel kann Wohnungen lesen. Er kann sogar mit ihnen sprechen: Die Wohnung sagt ihm, wie es dem Bewohner geht. "Der äußere Haushalt spiegelt den Gefühlshaushalt", meint der 60-jährige Pädagoge. Er betreut Menschen mit dem Desorganisationssyndrom, auch Messie-Syndrom genannt. Den Betroffenen fehle aufgrund seelischer Leiden die Fähigkeit, sich selbst zu helfen, erklärt von Wedel.

Er selbst wirkt dagegen strukturiert, ein Frühaufsteher. Um 6 Uhr beginnt sein Tag im Verein "H-Team", welcher das gesamte Münchner Stadtgebiet betreut. E-Mails lesen, Telefonate führen, Planungen umwerfen - sein Job ist oft Büroarbeit. Dazwischen besucht der Sozialarbeiter Menschen, die am Desorganisationssyndrom leiden, begleitet von seinem Hund: "Der öffnet viele Herzen."

Diesen Mittwoch steht ein neuer Fall an. Eine Behörde muss in eine Wohnung, doch der Bewohner sei schwer zugänglich. Nun drohe ihm die gewaltsame, polizeilich unterstützte Wohnungsöffnung. Die Stadt bittet von Wedel deshalb darum, einen Kontakt zum Mann herzustellen. Sein Vorteil dabei sei, dass er - als Teil eines von der Stadt unabhängigen Vereins - keine Behördenangst auslöse. Beim Besuch muss er dann auch einmal krabbeln oder klettern, um einen Weg durch die Wohnung zu finden. "Links, rechts Regale bis unter die Decke, Kartons, Wäscheberge", beschreibt von Wedel einen Haushalt. Falls kein Durchkommen mehr zum Fenster möglich ist, riecht es muffig.

Betroffene suchen oft auch selbst aktiv nach Hilfe, weil sie beispielsweise wieder Besuch empfangen wollen. "Das finde ich einen sehr gesunden, schönen Wunsch", sagt von Wedel. Sie melden sich dann beim "Messie-Hilfe-Telefon", an dessen Leitung von Wedel donnerstags sitzt. Die Anrufer schildern Probleme, oft droht der Wohnungsverlust. "Sie können in einem geschützten Raum frei reden", sagt von Wedel, "man hört schnell heraus: Das ist ein langer Leidensweg." Leben die Anrufer in München, kann das Team selbst helfen, Anrufe von bundesweit Betroffenen, für die das Angebot eigentlich gedacht ist, vermittelt er an sozialpsychiatrische Dienste in der Nähe des Betroffenen.

Nicht zuletzt ist dem Buchautor ("Häng dein Herz nicht an Dinge") auch die Weitergabe seiner 30-jährigen Erfahrung wichtig. Denn in der Forschung sehe er bei der Krankheit eine große Lücke. Diesen Freitag hält er vor 15 Kollegen aus Österreich einen Vortrag - damit mehr Menschen Wohnungen lesen können.

© SZ vom 28.06.2021
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