Kultur- und Freizeittipps der Schauspielerin Meike RötzerSchwungvoll durch die alte Heimat München

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Die Bayerische Staatsbibliothek hat die berühmte „Große Welle“ des japanischen Künstlers Hokusai gekauft. Der Farbholzschnitt gehört dessen berühmter Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“.
Die Bayerische Staatsbibliothek hat die berühmte „Große Welle“ des japanischen Künstlers Hokusai gekauft. Der Farbholzschnitt gehört dessen berühmter Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“. Bayerische Staatsbibliothek

Die Schauspielerin und Sprecherin Meike Rötzer freut sich in der Woche von 2. bis 8. Juni auf München mit ihrem Thomas-Mann-Abend, spannenden Ausstellungen und Schwimmen im wieder eröffneten Naturbad Georgenschwaige.

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Meike Rötzer war Falckenberg-Schülerin in München, als noch Jörg Hube Direktor war, und durfte schon während ihrer Ausbildung in Dieter Dorns Inszenierungen als Statistin auf den Brettern der Kammerspiele stehen. Ihre Theater- und Filmrollen führten sie nach Berlin. Heute geht Rötzer neben der Produktion ihres Podcasts „Naturerkunden“ vor allem ihrer Leidenschaft für Literatur nach. 2022 gründete sie den „Erzählbuchverlag“, in dem sie nach eigenen Manuskripten die Klassiker der Weltliteratur erzählt und so ihre beiden Berufe vereint. 2023 wurde sie als beste Interpretin für das Hörbuch „Vielleicht Esther“ nominiert. Diese Woche steht sie auch in München auf der Bühne. Im Literaturhaus, dem sie durch die Seminarleitung von Nature-Writing-Workshops seit Jahren verbunden ist, liest sie am Montag, 2. Juni, Thomas Manns „Zauberberg“, begleitet von der Geigerin Charlotte Balle.

Montag: Verruchtes München

Herta Lueger arbeitete als Domina in der Münchner Halbwelt, als sie der Mord an einer Prostituierten ins grelle Licht der Öffentlichkeit brachte. In ihrem Buch „Bardame gesucht – Zimmer vorhanden“ erzählt die 76-Jährige zusammen mit ihrer Tochter ihr Leben.
Herta Lueger arbeitete als Domina in der Münchner Halbwelt, als sie der Mord an einer Prostituierten ins grelle Licht der Öffentlichkeit brachte. In ihrem Buch „Bardame gesucht – Zimmer vorhanden“ erzählt die 76-Jährige zusammen mit ihrer Tochter ihr Leben. privat/Matthes & Seitz

Was könnte ein besserer Einstieg in meine Münchner Woche sein, als im heute wieder eröffneten Bad Georgenschwaige zu schwimmen? Wenn das Wetter passt. Jetzt ist es ein CO₂-neutrales Naturbad, ganz ohne Chlor. Am nahe gelegenen Scheidplatz ging ich früher bei Herta Luegers Sohn zum Haareschneiden. Herta hat nun ihre spektakuläre Autobiografie über das verruchte München der Achtzigerjahre veröffentlicht: „Bardame gesucht – Zimmer vorhanden.“ Die Lektüre für alle, die das Münchner Rotlicht nicht scheuen. Anschließend werde ich die Geigerin Charlotte Balle zur Probe treffen – im Literaturhaus, wo wir heute Abend gemeinsam Thomas Manns „Zauberberg“ erzählen. Nach der Probe gönn’ ich mir aus Sentimentalität ein „Haferl“ im Café Rischart am Viktualienmarkt, in dem ich als Schauspielschülerin gekellnert habe. Meine erste Bestellung auf der Terrasse war ein Schock: „Haferl un Datschi mit Rohm.“ Was will der Mann? Eine Westfälin in Minga lernt dazu – und servierte verblüfft einen Kaffee und einen Pflaumenkuchen mit Sahne.

