Maxvorstadt/Neuhausen Der Konzern, dein netter Nachbar

Vier Unternehmen im Arnulfpark richten mit den Anwohnern ein Fest aus - ein Novum in München

Von Stefan Mühleisen, Maxvorstadt/Neuhausen

Sabine Ullrich liegt ganz richtig, wenn sie sagt: "Das hat es in dieser Form noch nicht gegeben." Die Leiterin des Nachbarschaftstreffs im Arnulfpark kann ihre Begeisterung kaum zügeln, denn sie sieht eine neue Form des Zusammenlebens zwischen Wohnbevölkerung und Großfirmen in dem Quartier zwischen Hacker- und Donnersbergerbrücke anrollen. Eine "neue Form der Nachbarschaft" nennt sie das, was mit dem Sommerfest in der Parkanlage an diesem Freitag, 14. Juli, seinen Anfang nehmen soll.

Die Veranstaltung dürfte ein Novum sein in München: Die Niederlassungen von vier international agierenden Unternehmen richten mit der örtlichen Bürgerschaft eine Park-Party aus, mit Grillwürstchen, Bier und Zirkuszelt für die Kinder. Bemerkenswert ist dabei: Die Münchner Dependancen der Unternehmensberatung PwC, des Corporate-Coworking-Anbieters Design Offices, der Softwarefirma Salesforce und des Internet-Riesen Google stellen nicht einfach nur Sponsoring-Schecks aus - Dutzende Mitarbeiter helfen bei der Organisation, backen Kuchen, geben den Grillmeister, mixen Drinks. Es ist eine Art Joint Venture für eine Fete im Viertel. "Das hat eine neue Qualität", sagt Gerti Oswald von der Industrie- und Handelskammer (IHK) München und Oberbayern. So eine Kollektiv-Form des gesellschaftlichen Engagements von Firmen sei in München bisher nicht bekannt.

Verbindungen knüpfen: Die Bürowelt links und die Wohnbevölkerung rechts sollen sich annähern.

(Foto: Robert Haas)

Die Großfirma, dein netter Nachbar - vielen Münchnern dürfte das befremdlich vorkommen, etwa wenn sie in der Parkstadt Schwabing wohnen. Dort ist eine Konzern-Kleinstadt mit Wohnhäusern entstanden. Doch die Büromenschen leben vor allem Rücken an Rücken mit den Anwohnern. Einen Satz wie diesen von Eckhard Späth haben sie noch nicht gehört: "Wir wollen kein anonymes Bürogebäude sein, sondern aktiver Teil der Nachbarschaft."

Späth ist Leiter der PwC-Niederlassung im Arnulfpark, eines kompakten Gewerbe- und Wohnensembles westlich des Hauptbahnhofs, das auf einer ehemaligen Bahn-Brache errichtet wurde. Inzwischen ist das Quartier einer der Top-Gewerbestandorte in München mit gut 70 Firmen und 5000 Mitarbeitern. Neben der Dominanz der Geschäftswelt hat sich unter den 2000 Anwohnern indes eine lebendige Quartiers-Identität entwickelt. "Arnulfparkler" nennen sie sich - und die Unternehmen wollen sich nun auch dazuzählen. Die Mitarbeiter und die Firmen, so sagt PwC-Standortchef Späth, sie seien ein Teil des Quartiers. "Wir fühlen uns hier pudelwohl und wollen ein gutes Zusammenleben mit den Bewohnern."

Im Prinzip ist diese Haltung nicht ungewöhnlich. "Corporate Citizenship", das bürgerschaftliche Engagement von Unternehmen, erlangt immer mehr Bedeutung in der Wirtschaftwelt. Auch in München sehen sich Firmen zunehmend in der Verantwortung, ihr soziales Umfeld mitzugestalten, wie eine Erhebung der IHK mit dem städtischen Sozialreferat aus dem Jahr 2013 zeigte: Demnach sind 65 Prozent der befragten Firmen bürgerschaftlich aktiv, oft kooperieren sie mit sozialen Einrichtungen. Es gibt Paten-Projekte mit Flüchtlingen, Mentoring-Programme und Trainings-Workshops für Schüler. Ganz uneigennützig ist das nicht: Eine Firma als gemeinnützig tätiger Akteur steigert ihr Ansehen und überdies ihre Attraktivität im Gezerre um Fachkräfte. "Es passiert sehr viel in diesem Segment", sagt Gerti Oswald von der IHK, fügt aber hinzu: "Dass sich Firmen dafür zusammentun, ist neu."

Christine Gruber von PwC backt Kuchen fürs Fest in der Parkanlage.

(Foto: BeART)

Der Internetkonzern Google, seit zwei Jahren mit 500 Mitarbeitern im Kontorhaus an der Bahnlinie, knüpft als Solitär schon länger nachbarschaftliche Bande im Arnulfpark. Mitarbeiter haben mit Anwohnern bereits Hochbeete gebaut oder einen Programmier-Workshop mit Schülern der Helmholtz-Schule absolviert. "Uns liegt daran, als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden", sagt Google-Standortleiter Wieland Holfelder. "Wir wollen das Quartier mit Leben füllen, es sympathisch und menschlich machen."

Im Wirtschaftsreferat wird die Charme-Offensive mit Wohlwollen registriert. "Gute Nachbarschaft zwischen Wirtschaftsbetrieben und Anwohnern ist gerade in einer Stadt wie München wichtig", sagt der Wirtschaftsreferent und Zweite Bürgermeister Josef Schmid (CSU). Die Konkurrenz um Flächen berge das Risiko von Konflikten - und soziale Kooperationen würden beim gegenseitigen Verständnis helfen.

Sabine Ullrich vom Nachbarschaftstreff glaubt, dass mit dem Sommerfest durchaus mehr entsteht. "Es fühlt sich an wie der Beginn einer Freundschaft", sagt sie.

Das Fest in der Parkanlage läuft am Freitag, 14. Juli, von 15 bis 21 Uhr. Es gibt ein Spielangebot für Kinder, etwa den Mitmachzirkus "Pumpernudl". Eine Schülergruppe wird eine Tanzperformance aufführen, die Latin-Band Son Compadre aufspielen.