Maxvorstadt "Nicht erschlossene Schatzkammer"

Ein starkes Team: Adele Kohout, Guido Redlich und Alexandra von Arnim (von links) freuen sich auf die gemeinsame Arbeit für das Kunstareal.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Aufgabe der "Koordinierungsstelle Kunstareal" ist es, die vielen Angebote zusammenzufassen. Ein Gespräch über Genese und Zukunft eines ambitionierten Projektes

interview Von Stefan Mühleisen, Maxvorstadt

Vor einigen Jahren entstand die Idee, die vielen Museen, Sammlungen, Hochschulen, kulturellen Einrichtungen und Galerien im Museumsquartier unter dem Label "Kunstareal" zusammenzufassen. Die Realisierung geht jedoch zäh voran. Immerhin hat nach mehr als einem Jahr Vakanz jetzt die "Koordinierungsstelle Kunstareal" wieder ihre Arbeit aufgenommen. Sie besteht aus zwei Mitarbeitern in Teilzeit, Adele Kohout, 33, und Alexandra von Arnim, 50, die Stadt und Freistaat je zur Hälfte finanzieren. Die SZ traf die beiden Frauen sowie Guido Redlich, 51. Der Marketing-Experte ist als Vorsitzender des Förderkreises Kunstareal und Stiftungsrat der Pinakothek der Moderne eine Art Botschafter der Kunstareal-Idee. Ein Gespräch über Genese und Zukunft eines ambitionierten Projektes.

SZ: Seit Jahren wird über das Kunstareal als Verbund-Marke gesprochen, passiert ist bisher wenig. Was kann, was will die Koordinierungsstelle leisten?

Alexandra von Arnim: Die Koordinierungsstelle ist ein wunderbares Resultat des Schulterschlusses von Stadt und Staat. Es ist der Start für die konkrete Umsetzung.

Adele Kohout: Zum einen begleiten wir Prozesse, die schon initiiert sind; zum zweiten sind wir dafür da, zwischen den Institutionen zu moderieren. Vieles läuft jetzt bei uns zusammen, was vorher die einzelnen Akteure gestaltet haben. Und zuletzt wollen wir das Kunstareal aktivieren, indem wir Begegnungsräume durch Aktionen im öffentlichen Raum erschaffen.

Guido Redlich: Diese Geschäftsstelle ist die Verstetigung des Prozesses, der 2009 angefangen hat. Es ging ja erst einmal darum, ob es das Kunstareal überhaupt gibt. Alle sind sich nun einig: Die einzelnen Häuser sind lauter Perlen, die für sich selbst strahlen. Das Kunstareal ist die Fassung, die daraus ein Collier macht.

An Metaphern mangelt es nicht. Stadtbaurätin Elisabeth Merk sprach von einer "nicht erschlossenen Schatzkammer"; der ehemalige Chef der Neuen Sammlung, Florian Hufnagel, nannte das Kunstareal ein "Goldnugget, das noch poliert werden muss". In der Öffentlichkeit herrscht die Wahrnehmung, dass da gar nichts vorwärts geht.

Redlich: Man kann es mit einer Schwangerschaft vergleichen, die passiert auch im Verborgenen. Leider dauern im institutionellen Bereich Schwangerschaften länger als neun Monate. Doch hinter den Kulissen ist viel passiert.

Liegt die Schwierigkeit darin, die vielen Akteure unter einen Hut zu bringen?

Redlich: In der Tat. Wenn man alle, die sich mit dem Thema Kunstareal beschäftigen, versammeln würde, dann wäre der Königsplatz voll. Man kann es mit der Europäischen Union vergleichen: Sie haben lauter eigenständige Staaten - und es gab eine schier unendliche Zahl an Sitzungen.

Welche Widerstände gab es?

Redlich: Manche sagten: Ein kollektives Kunstareal brauchen wir nicht, was soll daran sinnvoll sein? Es herrschte die Sorge, dass es eine große Gleichmacherei wird. Wer ein großartiges Haus führt, möchte nicht plötzlich zu einer Abteilung degradiert werden. Doch heute sind alle Akteure überzeugt, dass es eine große Chance ist, auch für die Stadt München. Doch die Einsprüche waren richtig. Es ist legitim, dieses Projekt an Bedingungen zu knüpfen.

Wer hatte diese Vorbehalte?

Redlich: Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.

Was sind die Bedingungen?

Redlich: Die Hoheit der einzelnen Häuser muss völlig unangetastet bleiben, sowohl in der inhaltlichen Ausgestaltung als auch im Auftritt. Der Konsens ist: Wir bekennen uns zur Vielfalt und zur Heterogenität.

Von Arnim: Es geht um die Einheit in der Vielfalt. Das ist durch die Kombination Kunst, Kultur und Wissenschaft hier in der Maxvorstadt weltweit einzigartig.

