Mehr als nur ein Erlebniszoo:Die Affenhintern und der Aha-Effekt

Julia Hoffmann vom Tierpark Hellabrunn im neuen Orang-Utang Gehege am 28.01.2019.

Aus dem Erlebniszoo wird ein Erlernzoo - und dazu trägt Julia Hoffmann mit ihren Infotafeln bei.

(Foto: Jan A. Staiger)

Erlernen durch Erleben: Julia Hoffmann arbeitet als Edukationsmanagerin für den Tierpark Hellbrunn und gibt auf Hunderten Infotafeln verblüffende Erkenntnisse weiter

Von Philipp Crone

Wer im Jahr 2019 den Münchner Tierpark besucht, der soll hinterher natürlich fasziniert sein von den unterschiedlichen Lebewesen, die es auf diesem Planeten gibt. Er soll aber vor allem auch lernen, wie er selbst dafür sorgen kann, dass es diese Lebewesen in einigen Jahren überhaupt noch gibt. Dafür arbeitet dort seit drei Jahren Edukationsmanagerin Hoffmann. Die Verschiebung eines Erlebniszoos mit exotischen Tieren hin zu einem Erlernenzoo mit verblüffenden Erkenntnissen lässt sich an den Hunderten Infotafeln ablesen, die im Zoo hängen. Und auch an den Erkenntniswelten, die bei jeder Erneuerung eines Tierpark-Teils eröffnet werden. Vor wenigen Wochen zum Beispiel der neu gestaltete Raum der Sumatra-Orang-Utans, in dem Hoffmann jetzt gerade steht und auf einen Tunnel zeigt.

Auf einer Schautafel neben dem Tunnel - eine von rund 300 im Zoo - ist eine Tierart beschrieben: "Wir sind winzig, aber viele. Kein anderes Tier ist im Regenwald so häufig." Wer dann durch den Tunnel robbt, sieht auf der rechten Seite das Bild der Tierart, die auf dem Waldboden lebt. Die Idee: Ein Rätsel macht neugierig. Und durch das Krabbeln ist man mit dem Boden verbunden, auf dem sich die besagten Tiere bewegen. Erlernen durch Erleben.

Über dem Tunnel ist ein Aquarium, an einer Wand gibt es eine Vitrine mit Lebensmitteln und gegenüber einen Bildschirm, Schiebetafeln und kleine Gucklöcher.

Hoffmann versucht, die Faszination, die von einem lebenden Tier ausgeht, für das Wissen um dessen Lebensraum zu konservieren. Wenn sie so etwas beginnt, etwa bei der Polarwelt oder jetzt bei den Affen, startet sie mit Suchmaschinen. "Ich suche erst einmal über Kindersuchmaschinen wie zum Beispiel Blinde Kuh." Sie entscheidet, welche Informationen am interessantesten sind. Dass etwa das Fell des Eisbären eigentlich durchsichtig ist oder seine Haut dunkel, so etwas findet dann den Weg in die Schautafeln und interaktiven Elemente. Entscheidend ist, die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Besucher zu nutzen.

"Dass die Aufmerksamkeitsspanne immer kürzer wird, merken wir schon", sagt Hoffmann. Und die Leute kämen ja nicht wegen der schönen Schilder in den Zoo, sondern wegen der Tiere. Deshalb sind die Tafeln mit wenig Text versehen und versuchen, die Neugierde der Besucher zu wecken. Etwa durch das Tunnel-Rätsel oder durch die Klappen. Im Mühlendorf etwa gibt es eine Klappe, auf der die Frage steht: "Wer ist Minister von Hammerstein?" Wer die Antwort wissen will, muss die Klappe öffnen. Und dahinter findet er Äpfel.

Äpfel? Minister von Hammerstein ist eine Apfelsorte. Allerdings eine, die kaum jemand kennt, weil es sie in Supermärkten üblicherweise nicht zu kaufen gibt. Warum aber eine Hammerstein-Klappe im Mühlendorf? Um auf die Artenvielfalt aufmerksam zu machen. Es gibt viel mehr Apfelsorten als die drei eingeschweißten Dauerarten aus dem Früchte-Regal beim Discounter um die Ecke, das ist die Botschaft. Und man kann auch mit regionalen Äpfeln hantieren statt welche aus Australien zu essen - Hammerstein wurde in Deutschland gezüchtet.

Erlernen durch Bewegen. Mit Klappen, mit Schiebetafeln so wie die bei den Orang-Utans, bei der man ein Bild von Affen zwischen dem Urwald und einer abgeholzten Ebene hin- und herschieben kann. Eine drastische Darstellung zum Verlust des Lebensraums der Menschenaffen. Zu dem auch die Palmöl-Produktion beiträgt, das auch in Lebensmitteln vorkommt.

