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Maxvorstadt/ Schwabing:Kopf reinstecken

Für "Kunst im Karrée" öffneten die Akteure von 52 Atelier-Refugien die Türen - oft in alten Stadthäusern. Es geht um Kultur und um Handwerk. Und überall wird man wie lang erwarteter Besuch empfangen

So ist das, wenn alle Türen sperrangelweit aufstehen, wie in einer gut durchbluteten WG. Vom Innenhof zwitschern die Vögel bis ins Treppenhaus, irgendwer hört seinen Anrufbeantworter brüll-laut in Dauerschleife ab. Der fremde Gast steht scheu im Flur, schließlich kennt ihn hier keine Seele und da will man auch nicht einfach reinrumpeln in anderer Leute Privatsphäre. Nun denn, beherzt eine der ächzenden Schwellen nehmen in hundert Jahre alten Stadthäusern, anklopfen, Kopf reinstecken. Was dann kommt, ist: "Kunst im Karrée." In welchen der 52 Atelier-Refugien mit seinen 90 Akteuren man am vergangenen Wochenende rund um Schleißheimer-, Herzog-, Theresien- und Leopoldstraße sich auch blicken lässt, immer wird man willkommen geheißen, wie ein lang erwarteter Besuch, durch Räume von Kunst und Handwerk geführt, in Gespräche über Kulturpolitik verwickelt, über kollektive Wort-Klang-Bilder oder einfach übers Wetter.

Galerie im Treppenhaus: Karin Traxler (rechts) und treppabwärts Regine Schafarschik, Hilla Rost sowie Bettina von Reiswitz präsentieren sich.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Geist dieser Veranstaltungsreihe, die Sylvia Katzwinkel und Michael Wladarsch von 84 GHz heuer zum vierzehnten Mal organisiert haben, kulminiert an der Theresienstraße 65. Erste Türe links unten sitzt Bettina von Reiswitz inmitten von Tierhäuten und dicken langen Nadeln vor einem in Würde gealterten Werktisch, beide Unterarme einbandagiert. Die Kunsthandwerkerin nennt ihre Arbeit selbst "altmodisch wie die einer Feinsattlerin". Aus pflanzlich gegerbtem Leder näht sie mit sehnenverschleißender Kraft bemerkenswert architektonische Taschen, die einiges aushalten. So wie die "Herkulessaal-Stehplatz-Sitztasche", auf der man sich getrost niederlassen kann und deshalb keine Platzkarte mehr lösen muss. Die nächsten Schaulustigen tröpfeln herein vom Treppenhaus, wo Mario Steigerwald mit dem Kunstkollektiv momentos auf bröckelndem Putz Bilder ums Eck projiziert, wechselnde Statements in Schwarz-Weiß, die Foto- und Videokünstler mit Autoren und Musikern zu 90-Sekunden-Statements der Weltgesellschaft komponiert haben. Auf den Weg über die ausgetretenen Stufen schweben Steigerwalds Mobiles wie die Silben eines Gedichts. Vorbei an Regina Schafarschiks elegantem Schmuck, wartet weiter oben Karin Traxler mit lithographischen Kunstwerken und reichlich Groll über die ihrer Ansicht nach verbesserungswürdige Bespielung der Maxburg, einem Architektur-Juwel von Sep Ruf an der Pacellistraße, das dem Freistaat Bayern gehört. Hier verkauft sie ihr kunstvoll bedrucktes Papier übers Jahr. Schließlich hinauf zum schummrigen Oberlicht, durch das die Hitze vor dem Gewitter drückt. Hilla Rost hat hier ihr gemaltes Road-Movie "Like a rolling stone . . ." aufgeblättert.

Wünsch dir was: Überm pochenden Plastik-Herzen hängen die Sehnsüchte der Besucher bei den offenen Ateliertagen von der Decke.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zurück auf der Straße fallen gleich die ersten dicken Tropfen auf die 16-seitige Kunstzeitung, die die Veranstalter den Besuchern in diesem Jahr statt des bisherigen Katalogs mit auf den zuweilen weiten Weg durch die beiden Viertel geben. Im Mittelfalz eine wohl strukturierte Karte mit den eingezeichneten Spots und Extra-Programm-Events. Ganz links unten, Nummer 20, Schleißheimer Straße 72, ist die Kunstgießerei München. Bei Gluthitze hat der Chef, Hasan Göktepe, dem brütenden Publikum vor einer Stunde den Guss einer Bronzefigur vorgeführt. In seinem von Steinstaub patinierten Atelier, poetisch schön wie ein alter Fellini-Streifen.

Wer bei Kunst im Karrée unterwegs ist, sollte gut zu Fuß sein. Die Distanzen sind mitunter beachtlich, nicht zu vergleichen mit der dagegen intimen Atmosphäre ähnlicher Atelier-Events im Westend. Die Intention der Reihen ist gleichwohl dieselbe: Werkstätten sollen fürs breite Publikum geöffnet, neueste Arbeiten präsentiert werden, man will ins Gespräch kommen mit allen Münchner Nachbarn. Egal ob einer malt, dichtet oder singt.

Regina Tremmel öffnet ihre Wohnung in einer prächtigen Jugendstil-Villa an der Tengstraße für das Karrée-Wochenende bereits zum elften Mal. "Ein ziemlicher Kraftakt, wenn meine Familie und ich dafür Sofa, Esstisch und Garderobe aus unserm großen Flur räumen." Und doch "lustig und lohnend". Sie selbst dokumentiert diesmal die bizarre "Hellblau-Pink-Falle", in die der Werbemarkt Mädchen und Jungs zu treiben versucht. Kollegin Sibylle Kobus präsentiert hier eine Zusammenschau ihrer hinreißenden, großformatigen Seidenstrumpf-Ornamentik und Birgit Blaschke schickt die Besucher in einen Raum, von der Wünsch-dir-was-Karten, die an überlange Adern eines Plastik-Herzens gebunden sind, von der Decke baumeln. Jeder kann hier seine eigenen Wünsche dazustecken. In einer Stadt, die nicht nur für Künstler immer weniger Räume bietet, fällt das Sehnen zuweilen prosaisch aus: "Dachterrassenwohnung in München-Neuhausen", steht auf einer der weißen Kärtchen.

© SZ vom 10.07.2017
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