Kohout: Darin steckt das Potenzial, das wir in der Koordinierungsstelle nach außen tragen und erlebbar machen wollen. Für die Öffentlichkeit ist das noch nicht spürbar. Aber das wollen wir ändern.

Wie werden denn die Entscheidungsprozesse organisiert? Es wird wohl ein beschlussfähiges Gremium geben müssen.

Redlich: Ja, wir bereiten das vor. Für die Konzeption gibt es verschiedene Ideen. Diese werden nach der Sommerpause mit Stadt und Staat abgestimmt. Bis Ende des Jahres soll es eine Vollversammlung geben, und zwar nicht nur besetzt durch die Museen, sondern auch mit den Galerien, den kulturellen Institutionen, den Akademien, den Hochschulen sowie Vertretern von Stadt und Staat. Dazu wird es noch eine kleinerer Runde der Hauptentscheider sowie einige Arbeitsgruppen geben.

Was hat die Koordinierungsstelle dabei für eine Aufgabe?

Redlich: Das Kunstareal soll ein Erlebnis- und Aufenthaltsraum sein, in dem viele Akteure viele Dinge tun und sich gegenseitig befruchten. Die Koordinierungsstelle ist dabei Inspirator und Inkubator, keinesfalls der Dirigent.

Kohout: Bisher gibt es fünf Schwerpunkte als Arbeitsgrundlage. Der erste Punkt ist die Orientierung, das beinhaltet unter anderem das Begleitsystem und die Neugestaltung des Internetauftritts. Beim Schwerpunkt Programmatik geht es um interdisziplinäre Projekte, dazu zählt auch das gemeinschaftliche Kunstareal-Ticket. Dritter Punkt ist die Kommunikation, also Öffentlichkeitsarbeit mittels Programmheften und Broschüren. Viertens gilt es, sich um die Aufenthaltsqualität zu kümmern, also Aktionsflächen zu schaffen, Gastronomie zu etablieren. Der letzte Punkt ist das Thema Organisation..

Klingt nach einem ambitionierten Programm . . .

Von Arnim: Wir haben das Bürgergutachten sehr genau gelesen. Wir haben nun die Aufgabe, dies auf Machbarkeit hin zu überprüfen. Die Nachhaltigkeit ist eindeutig dokumentiert. Das Kunstareal ist schon jetzt ein Bestandteil der Stadt.

Redlich: Wir haben ehrgeizige Ziele, und es ist schon einiges auf dem Weg. Es gibt Stadtratsbeschlüsse zur Aufhebung der Einbahnstraßenregelung und zu den Fahrradwegen. Zudem soll das Planungsreferat einen möglichen Boulevard Arcis-straße untersuchen und ein Konzept zur Gestaltung aller Freiflächen ausarbeiten. Im Frühjahr 2016 werden die 21 Schilder des Hinweis-Begleitsystems aufgestellt sein. Parallel wird es eine neu gestaltete Internetseite geben; zudem werden MVV und MVG das Kunstareal in ihre Pläne aufnehmen. Sämtliche Haltestellen, die sich im Kunstareal befinden, bekommen den Zusatz "Kunstareal". Damit wird ein Traum wahr.

Gibt es schon ein Konzept für die Finanzierung?

Redlich: Wir erwarten ein deutliches Signal von der Politik, sowohl von städtischer als auch staatlicher Seite. Es kann nicht sein, dass das Kunstareal alleine auf dem Rücken von Ehrenamtlichen und Stiftungen finanziert wird. Es geht dabei vor allem um die Gestaltung der Freiflächen, die Infrastruktur und um eine angemessene Personalausstattung. Das alles sollte in den städtischen und staatlichen Haushalten verankert werden. Es muss jetzt zum Schulterschluss kommen.

Der wäre auch für das schon so lange diskutierte gemeinsamen Ticket für die Museen nötig. Wird es kommen?

Redlich: Eigentlich wollen es alle. Bisher ist es an der Verrechnung gescheitert. Man kann Einkünfte von staatlichen und städtischen Museums-Kassen nicht einfach in einen Topf werfen. Manche Einkünfte fließen direkt an die Häuser, andere werden zentral verwaltet. Das muss auf politischer Ebene gelöst werden.

Die Koordinierungsstelle ist auf zwei Jahre befristet. Was passiert danach?

Redlich: Danach wollen wir soweit sein, dass das Kunstareal so fest in den Köpfen von Bürgern, Politik, Kultur, Wissenschaft und Kunst verankert ist, dass das keiner mehr in Frage stellt. Denn die Zielvorgabe ist ja nicht nur die Verankerung in München. Es soll ja darum gehen, das Kunstareal international aufzustellen. und zum Strahlen zu bringen. Dafür wollen wir die Basis schaffen.