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Maxvorstadt:Eigentümer wollen Mietshaus in München räumen - um es dann zu viert zu bewohnen

Mietshaus an der Veterinärstraße 8. Schwabing. Künstler Reiner Zimnik (rechts) und Peter Stilijanov, beide Bewohner des Hauses, die nun nach Jahrzehnten vom neuen Eigentümer die Kündigung erhalten haben. Der will offenbar Luxussanieren âÄ" und aus ei

Künstler Reiner Zimnik (rechts) und Peter Stilijanov, beide Bewohner des Hauses, wollen bis in die allerletzte Instanz gegen die Eigenbedarfskündigung vorgehen.

(Foto: Florian Peljak)
  • Die Eigentümer eines Hauses in der Maxvorstadt haben Eigenbedarf angemeldet und verklagen nun zwei langjährige Mieter, weil die sich weigern auszuziehen.
  • Die beiden 86 und 71 Jahre alten Männer, die dort mit ihren Ehefrauen leben, sagen, sie würden einen Umzug körperlich nicht mehr aushalten.
  • Der Anwalt der Mieter wirft den Eigentümern "völlig überzogene Nutzungsansprüchen" vor.
  • Die Eigentümer sagen, sie wollten das Mietshaus zu ihrem Familienwohnsitz umgestalten.

Reiner Zimnik formuliert es so, wie es wohl seine berühmte Figur, der liebenswerte Grantler Sebastian Gsangl, sagen würde: "Ich will meinen Löffel hier abgeben und mit den Füßen voran herausgetragen werden." Der 86-Jährige, bekannter Maler und Illustrator, sitzt in seinem Wohnzimmer im ersten Stock des Hauses an der Veterinärstraße 8, sein Zuhause seit 54 Jahren. Daneben der verbliebene Nachbar Peter Stilijanov, 71, Pianist, seit 22 Jahren im Haus. Vor ihnen liegt ein Stapel Dokumente, darunter ein Schriftstück des neuen Eigentümers mit dem Betreff: "Eigenbedarfskündigung". "Ich werde in zwei Jahren abkratzen", sagt Zimnik, wieder im Gsangl-Duktus, "und in dieser Zeit will ich hier wohnen bleiben".

Ein paar Tage später, die neuen Eigentümer haben im zweiten Stock zum Gespräch geladen: Ein junges Paar, sie wollen namentlich nicht genannt werden - sie sollen hier Verena, 32, und Hans Müller, 46, heißen. Die Frau hält einen Säugling auf dem Schoß. "Wir haben das Haus gekauft, um es zum Familienwohnsitz für uns und die beiden Kinder umzugestalten", sagt Hans Müller. "Alles Erdenkliche", so beteuert er, habe man getan, um die Kündigung so sozial wie möglich zu gestalten: "Wir bitten um Verständnis, dass wir in unser Eigentum ziehen wollen."

So klingt das, wenn Vermieter und Mieter in diesem Haus übereinander reden, miteinander sprechen sie schon seit Monaten nicht mehr. Das junge Paar hat Räumungsklage eingereicht. Ursprünglich wohnten hier drei Mietparteien, jetzt sind noch Zimnik und Stilijanov da, jeweils mit Ehefrauen. Dafür zog die Schwägerin des Eigentümers ein. Laut Deutschem Mieterbund ist "Eigenbedarf" der häufigste Kündigungsgrund; Mieter wehren sich oft erfolglos dagegen. Nach der Erfahrung von Experten sehen die Gerichte das vom Gesetz verlangte "berechtigte Interesse" meist erfüllt, wenn der Eigentümer nachvollziehbar begründen kann, das Objekt für sich, seine Familie oder seine Angehörigen zu nutzen. Das mag rechtens sein, doch wann ist es gerechtfertigt? Der Fall der Veterinärstraße 8 wirft diese Frage auf. Ist es nachvollziehbar, dass wegen des Wunsches der Müllers nach einem Eigenheim alte Menschen nach Jahrzehnten ausziehen müssen? Eine vierköpfige Familie, die derzeit auf 210 Quadratmetern zur Miete wohnt - und nun ein ganzes Mietshaus als "Eigenbedarf" anmeldet?

Reiner Zimnik zog nach dem Studium in das denkmalgeschützte Haus, das Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut wurde und den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden hat. Hier schuf er seine Erzählungen, aus denen Ende der Fünfzigerjahre Sendungen fürs BR-Fernsehen gemacht wurden. Der berühmteste Protagonist war der Gsangl, ein bärbeißiger Jedermann, der das Münchner Zeitgeschehen kommentierte. Jahrzehntelang ging das Leben in dem Künstlerhaus seinen Gang. Bis dann im November 2015 die Kündigung kam.

Reiner Zimnik führt durchs Atelier im Obergeschoss, überall stapeln sich Bilder, Skizzen, Farbtöpfe. Es ist allerdings bereits sein Ex-Atelier. Da die Räume als Gewerbe-Fläche firmieren, gelten hier keine Mieterschutzklauseln. Qua eines Teil-Urteils des Amtsgerichtes muss Zimnik hier raus. Doch seine Wohnung will er nicht räumen. Er will auch nicht in die Ersatzwohnung ziehen, die ihm Müller angeboten hat. "Ich schaffe das nicht", sagt Zimnik und berichtet von einem Schlaganfall, mehreren Herzoperationen: "Einen Umzug überlebe ich nicht." Stilijanov glaubt ebenfalls, einen Umzug gesundheitlich nicht zu überstehen. Dessen Anwältin Lisa Matuschek glaubt ohnehin, dass die Familie Müller das Anwesen gar nicht nutzen will. Offensichtlich solle hier ein Investment getätigt werden, "um ein altbedingtes Münchner Künstlerhaus umzubauen und Werte abzuschöpfen", formuliert sie in einem Brief ans Amtsgericht.

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