Schiebe-Tafeln gibt es auch bei den Elefanten, bei denen man den asiatischen mit dem afrikanischen vergleichen kann. Der afrikanische Elefant hat deutlich größere Ohren. Oder man kann schätzen, wie viele Kilos ein Elefant mit seinem Rüssel anheben kann. Ein Viertel seines Körpergewichts schafft er, bei einem afrikanischen Bullen, das sechs Tonnen auf die Waage bringt, also bis zu eineinhalb Tonnen. "Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Leute sich Fragen stellen, die wir wiederum antizipieren und ihnen Antworten liefern." Manche Dinge können Kinder besser entdecken, etwa die Tierart im Tunnel. Ein faszinierter Nachwuchs, der dem Papa oder der Mama etwas über Ameisen erklärt, wird sich das auch gut merken. Oder, wie Hoffmann sagt: "Wenn es einen Aha-Effekt gibt, bleibt auch etwas hängen." Dann sei auch die Chance hoch, dass der Besucher in Zukunft auf etwas verzichtet. Tropenholz eben, oder Plastikbecher und Strohhalme.

Neue Orang-Utan Halle

Zeigt her eure Hände: Während man die Orang-Utans im Affen-Haus bestaunt, kann man gleichzeitig etwas lernen.

(Foto: Marc Müller/Tierpark Hellabrunn)

An der Guck-Wand bei den Orang-Utans kann man durch kleine Linsen Tierbilder sehen. Dabei sind die Löcher so angebracht, dass man die Bewohner in verschiedenen Höhen des Regenwaldes auch in verschiedenen Höhen an der Wand sieht. Ganz oben kleinere Tiere und Vögel, weiter unten die Orang-Utans und unten auf dem Boden die Drills, die ebenfalls bedrohte Affen-Art, die der Münchner Tierpark auch durch verschiedene Artenschutzprojekte unterstützt. Auf den Tafeln steht dann zum Beispiel, dass eine Drill-Gruppe bis zu 200 Tiere umfassen kann und dass die violett-blaue Färbung des Drill-Hinterns umso intensiver ist, je dominanter das Tier in der Gruppe ist.

Julia Hoffmann beschäftigt sich nicht erst seit ihrem Start in Hellabrunn mit dem Naturschutz. Nach dem Abitur machte sie ein freiwilliges ökologisches Jahr, studierte dann Biologie, arbeitete in Neuseeland und Australien, ihr erster Job war bei der Schutzgemeinschaft deutscher Wald, dann ging es nach München zu Green City, ehe sie die Stelle in Hellabrunn antrat. Hoffmann trifft sich regelmäßig mit Kollegen aus anderen Tierparks. Sie bringt dann Anregungen nach München mit wie etwa die Heat-Kamera in der Polarwelt. Wärmebilder gab es schon in anderen Zoos, die Idee einer Wärmebild-Livekamera hat dann München umgesetzt. Man sieht darauf, wie viel Wärme ein Mensch am Kopf verliert und wie wenig ein Polarfuchs.

Nebenan ist nun eine Gruppe von Schülern vor dem Orang-Utan-Gehege eingetroffen. Die Schulkurse sind in Hellabrunn ausgebucht, die 85 Ehrenamtlichen, die an mehreren Stationen täglich Rede und Antwort stehen, werden auch von Hoffmann und ihrer Kollegin betreut. Aufgabe ist es dann nicht nur, Wissen zu vermitteln. Sie müssen auch aufpassen, dass keine Kaugummis an die Schilder geklebt werden. Oder die Reißverschlüsse der Anoraks die Schautafeln verkratzen.

Derzeit entsteht das Edukationskonzept für den zweiten Bauabschnitt des Mühlendorfs. Dort wird es zum Beispiel einen ausrangierten Imkerwagen geben. Die früheren Einflugschlitze wird Hoffmann zu Schubladen mit ausziehbaren Schautafeln umfunktioniert.

Am Ende aber kommt es immer zum Praxistest, wie bei den Affen beim Stocherkasten. Die Affen haben so einen Kasten, der mit Tennisbällen gefüllt ist, die man mit kleinen Stangen durch ein Labyrinth bugsieren kann. Das Gleiche steht auch im Besucherraum, in dem Fall ist es eine Spendenbox, bei der man mit den Stangen von außen durch Schlitze Münzen in einen Behälter schieben muss. Allerdings haben die Edukationsmanager festgestellt, dass sich die ersten Münzen in verschiedenen Schlitzen verhaken. Und der rote Knopf unter dem Bildschirm hängt da auch noch etwas unmotiviert. "Da fehlt noch der Hinweis, dass man damit den Film auf Anfang stellt", sagt Hoffmann. Edukationsmanager müssen eben auch ab und zu dazulernen.

© SZ vom 30.01.2019
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