Dienstag: Traumland Japan

Es geht zur Monacensia im Hildebrandhaus, wo ich nach zwei Texten von Erika Mann suche. Dieses Archiv ist eine großartige Fundgrube. Von einer Bibliothek geht es zur nächsten: Um 16.30 Uhr wird in der Bayerischen Staatsbibliothek eine kostenlose Führung angeboten: Dass ich drei Originalholzschnitte aus Hokusais Serie „36 Ansichten des Bergs Fuji“ sehen werde – noch dazu die „Große Welle“, die mich als Abdruck seit jeher begleitet, kann ich gar nicht erwarten. Japan ist mein Traumland. Vielleicht auch, weil ich seit meiner Münchner Zeit bei demselben Aikido-Meister trainiere, den Joachim Meyerhoff in seinem Bestseller „Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ beschreibt. Am Abend geht’s ins Volkstheater zu Kleists „Zerbrochnem Krug“. Ein Reclam-Heftchen von Heinrich von Kleist habe ich eh immer bei mir. Und was Christian Stückl jetzt in seinem Volkstheater treibt, interessiert mich brennend – in meinem ersten Engagement in Karlsruhe hatten wir Martin Walsers „Kaschmir und Parching“ zusammen uraufgeführt.

Mittwoch: Die Geschichte der Narren

Unter der Leitung der Transgender-Ikone und Diseuse Georgette Dee zeigen Schüler der Otto-Falckenberg-Schule an den Kammerspielen ihr Stück „Narren“.
Unter der Leitung der Transgender-Ikone und Diseuse Georgette Dee zeigen Schüler der Otto-Falckenberg-Schule an den Kammerspielen ihr Stück „Narren“. Christian Charisius/picture alliance/dpa

Heute laufe ich durch Schwabing, in dem ich lebte, bevor ich dann der Liebe wegen in Laim landete. Zuerst schaue ich bei Katjas Schmuckgalerie vorbei, Ecke Nordend-/Adalbertstraße. Für ihren Schmuck habe ich mich vor etlichen Jahren zum ersten Mal begeistert, als meine Freundin Anna Schudt noch ihre Handtaschen dort ausstellte. Ich liebe Katjas Schmuck – also, Katja ist ein Muss! Im Gartensalon in der Amalienpassage werden wir uns sicher wieder einmal nicht zwischen Scone und Käsekuchen entscheiden können – schmeckt alles einfach rasend gut. Um 19 Uhr geht es quasi nach Hause: in den Werkraum der Kammerspiele, in dem wir während der Ausbildung immer abendliche Garderobendienste machten. Welche Lieder, welche Geschichten zu den „Narren“ die heutigen Falckenberg-Schüler mit Georgette Dee erarbeitet haben, will ich natürlich unbedingt hören und sehen.

Donnerstag: Geburtstagswünsche

Die Münchner Regisseurin Doris Dörrie wird 70 und feiert ihren Geburtstag im Literaturhaus.
Die Münchner Regisseurin Doris Dörrie wird 70 und feiert ihren Geburtstag im Literaturhaus. Lennart Preiss/dpa

Morgen hat Thomas Mann Geburtstag. Darum geht’s am Nachmittag in die Schweizer Berge nach Davos, wo der „Kulturplatz Davos“ im Berghotel Schatzalp reinfeiert – und ich endlich den Auftritt seiner Tochter Erika mit den Texten aus der Monacensia einlösen werde. Der Landrat hatte Erika Mann damals verboten, in Davos aufzutreten: „Der Roman des Vaters hat Davos weiß Gott genug geschadet!“ – In München feiert derweil Doris Dörrie. Der würde ich gern Aug in Aug im Literaturhaus gratulieren beim Abend zu ihrem Siebzigsten „Leben, Schreiben, Feiern“. Danach würde ich sie mit Sesemi Weichbrodts Buddenbrook'schem Satz: „Sei glöcklich, Du gutes Kend!“ zu einem ordentlichen Absacker in die nah gelegene Bar „Tabacco“ einladen. Mein Mann ist ja Münchner, bevor er mit seinem Verlag Matthes & Seitz nach Berlin umzog. Er kennt den Barkeeper, damals noch im Schumanns, seit Schulzeiten. Vielleicht habe ich darum dort auch nach meiner Erzählung der „Anna Karenina“ beim Literaturfest mit dem Pianisten Andreas Skouras um ein Uhr nachts noch die beste Gulaschsuppe aller Zeiten bekommen?

Freitag: Buddenbrooks in Davos

Heute erzähle ich Thomas Manns „Buddenbrooks“ in Davos. Wär ich in München, ginge ich ins Haus der Kunst. Die libanesische Musikerin Youmna Saba tritt auf. Sie erforscht, wie Körper, Sprache und Sound zusammenwirken. Mein Thema. Treibt mich als Schauspielerin naturgemäß immer um.

