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Medizin:Dem Tod so nahe

"Es kommt darauf an, die Fähigkeit zu entwickeln zuzuhören - auch einmal still zu sein", sagt Palliativmediziner Markus Schlemmer.

(Foto: Catherina Hess)

Marcus Schlemmer ist einer der erfahrensten Palliativmediziner in München. Für seine Klinik hat er einen klaren Leitgedanken festgelegt: "Wir gucken auf den Menschen, nicht auf die Erkrankung." Betreut werden nicht nur die Kranken, sondern auch die Angehörigen

Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger, Sozialarbeiter stemmen sich täglich in der Klinik für Palliativmedizin der Barmherzigen Brüder gegen den Tod. Das tun sie rund um die Uhr. Doch das Sterben ist in der Münchner Klinik auch allgegenwärtig. Chefarzt Marcus Schlemmer kennt das zur Genüge. Er kommt am Vormittag von einem Besuch eines Patienten zurück in sein Büro. Der Patient ist Mitte 30 und wird mit einiger Wahrscheinlichkeit demnächst an einem Tumor sterben. Die Fotos seiner beiden Kinder stehen in Rahmen an seinem Bett. Schlemmer ist spürbar beeindruckt von diesem Gespräch. Er hat vor allem zugehört, was der Mann zu sagen hat.

"Kommunikation" ist ein ganz wichtiger Begriff bei Marcus Schlemmer. In der Unterhaltung mit ihm kommt er wiederholt vor. "Ich meine das Gespräch Arzt - Patient", sagt Schlemmer. "Es kommt darauf an, die Fähigkeit zu entwickeln zuzuhören - auch einmal still zu sein."

Das gilt auch im Kontakt zu den Angehörigen. Reden, wenn immer es geht, ist die unbedingte Vorgabe des Chefarztes an das Team im Krankenhaus. Doch nicht nur für die Beschäftigten in der Klinik. Schlemmer unterrichtet auch Medizinstudenten an der LMU im vierten Studienjahr. In seinem Seminar "Vom Patienten lernen" hat er die angehenden Ärzte zu einem Gespräch mit den Todkranken in der Palliativklinik geschickt. Die ausgesuchten Patienten waren von ihm darauf vorbereitet worden. "Die Studenten mussten aufschreiben, was das Gespräch mit ihnen gemacht hat, aber ich lese es nicht", erzählt Schlemmer. Danach wurde ausführlich darüber geredet. Tenor der Studenten, so Schlemmer: "Es war sehr hilfreich, sich darauf einzulassen."

Die Palliativklinik der Barmherzigen Brüder ganz in der Nähe des Nymphenburger Parks ist die größte in Deutschland. 32 Palliativplätze kann die Klinik belegen. An drei anderen Münchner Krankenhäusern in Großhadern stehen zehn, in Schwabing sechs und in Harlaching ebenfalls zehn Plätze für stationäre Palliativmedizin zur Verfügung. "Wir sind kein Hospiz, kein Sterbehaus", stellt Schlemmer nachdrücklich fest. Auch diese Einrichtung gibt es auf dem Areal des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder. Das Sterbehaus, das Johannis-Hospiz, wurde schon 1991 in der Hochphase der Immunschwächekrankheit Aids gegründet. Es war damals die erste Palliativstation, das erste Hospiz in Bayern. Die Lebenserwartung der Menschen, die heute ins Hospiz gehen, beträgt durchschnittlich drei Monate. "Dort sterben 97 Prozent der Patienten", zitiert Schlemmer die Statistik. "Aus der Palliativklinik werden etwa 50 Prozent wieder entlassen", erwähnt Schlemmer den entscheidenden Unterschied. "Das ist ein Erfolg." Meistens werden sie nach Hause entlassen, einige wechseln aber auch ins Hospiz. 800 Patienten hat die Palliativklinik pro Jahr. Etwa 400 Patienten sterben jährlich. Das Krankenhaus ist in drei Stationen mit zweimal elf und einmal zehn Betten aufgeteilt.

Marcus Schlemmer ist vor fünf Jahren Chefarzt der Palliativklinik geworden. Der 58-jährige Arzt hat zehn Jahre Erfahrung in der Palliativmedizin. Als Arzt in der Inneren Medizin kümmerte er sich seit gut 20 Jahren vor allem um Krebspatienten - ist ein versierter Onkologe. 80 Prozent der Menschen, die in der Palliativklinik aufgenommen werden, haben Krebs. Auch Patienten mit fortgeschritten Lungen- und Herzerkrankungen sind dort, ebenso an Demenz Erkrankte. Heilungschancen haben die allerwenigsten. "Wir können gut Symptome behandeln", sagt Schlemmer und stellt die entscheidende Frage für die Behandlung der Symptome: "Was hat dieser Patient für eine Not?" Viele Menschen haben vor allem Atemnot, die sie regelmäßig in Panik versetzt. Darauf ist das Palliativ-Team gut vorbereitet.

Schlemmer hat für die Klinik eine klaren Leitgedanken festgesetzt: "Wir gucken auf den Menschen, nicht auf die Erkrankung." Der Klinikchef kennt die flapsigen Bemerkungen mancher Kollegen. "Wie geht es der Galle auf Station 5?" - solche Bemerkungen hat er früher häufiger gehört. Er lehnt diesen Umgang mit Patienten ab. "Sorge" ist eines der Schlüsselworte von Marcus Schlemmer. Neben der täglichen Sorge um die Kranken, gibt es auch die Sorge um die Angehörigen - Ehepartner, Mütter, Väter, Schwiegermütter oder engste Freunde der Erkrankten. Sie sind häufig sehr verzweifelt.

