Medizin Frauen in der Herzchirurgie - noch immer selten

Die Chirurginnen Julie Cleuziou (rechts) und Keti Vitanova arbeiten im Deutschen Herzzentrum in der Maxvorstadt.

(Foto: Florian Peljak)

Bis heute ist der Beruf eine Männerdomäne. Inzwischen hat das Fach ein ernsthaftes Nachwuchsproblem - auch weil der Job so schlecht mit einer Familie zu vereinbaren ist.

Von Inga Rahmsdorf

Oberärztin Julie Cleuziou muss gleich in den OP-Saal, vorher holt sie sich noch schnell einen Kaffee. Keti Vitanova hat eigentlich Feierabend, die Fachärztin beendet gerade eine 24-Stunden-Schicht. Und Lena Eschenbach kommt etwas später zu dem Gespräch, die Assistenzärztin war gerade noch im Operationssaal.

Es ist acht Uhr morgens, ein ganz normaler Arbeitstag für die drei Herzchirurginnen im Deutschen Herzzentrum in München (DHM), einer Fachklinik für Herz- und Kreislauferkrankungen in Neuhausen - doch so normal war diese Situation lange Zeit nicht.

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Erst seit knapp 25 Jahren arbeiten Frauen in Deutschland als Herzchirurginnen. Lange Zeit galt die gesamte Chirurgie als Männerdomäne. Das hat sich in den vergangenen Jahren zwar langsam geändert, trotzdem sind laut der Bundesärztekammer von den deutschlandweit knapp 38 000 berufstätigen Chirurgen nur etwa 8000 Frauen - obwohl mittlerweile mehr als 60 Prozent der Medizinstudenten weiblich sind.

Doch gerade im letzten Jahr des Studiums, dem praktischen Jahr, entscheiden sich viele Studierende gegen die Chirurgie. Dem Fach drohe der Nachwuchs auszugehen, warnen die Berufsverbände. Ein Grund dafür sei die mit sechs bis acht Jahren vergleichbar lang dauernde Ausbildung zum chirurgischen Facharzt, sagt die Assistenzärztin Eschenbach. Doch es gibt auch noch andere Gründe.

Die Herzchirurgie sei ein wunderschöner Beruf, den sie mit "Leidenschaft und Herzblut betreiben", darin sind sich die drei Medizinerinnen einig. Doch sie sind auch überzeugt davon, dass sich in Deutschland die Strukturen in den Kliniken dringend ändern müssen, um das Fach auch für die Zukunft attraktiv zu gestalten. "Es werden nun einmal mehr Frauen in der Medizin ausgebildet und man muss ihnen andere Arbeitszeitmodelle anbieten", fordert Oberärztin Cleuziou. "Und den Männern übrigens auch. Ich denke, dass sich in Zukunft auch mehr Männer um ihre Familien kümmern wollen."

Die leitende Oberärztin arbeitet bereits seit 15 Jahren als Herzchirurgin. Nachdem sie ihre Facharztausbildung abgeschlossen hatte, bekam sie ein Kind. Familie und Karriere in der Herzchirurgie zu vereinbaren, sei möglich, sagt sie. Es sei eine Frage der Organisation, der Bereitschaft der Vorgesetzten und der guten Zusammenarbeit im Team. Klar, auch bei ihr das sei nicht immer einfach gewesen.

"Ich war die einzige Fachärztin, die schwanger wurde, und bekam erst einmal zu hören: Oh Gott, was machen wir denn jetzt? Für einige Kollegen war klar, dass meine Karriere damit vorbei ist", erinnert sich Cleuziou. Als sie vorschlug, nach der Geburt zunächst mit etwas reduzierter Stundenzahl zurückzukommen, war die erste Reaktion: Teilzeit arbeiten in der Chirurgie? Undenkbar!

Auch wenn mittlerweile deutlich mehr Frauen als Männer ein Medizinstudium abschließen, sind sie in Führungspositionen an Kliniken weiterhin in der Minderheit. Bundesweit sind nur 13 Prozent der Spitzenpositionen in der Universitätsmedizin mit Frauen besetzt. In der Chirurgie sind es gerade einmal fünf Prozent. Nicht einmal jeder dritte Oberarzt in einer deutschen Universitätsklinik ist eine Frau, das ergab eine aktuelle Studie des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB). Innerhalb der vergangenen drei Jahre sei der Frauenanteil lediglich um drei Prozent gestiegen.

"Bei unverändertem Tempo wird eine Parität zwischen Frauen und Männern erst in etwa 32 Jahren erreicht sein", rechnet Gabriele Kaczmarczyk vor, die Vize-Präsidentin des DÄB und Leiterin der Studie. "Das bedeutet unter anderem, dass Ausbildung, Therapiekonzepte und die medizinische Meinungsbildung voraussichtlich bis zum Jahr 2051 durch Männer geprägt werden." Die Ursachen für den geringen Frauenanteil seien unklar. Schließlich sei qualifizierter Nachwuchs durchaus vorhanden.

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"Jeder hat eine andere Vorstellung davon, wie er oder sie sein Leben gestalten möchte", sagt Cleuziou. "Man muss in den Kliniken viel mehr miteinander reden, wie man den Arbeitsalltag organisieren kann, damit die Situation sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer zufriedenstellend ist."

Natürlich könne man nicht während einer Operation alles fallen lassen und nach Hause gehen, nur weil man in Teilzeit arbeitet. "Wir haben eine Verantwortung gegenüber dem Patienten", betont die Oberärztin. "Aber es gibt ja auch andere Arbeitszeitmodelle." Teilzeit könnte auch heißen, weniger Tage oder wochenweise zu arbeiten.