Mehr als ein Hobby Schlumpf ist Trumpf

Die Wohnung von Heiner Lünstedt wirkt wie ein Refugium, ein Comic-Archiv. Fast jedes Ding, jedes Bild, das hier steht oder hängt, hat eine Geschichte.

(Foto: Florian Peljak)

Erst Bahn, dann Bücher: Heiner Lünstedt organisiert das Münchner Comic-Festival

Von Sabine Buchwald

Diesmal also in der Alten Kongresshalle. Bei der Riesenschnecke, auf der Kinder rund ums Jahr ihre Hosenböden abrutschen. Sie könnte zum Symbol des nächsten Münchner Comic-Festivals werden, das hier in den ersten Junitagen stattfinden wird: denn im Schneckentempo etabliert sich die sogenannte neunte Kunst in dieser Stadt. Heiner Lün-stedt, 54, hat Gefallen gefunden an diesem Ort oberhalb der Theresienwiese. Wenn er in den vier Festivaltagen eine Pause braucht, wird man ihn bestimmt im Biergarten unter den Kastanien sitzen sehen. Zu erkennen ist er an einem T-Shirt in Größe XL mit Aufdruck auf der Brust. Vielleicht mit Superman drauf oder Charlie Brown oder einem Vintage-Batman-Motiv - und die ergrauten Haare werden sich über Ohren und Stirn strubbeln. So sieht er jedenfalls immer aus.

Lünstedt findet diese neue Lösung außerhalb des Stadtkerns "von Tag zu Tag besser" - weil sich die etablierten Verlage wie Marvel, Carlsen oder Ehapa mit den kleinen Independent-Verlagen unter einem Dach "vernünftig" präsentieren können. Der Zweiteilung Künstlerhaus und Altes Rathaus vor zwei Jahren hatte die Triple-Feier des FC Bayern auf dem eingezäunten Marienplatz ziemlich zugesetzt. Zu feiern gibt es zwar heuer weniger für die Bayern, aber Lünstedt ist einer, der pragmatisch denkt. Neuer Ort, neues Glück, und überhaupt freut er sich, dass es in München alle zwei Jahre ein Comic-Festival in dieser Größenordnung gibt. Und dass er zum dritten Mal Festivalleiter ist. Nicht unwichtig dabei: Die Stadt finanziert das Festival zu einem Großteil. "Seit der Einführung des Euro ist das Budget sogar erhöht worden", sagt Lünstedt. Wie hoch das nun ist, will er aber nicht in der Zeitung lesen.

Das mit dem Geld ist eine heikle Sache. Es reicht eigentlich kaum für die Organisation des Festivals, das stetig wächst und nach Ansicht der Veranstalter auch weiter wachsen soll. Vor zwei Jahren hat es mehr als 12 000 Besucher angezogen. Wie viele genau, weiß Lünstedt nicht, weil viele Ausstellungen gratis zu sehen waren. Zum Vergleich: In Erlangen, dem größten deutschen Comic-Event, wurden 2014 doppelt so viele Eintrittskarten verkauft. Ohne die Hilfe von außen, von Freunden und Familie, würde es in München selbst in dieser Größe nicht laufen. Vor zwei Jahren kam Lünstedts Schwester aus Hamburg und kümmerte sich um die Organisation im Alten Rathaus. Die Frau von Michael Kompa, der die vergangenen zwei Festivals zusammen mit Lünstedt geleitet hat, betreute damals den amerikanischen Kult-Zeichner Robert Crumb. Ehrenamtlich. Aus Freude an der Comic-Kunst, wie viele andere Helfer auch. Es sind Leute, die wie Lünstedt in die Superlative abdriften, wenn sie an manche Zeichner denken. Auf die Frage, ob er denn einen besonders schätze, zieht er die Stirn kraus und sagt spontan: "Nee, ich bin viel zu vielfältig interessiert." Während eines langen Gesprächs in seinem Wohn- und Arbeitszimmer, nach der schätzungsweise sechsten Tasse Kaffee, die sich Lün-stedt aus der Küche holt, schlumpft ihm dann doch der Satz aus dem Mund: "Die zehn ersten Schlumpf-Alben von Peyo sind für mich die besten Comic-Alben ever." Ein Statement von einem 54-Jährigen, der nie aufgehört hat Comics zu lesen. Und als Kind uneingeschränkt lesen durfte. "Das Comiclesen ist eine Fähigkeit, die man sich erarbeiten muss", sagt Lünstedt. Man müsse den Transfer zwischen Bild und Text schaffen. "Viele Erwachsene lernen das nicht mehr, wenn sie das nicht geübt haben", sagt er.

Die Leute, mit denen sich Lünstedt umgibt, die können das. Sie gestalten, wie er, seit Jahren die Münchener Szene, sind Teil der Szene und immer wieder Gäste bei Lünstedts Comic-Café im Werkstattkino: Michael Kompa, Herbert Meiler, Boris Purmann, Ralf Palandt, Wolfgang J. Fuchs und viele mehr. Letzteren hat sich Lünstedt als Co-Leiter des diesjährigen Festivals geschnappt. Beide werden diesen Samstag bei Hugendubel am Marienplatz von 10 Uhr an die Heftchen verteilen, die an dem bundesweiten Gratis-Comic-Tag von den Verlagen verschenkt werden.

