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Mediation:Vermitteln, wo es knirscht und knallt

Seit zehn Jahren gibt es in München die Stelle für Gemeinwesenmediation. Klingt zwar sperrig, aber das Team von Anja Huber löst viele festgefahrene Konflikte

Von Sven Loerzer

Die Stadt kennt er gut. Als Architekt und Stadtplaner hat Markus Weinkopf 36 Jahre lang in München gearbeitet. Aber erst jetzt habe er "die Menschen und ihre sehr, sehr unterschiedlichen Lebensweisen kennengelernt". Der 71-Jährige hat schon in seinem Beruf als Stadtplaner erlebt, wie Veränderungen in das Leben von Menschen eingreifen, wie heftig gestritten wird, wenn neu gebaut wird. Schon damals haben ihn Konflikte so beschäftigt, dass er eine Mediationsausbildung bei der Architektenkammer absolvierte und schließlich sogar seinen Master in Mediation machte. Seit zehn Jahren hilft er mit, im Auftrag der Stadt Konflikte aller Art zu lösen, wenn Kontrahenten wenigstens zu einem Gespräch auf neutralem Boden bereit sind. Weinkopf gehört zu den 30 Männern und Frauen, die in Zweier-Teams für die beim Sozialreferat angesiedelte Stelle für Gemeinwesenmediation (SteG) unterwegs sind: Sie unterstützen Menschen dabei, eine Lösung zu finden, auch wenn die Situation völlig verfahren zu sein scheint. Das vor zehn Jahren eingerichtete Angebot ist für die Bürger kostenlos.

Die Stadt finanziert die Arbeit, "denn es ist wichtig, dass wir ein gutes Miteinander haben", betont Sozialbürgermeisterin Verena Dietl (SPD). Der Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessenlagen sei in Zeiten, in denen Konflikte in einer Großstadt immer mehr zunehmen, dringend nötig. "Sei 2010 haben wir bei den Anfragen eine Steigerung von 200 Prozent", erklärt Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD). Rund 150 Anfragen jährlich sind es jetzt, die Zahl dürfte weiter steigen, gerade zur Corona-Zeit. Angesichts des Bevölkerungswachstums von 25 000 Einwohnern pro Jahr nehme "die Enge, die alle stresst, und zu Missverständnissen führt" noch zu. Schiwy sieht deshalb noch weitere Bedarfe: "Wir wollen auch die präventiven Ansätze ausbauen. Wir wollen die Menschen mit Kompetenzen so ausstatten, dass nicht jeder Streit eskaliert." Kinder sollten Konfliktbewältigung schon in der Schule lernen.

Vorstellung der bundesweit einzigartige Stelle für Gemeinwesenmediation (SteG) im Rathaus, Kleiner Sitzungssaal.

Drei, die sich um andere kümmern und bei Konflikten auch vermitteln können: Anja Huber (von links), Markus Weinkopf und Ikram Cherif vor dem Gespräch im Münchner Rathaus. Zusammen haben sie schon viele Streitigkeiten gelöst.

(Foto: Florian Peljak)

Gerade Nachbarschaftskonflikte gingen Menschen oft auch an die Gesundheit, betont Anja Huber, Leiterin der Stelle. Ihr Angebot sei unkompliziert, Anruf (Telefon 233-40034 oder -40634), genügt. Falls der Konflikt schon so eskaliert ist, dass die Parteien nicht miteinander sprechen, nimmt Huber Kontakt auf. Verhandelt wird auf neutralem Boden, Huber stellt dazu ein geeignetes Zweierteam mit unterschiedlichen Professionen zusammen. "Das Team muss zu dem Fall passen." Und über eine Mediatorenausbildung verfügen.

Die selbständige Unternehmerin Ikram Cherif, 41, kümmert sich seit fünf Jahren vor allem um Nachbarschaftskonflikte mit interkulturellem Hintergrund, sie spricht auch Arabisch, Italienisch und Englisch. Vermitteln konnte sie zusammen mit einem einheimischen Kollegen im Fall einer deutschen Familie, die sich über die Lautstärke und die vielen Besucher einer irakischen Familie beschwert hatte. "Die Ursache war der kulturelle Unterschied. " Die Familien konnten sich auf ein friedliches Miteinander verständigen und vereinbarten dazu Ruhezeiten. Ikram Cherif hat allerdings auch in anderen Fällen erlebt, dass kulturelle Unterschiede gar nicht die Ursache des Konflikts waren.

Vorstellung der bundesweit einzigartige Stelle für Gemeinwesenmediation (SteG) im Rathaus, Kleiner Sitzungssaal.

Wie die anderen ist auch Anja Huber ausgebildet in Mediation.

(Foto: Florian Peljak)

Lärm sei das große Thema, sagt Weinkopf, der in zehn Jahren mehr als 50 Fälle übernommen hat. Immer gehe es darum, die Beteiligten an einen Tisch zu bringen, damit sie sich gleichberechtigt fühlen. Nur so sei ein Perspektivenwechsel möglich, wie in einem Konflikt zwischen einem Seniorenheim und den Nachbarn. Sie fühlten sich gestört durch anhaltende Hilferufe von Heimbewohnern mit Demenz bei offenem Fenster. Trotz vieler Anrufe entstand das Gefühl, dass nichts geschehe. Schließlich organisierte Weinkopf ein Gespräch auf Augenhöhe, zwischen dem Hausleiter und Vertretern der Nachbarschaft. Am Ende ließen sich Regelungen finden.

Manchmal sind sie verblüffend schlicht: In einer Wohngruppe, wo immer wieder der Fernseher verschwand, wie Anja Huber berichtet, ist er pinkfarben angestrichen worden und somit unverkäuflich.

© SZ vom 07.08.2020

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