Manchmal fragen sie auch: "Wo ist ihr Gott, Herr Schlemmer?" Er schildert den Fall einer Mutter von zwei kleinen Kindern. Sie ist ebenfalls erst Mitte 30, hat Krebs und wird möglicherweise das Jahr 2020 nicht mehr erleben. "Sie beunruhigt vorrangig nicht ihr eigenes Schicksal", erzählt Schlemmer, "sondern sie macht sich intensive Gedanken darüber, wie ihr Ehemann mit den Kindern klar kommt, wenn sie nicht mehr da ist." Da nimmt sich der Chefarzt dann viel Zeit, um auch mit dem Ehemann zu reden.

"Das sind schon Fälle, die einem sehr nahe gehen", sagt Schlemmer. Als Vater von vier inzwischen erwachsenen Kindern kann er sich gerade in Familienbeziehungen und die damit verbundenen Verantwortlichkeiten gut hineinfühlen. Es hilft ihm auch sein Glaube, dass es für ihn ein Leben nach dem Tod gibt "und ich unsere Patienten wiedersehe". Nicht zu allen Patienten in der Klinik findet er Nähe. Aber auch viele sind ihm ganz nahe. "Es kommt vor, dass ich mit jemand am Vortag noch ausführlich gesprochen habe und am nächsten Morgen ist er tot", berichtet der Arzt. Das nimmt ihn auch mit. "Dann weine ich auch manchmal", bekennt Schlemmer. Er geht dazu aus dem Gebäude raus ins Schlossrondell des Schlosses Nymphenburg und lässt die Tränen laufen. Wenn 400 Patienten in der Klinik jährlich sterben, dann sind das ein bis zwei Menschen im Durchschnitt am Tag. "Manchmal gehe ich freitags ins Wochenende und am Montagmorgen sind acht Menschen gestorben", sagt Schlemmer spürbar betroffen. Jeden ersten Donnerstag im Monat findet ein großer Gedenkgottesdienst statt, bei dem die Angehörigen nochmals gemeinsam ihrer Verstorbenen gedenken.

Die mittlere Liegedauer der Patienten beträgt zehn Tage. Manche sind aber auch fünf, sechs Wochen dort. "Ich schiebe kein Bett raus", bekräftigt Schlemmer nachdrücklich, auch wenn es finanziell für die Klinik nachteilig ist. Sein Credo: "Ich möchte, dass alle gut versorgt sind. Es muss auch für die Angehörigen passen. Wir dürfen ihnen die Schwerkranken nicht einfach nach Hause schicken." So hat der Klinikchef vor gut drei Jahren eine besondere Sprechstunde für Patienten und für Angehörige eingeführt. "Weiterleben in Würde" ist die überschrieben; dort die Menschen"ihre Sorgen und Nöte aussprechen". Da werde auch über Suizid gesprochen; vielleicht sogar über eine Reise in die Schweiz. "Das möchte ich verhindern", stellt der Arzt klar. Deshalb das Thema: "Weiterleben in Würde."

Im Umgang mit Patienten und Angehörigen spricht Marcus Schlemmer von "Professioneller Nähe", die er für notwendig erachtet. Viele Kollegen würden professionelle Distanz bevorzugen, um sich auch zu schützen. Schlemmer hilft im Umgang mit Menschen natürlich seine Biografie. Er hat vor dem Medizinstudium drei Jahre lang Philosophie und Theologie studiert. Seine Mutter starb an Brustkrebs, als er 15 Jahre alt war. "Ich dachte damals, ich müsste Priester werden", erzählt er. Dann wechselte er zur Medizin. Als Schlemmer Mitte 30 war, starb sein Vater an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er sieht nicht nur die physische Existenz des Menschen, sondern auch seine Seele und "dass es noch etwas gibt, was größer ist oder darüber hinausgeht". Schlemmer weiß, dass gerade eine Palliativklinik nur mit einer gut funktionierenden Mannschaft erfolgreich sein kann.

Besondere Hochachtung genießen bei ihm die Krankenschwestern und -pfleger, die besonders nahe an den Patienten sind. "Hier mache ich mir aber auch massive Sorgen", sagt er mit ernstem Gesicht. "Hier ist eine generelle Aufwertung ihrer Tätigkeit notwendig." Besonders eine bessere Bezahlung mahnt er an. An vielen Krankenhäusern werden sie zu besseren Befehlsempfängern degradiert. Schlemmer ist sich ganz sicher: "Die können viel mehr." Das erfahre er täglich in seiner Klinik.

Er ist nicht pessimistisch, was die Zukunft der Palliativmedizin betrifft. "Sie ist ein humaner Zugang zu Patienten", bekräftigt Schlemmer noch einmal. Entsprechend müssten sich die Ärzte darauf einstellen und genau hinhören, was der Patient will. Entscheidend ist "Wahrhaftigkeit in der Kommunikation", sagt er, sowie die Notwendigkeit, "mit meiner Person in der Behandlung dahinter zu stehen". Getragen wird die Palliativklinik vor allem von Spenden - Spenden, die auch die Angehörigen von den Mittrauernden sammeln. Das betrachtet er auch als Würdigung der Arbeit, die das Team leistet und gibt ihm Spielraum bei der Verweildauer der Patienten. Was ihn auch freut: Fachliche Kontinuität ist im Hause Schlemmer gewährleistet. Sein jüngster Sohn und die Tochter mit besonderem Interesse an der Onkologie sind gerade junge Ärzte geworden.

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