1985 hat Fuchs im Gasteig die allerersten Münchner Comic-Tage organisiert. Das ist nun 30 Jahre her. "Da schließt sich ein Kreis", sagt Fuchs, das freue ihn natürlich. 1985 war Lünstedt 24 und noch nicht mal in München. Im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse hatte er Fuchs gefragt, ob sie nicht zusammenarbeiten könnten. "Es kam eine verhaltene Abwehrreaktion", sagt Lünstedt. Fuchs berät seit Jahren das Kulturreferat in Sachen Comic, man kannte sich also, aber "nicht so gut". Damit alles 100-prozentig funktioniere, sei er bereit, Leute zu holen, sagt Fuchs. Aber einen Großteil der Planung mache Lünstedt selbst.

Beide leben, was sie lieben. Fuchs ist Duckianer und Disney-Experte, Lünstedt textet. Regelmäßig ist er auf Festivals wie in San Diego und Angoulême und schreibt darüber. Seit 15 Jahren pflegt er im Internet seine Comic-Plattform "Highlightzone" mit Rezensionen über Bücher und Animationsfilme. Im Herbst 2013 erschien zusammen mit der Münchner Zeichnerin Ingrid Sabisch eine recht unterschiedlich besprochene Biografie über Willy Brandt. In den vergangenen anderthalb Jahren haben sich die beiden mit dem Leben von Sophie Scholl auseinandergesetzt. Das Buch erscheint im September bei Knesebeck, eine Ausstellung dazu gibt es schon auf dem Münchner Festival.

Lünstedts Wohnung wirkt wie eine Höhle, ein Refugium, ein Comic-Archiv. Fast jedes Ding, jedes Bild, das hier steht oder hängt, hat eine Geschichte. An den Wänden stoßen die Bilderrahmen aneinander. Originalseiten zu besitzen, ist ein Traum vieler Fans. Lünstedt ist stolz auf Seiten von Reinhard Kleist mit Varianten aus seiner Graphic Novel über Fidel Castro. In früheren Jahren habe es ihn glücklich gemacht, wenn ihn Zeichner karikierten. Von Mad-Zeichner Tom Richmond hängt etwa eine Lünstedt-Karikatur mit schlitzigen Augen und übergroßer Nase im Zimmer und von Miguelanxo Prado, der 2011 in München war.

In den Regalen stehen dichtgepresst DVDs von Zeichentrickfilmen, Bücher und Comic-Bände, deren Titel von unzähligen kleinen Figuren verdeckt sind. Es ist unmöglich, hier mit einem Staubwedel dazwischen zu fahren. Natürlich sind da die Schlümpfe, Supermänner, die Ducks, auch Harry Potter, unmöglich, sie aufzuzählen.

Von seinem Arbeitsplatz aus in einer Ecke des Wohnzimmers kann Lünstedt das alles sehen. Aber hat er wirklich noch den Überblick? Mit fast englischem Understatement wehrt er ab und zieht dann wenig später als Gegenbeweis ein Rowohlt-Taschenbuch hervor. Es ist das Standardwerk "Comics - Anatomie eines Massenmediums", das Wolfgang J. Fuchs mit Reinhold Reitberger Anfang der Siebzigerjahre herausgebracht hat. "Isn büsschen vergilbt", sagt Lünstedt und grinst.

Heiner Lünstedt stammt aus Hamburg, und das ist auch nach all den Jahren in Bayern noch zu hören. Das mit dem spitzen Stein hat sich abgeschliffen, aber er formt seine Worte weiterhin eher vorne im Mund. München, das war für ihn als Kind der Zwischenstopp auf dem Weg nach Rimini. Sein Vater arbeitete bei der Bahn, Lünstedt nach einem Bauingenieurstudium auch. Er war eine Weile für die Bahnübergangssicherung rund um Rosenheim zuständig, später machte er sich Gedanken um die Lautstärke der Züge. Es sei damals eine schöne Mischung aus Kameradschaft und sinnvoller Beschäftigung gewesen, sagt er, und dass er das System Eisenbahn immer noch möge, sagt er. Dennoch hat er sich 2008 "ehrenhaft" davon verabschiedet. "Ich habe wie ein Familienvater verdient, aber ich war keiner", sagt er. Das habe keinen Sinn mehr für ihn gemacht. Er hat sich bei der Bahn auch nicht mehr zu Hause gefühlt. "So ein Frontmann wie Mehdorn trägt nicht gerade zur Identifikation bei", sagt Lünstedt. Einmal mehr sagt er indirekt aus, was er denkt. Wer ihn nicht kennt, kann ihn leicht missverstehen. Da ist Fuchs eindeutiger: "Lünstedt will das Bestmögliche für das Festival rausholen."