Samstag: Vergänglichkeit im Bild

Die Ausstellung „Was zu verschwinden droht, wird Bild“ im Lenbachhaus widmet sich der Vergänglichkeit – und damit einem in Zeiten der Klimakrise höchst aktuellen Thema (hier das Gemälde „Der Starnberger See“ von Christian Ernst Bernhard Morgenstern).
Die Ausstellung „Was zu verschwinden droht, wird Bild“ im Lenbachhaus widmet sich der Vergänglichkeit – und damit einem in Zeiten der Klimakrise höchst aktuellen Thema (hier das Gemälde „Der Starnberger See“ von Christian Ernst Bernhard Morgenstern). Foto: Lenbachhaus

Weil ich keine sieben Jahre auf dem Davoser Zauberberg verbringen will wie Hans Castorp, bin ich heute um 11 Uhr wieder am Hauptbahnhof München. Und schlendere von meinem Lieblingshotel Splendid Dollmann erstmal zum St. Anna-Platz. Leider habe ich den Markt am Donnerstag verpasst – freu mich aber auf das Croissant vom Café Dukatz auf den Stufen der Kirche. Während des Nature-Writing-Seminars im Literaturhaus blieb keine Zeit für die Ausstellung im Lenbachhaus: „Was zu verschwinden droht, wird Bild“. Die hol’ ich heute nach: Auch die Texte meines Podcasts „Naturerkunden“ sind mittlerweile Archive teils längst ausgestorbener Arten. Während des Seminars verbrachten wir viel Zeit im atemberaubenden Botanischen Garten – das Café dort ist für mich der perfekte Ort, um danach die lange Erzählnacht bei Nantesbuch am 11. Juli vorzubereiten: Anna Schudt, Johann von Bülow (er war mein Prinz von Homburg an der Falckenberg) und meine Berliner Nachbarin Bibiana Beglau werden dort nach meinen Manuskripten Klassiker erzählen. Und die müssen noch einmal bearbeitet werden.

Sonntag: Kunst-Tipp von Freunden

Das Kallmann Museum in Ismaning zeigt in der Ausstellung „In den Strudeln der Zeit“ auch Werke wenig bekannter Künstler, die die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts thematisieren, darunter Georg Netzbands Gemälde „Der Sieger“.
Das Kallmann Museum in Ismaning zeigt in der Ausstellung „In den Strudeln der Zeit“ auch Werke wenig bekannter Künstler, die die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts thematisieren, darunter Georg Netzbands Gemälde „Der Sieger“. Kallmann-Museum/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Meine Ismaninger Bergtouren-Freunde Yvonne und Peter schwärmen für das Kallmann Museum in ihrem Ort: Die Bilder zur deutschen Geschichte und Gesellschaft „In den Strudeln der Zeit“, sagen die beiden, seien ein Muss. Und wenn Bergfreunde sagen, das ist ein Muss, frag’ ich nicht nach. Also nehme ich die S 8 Richtung Flughafen. Die Sammlung Gerhard Schneider birgt auch Werke heute nur noch wenig bekannter Künstler, die die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts zeigen. Und wie Gesellschaften zerbrechen können, wie fragil unsere Demokratie ist, bewegt mich derzeit sowieso.

Die Schauspielerin und Sprecherin Meike Rötzer.
Die Schauspielerin und Sprecherin Meike Rötzer. Nik Konietzny

Meike Rötzer ist 1971 in Westfalen geboren. Sie verbrachte ein Schuljahr in den USA und machte dann ihr Abitur im Internat Birklehof. Es folgte eine Schauspielausbildung an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule und danach feste Engagements am Badischen Staatstheater Karlsruhe und den Städtischen Bühnen Kiel. Dazwischen spielte sie in Kinofilmen wie „Nach fünf im Urwald“ und unter anderem in der Fernsehserie „Die Heiland“ mit. 14 Jahre lang war sie Lektorin für den Belletristik-Verlag Matthes & Seitz Berlin. Heute steht die Mutter zweier Kinder als Sprecherin und Erzählerin von Romanen auf der Bühne, sie verfasst und spricht Radiofeatures, Podcasts und Hörbücher. 2022 gründete sie den „Erzählbuchverlag“. 2023 wurde sie für den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „beste Interpretin“ nominiert.

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