bedeckt München 14°

Moderne Medizin in München:Süßer Verband gegen Keime

Die Ärzte setzen Manuka-Honig ein, um die Wundheilung zu verbessern. Klinikum Dritter Orden, Mennzinger Straße 44

Erst wenn Ärzte eine Wunde gut versorgt haben, sollten Patienten das Krankenhaus verlassen.

(Foto: Florian Peljak)
  • Bei den Maoris in Neuseeland ist Manuka-Honig schon lange als Heilmittel bekannt - auch im Klinikum Dritter Orden wird er als Wundtherapeutikum eingesetzt.
  • Verschiedene Wirkstoffe machen den Honig so einzigartig - das ist wissenschaftlich untersucht und erwiesen.
  • Allerdings eignet sich die Behandlung mit dem besonderen Nahrungsmittel nicht für alle Arten von Wunden.
  • Alle bisher erschienenen Artikel der Serie finden Sie hier.

Von Gudrun Passarge

Ein so berühmter Mann wie James Cook, Weltensegler und Entdecker, muss für vieles herhalten. Zahlreiche Legenden sind um seinen Namen gestrickt, die bis heute gerne erzählt werden. So sollen es seine Männer gewesen sein, die sich aus Blättern des neuseeländischen Manuka-Strauchs Tee aufgebrüht haben, sie sollen sogar Bier damit gebraut haben, weshalb das Manuka-Bier auch den Namen des Captains trägt. Vielleicht hat Cook, der als einer der ersten Seefahrer seiner Mannschaft eine Vitamin-C-Diät gegen Skorbut verordnete, ja auch rasch die sonstigen Vorzüge des Manuka-Strauchs erkannt, besonders die heilenden Kräfte seines Honigs. Von denen ist Oberärtzin Martina Draxler jedenfalls rückhaltlos überzeugt: "Der Honig ist unsere Geheimwaffe in schweren Fällen."

Die Gefäßchirurgin im Klinikum Dritter Orden kann sich noch gut an die Zeit ihrer Ausbildung erinnern und an ihre alte Oberärztin, die noch die Zeit kannte, da man Honig im Krankenhaus nicht nur zum Frühstück bekam. "Früher hat man auch schon Honig auf Wunden getan, den selben Honig, den man aufs Brot gestrichen hat." Das sei nicht ganz ungefährlich gewesen, denn europäischer Honig ist eher wässrig und biete damit Pilzen und Keimen einen guten Nährboden, sagt die Ärztin. War er während der Siebzigerjahre noch ein normales Wundtherapeutikum, kam er bald aus der Mode - nun feiert er eine Renaissance.

Seit 2014 wird mit Gammastrahlen sterilisierter Honig im Dritten Orden verstärkt wieder eingesetzt, erklärt Wundschwester Christiane Meyer-Hochberger, die die Abteilung Wundmanagement leitet. Die vier Mitarbeiter sind zuständig für die Wundversorgung im ganzen Haus, was Draxler als großen Gewinn bezeichnet, da viele Ärzte während ihrer Ausbildung wenig von Wundmanagement mitbekämen, und die Pflegerinnen seien "immer auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand". Der ist wieder bei Honig angekommen, allerdings bei einem sehr exotischen, gesammelt von neuseeländischen Bienen, die sich am Nektar der Manuka-Blüten gelabt haben.

Ein Bündel von Wirkstoffen

Bei den Maoris ist Manuka-Honig schon lange als Heilmittel bekannt, erzählt Meyer-Hochberger. Sie setzen ihn nicht nur bei Wunden ein, sondern auch, wenn es im Hals kratzt, bei Nebenhöhlenerkrankungen, bei Magen- oder Blasenbeschwerden. Wissenschaftlich ist längst untersucht, was den Honig so einzigartig macht. Es ist ein ganzes Bündel von Wirkstoffen, wobei der hohe Gehalt an Methylglyoxal, einem antibakteriell wirkenden Zuckerabbauprodukt, wohl eine besondere Rolle spielt. Neuseeländischer Manuka-Honig hat einen Methylglyoxalgehalt zwischen 100 und 800 Milligramm pro Kilogramm, ab 100 sei eine medizinische Wirkung erwiesen, sagt Draxler. Zum Vergleich: Europäischer Honig bringt es meist nur auf null bis zehn Milligramm Methylglyoxal. Auch andere Enzyme darin wirkten sich positiv auf die Heilung aus, "da ist noch viel, was man erforschen kann", sagt die Gefäßchirurgin. Manuka-Honig wirke auf verschiedene Weise auf Bakterien, zum Beispiel sei er wasserbindend und hindere sie so am Wachstum. Selbst mit den gefürchteten MRSA-Keimen, also dem multiresistenten Staphylococcus aureus, oder dem Darmbakterium Enterococcus werde er fertig.

Bunyip State Park, Victoria, Australia.

Die Manuka-Blüten sind nicht nur attraktiv für Käfer, sondern liefern Bienen auch Nektar für ihren Honig.

(Foto: National Geographic/Getty Images)

Ihr "Aha-Erlebnis" hatte Draxler mit dem Proteus mirabilis, einem grüntürkisfarbenem Bakterium, das metallisch schimmert und auch so riecht. Sie mussten dem Patienten, dessen Wunde damit befallen war, zweimal am Tag den Verband wechseln, die grünliche Farbe kam immer wieder durch. Eine Silber-Auflage habe wenig Wirkung gezeigt, dann probierten die Wundschwestern den Honig. "Innerhalb von 48 Stunden war der grünliche Schimmer auf der Wunde weg", schildert Draxler. "Damals habe ich mir gedacht, ja das machen wir jetzt öfter."

Nicht für alle Wunden geeignet

Tatsächlich, sagt Christiane Mayer-Hochberger, bekämen nur etwa zehn bis 15 Prozent der Wundpatienten eine Honigbehandlung. Das liege nicht nur daran, dass der Honig teurer ist als manch andere Salbe, sondern er eignet sich schlichtweg nicht für alle Wunden. Eingesetzt wird er meist bei chronischen Wunden, die eher oberflächlich sind. Umstritten ist er dagegen bei Diabetes-Patienten und bei großflächigen Wunden. Die Patienten schätzten die süße Medizin, nicht nur, weil jeder kennt, was er da bekommt, sondern auch, weil er gut riecht. "Die Akzeptanz ist sehr groß." Gerade Menschen mit von Bakterien befallenen Wunden hätten oft ein Geruchsproblem, da diese Hautverletzungen stark riechen. "Viele haben Angst, deswegen auf die Straße zu gehen, sie fürchten, dass jemand sagen könnte, sie stinken." Doch mit dem Manuka-Honig werde dieser Geruch ganz gut überdeckt.

"Meist nimmt auch der Schmerz ab und die Wunden schauen gepflegter aus", ergänzt Mayer-Hochberger. Sie muss heute das Bein der Ordensschwester Diemut neu verbinden. Die 79-Jährige leidet seit Jahren an einer Venenerkrankung, sie hat das, was vielen unter dem Begriff "offenes Bein" bekannt ist. Zur Wundbehandlung bekam sie früher Silber-Auflagen, aber darauf reagierte sie allergisch. Jetzt ist der Honig das Mittel der Wahl, und an ihrem linken Fuß sind nur noch zwei kleinere Wundbereiche zu sehen. Sie lächelt zustimmend, als Wundschwester Christiane die Vorteile des Honigs aufzählt. "Das mit dem Jucken hat doch auch aufgehört, oder?" Alle sind zufrieden. Und doch ist es Martina Draxler wichtig, zu hohe Erwartungen zu bremsen: "Honig ist nicht das Allheilmittel. Aber er ist ein Geschenk für Problemwunden, wo man sich sonst die Haare gerauft hätte."

Manuka

Der neuseeländische Manuka-Strauch (Südseemyrte) liefert besonders heilsamen Honig, der im englischsprachigen Raum schon lange verwendet wird. Der Honig soll antibiotisch wirken und auch gegen Pilzerkrankungen helfen. Einzigartig ist er wegen seines besonders hohen Gehalts an Methylglyoxal, eines Zuckerabbauprodukts, der mindestens 100 Milligramm pro Kilogramm betragen sollte. Neuseeländische Imker kennzeichnen ihren Honig mit dem Unique Manuka Factor (UMF), der sich auf den Methylglyoxalgehalt bezieht. Ein Glas Manuka-Honig mit dem UMF 20 enthält 400 Milligramm Methylgyoxal pro Kilogramm. Weltweit werden etwa 10 000 Tonnen Manuka-Honig jährlich im Handel angeboten, die Neuseeländer produzieren jedoch nur zirka 1700 Tonnen. Verbraucher können echten Manuka-Honig nur am UM-Faktor erkennen. Wer möchte, kann ihn auch aufs Brot streichen, mit seinem kräftigen Geschmack schmeckt er köstlich. pa

© SZ vom 31.03.2015/vewo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite