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Maxvorstadt:Ins pralle Leben auf drei Rädern

St. Markus lässt bald eine Ape herumtuckern. Es ist nicht das einzige Sozialprojekt mit dem Kultmobil

Von Stefan Mühleisen, Maxvorstadt

Das zeitgemäße Auto, auf das die Hersteller etwas geben, hat wuchtig, aggressiv, breitbeinig daherzukommen. Geradezu raubtierhaft mutet das Design der meisten modernen Pkw-Modelle an - oder sie haben die nichtssagende Aura eines Stücks Seife. Der Phänotyp der einschüchternden Karossen beherrscht indes auch in München das Stadtbild. Welches Fahrzeug also wählen, wenn die Leute sich nicht schon bei der Ankunft subtil bedrängt fühlen sollen? Vor allem, wenn man vorbeikommt, um die Menschen zusammenzubringen, gute Laune verbreiten will, das Fahrzeug obendrein "Botschafter im Sozialraum" sein soll, wie der Pfarrer von St. Markus, Olaf Stegmann, den Anspruch an das neue Fahrzeug nennt. Die Wahl fiel auf das nette Bienchen unter den Blechgefährten. Und einen Namen hat es auch schon: Leo.

Die evangelische Kirchengemeinde an der Gabelsbergerstraße gibt jetzt buchstäblich Gas, um sich selbst und die Verbände, Vereine und Institutionen in der Maxvorstadt näher an die Maxvorstädter heranzubringen - und umgekehrt. Dafür schafft die Pfarrei ein Fahrzeug an, das die Antithese zur brachialen Kfz-Optik ist: eine Ape (italienisch: Biene). Jenes knuffige Rollermobil auf drei Rädern, italienischer Kult-Kleintransporter, vor rund 70 Jahren von Enrico Piaggio konstruiert, um damit wieselflink durch enge Gassen oder über holprige Feldwege zu knattern. "Wir wollten ein Mobil, das Sympathie ausstrahlt, nach dem man sich auf der Straße umdreht und das ein Schmunzeln beim Betrachter hinterlässt. Italienisches Flair auf Münchens Straßen, Lebensfreude und Leichtigkeit", sagt Pfarrer Stegmann.

Der Einfall kam dem Kirchenvorstand schon vor Längerem, als es noch möglich war, in lockerer Runde ein wenig la Dolce Vita zu praktizieren. "Lasst uns eine Ape kaufen, und wir fahren zu den Leuten", formuliert Stegmann die Grundüberlegung, mehr noch: Es soll keine Nullachtfünfzehn-Ape sein, sondern eine mit Kaffeemaschine, Spüle und Kühlschrank hinten drauf. Eine "Gastro-Ape" von der gleichnamigen Berliner Firma, die sich auf die Umwandlung der robusten Dreiräder in Miniatur-Food-Trucks spezialisiert hat. Für St. Markus ist es ein ansprechendes Vehikel im Zuge des ökumenischen Bundesprojekts "Kirche findet Stadt", das den Zusammenhalt im urbanen Raum fördert.

Es zeigt sich: St. Markus fährt damit ganz vorne mit beim modernen Sozialprojekt-Management. Nicht nur Firmen haben erkannt, dass man mit dem populären Bienchen einen sympathischen Auftritt hinlegen kann - auch Kirchen, Verbände, Kommunen in ganz Deutschland sausen mit einer Ape herum. Gastro-Ape-Geschäftsführer Pawel Laba berichtet von Ape-Aufträgen, die er für Pfarreien in Berlin, Hamburg, Wiesbaden und Nürnberg sowie für die Stadt Nieder-Olm (Rheinland-Pfalz) erledigt hat; auch die Organisation "Brot für die Welt" düst mit einer Ape als Promotions-Mobil durch die Lande. Sie alle haben den kleinen Kastenwagen quasi zum blechernen Repräsentanten umbauen lassen. Die Kosten: 16 000 bis 23 000 Euro, je nach Ausstattung.

Caterer, Messegesellschaften, auch Flughäfen, schätzen die unaufdringliche Ausstrahlung des Zweitakters. "Es ist ein richtiger Boom", berichtet Laba. Gut 30 Ape-Umbauten schafft die Firma im Jahr. "Die Ape hat Flair. Und alle grinsen und winken, wenn man damit durch die Stadt fährt." In München sind die schnuckeligen Gefährte auch im Einsatz: Gastro-Betriebe nutzen sie als Werbeträger, die Initiative "Bunte Münchner Kindl" bringt mit einer Ape Schulmaterialien zu sozial Benachteiligten; das Modell des Vereins Lichterkette heißt Lighthouse mobil und fungiert als Begegnungsstätte, um Münchnerinnen und Münchner mit Geflüchteten in Kontakt zu bringen.

Von der Ape der Markus-Kirche zeigten sich im Bezirksausschuss, der derzeit oft in St. Markus tagt, jedoch manche nicht erfreut, wenngleich das Gremium letztlich doch einstimmig 10 700 Euro locker machte. Georg Jakob (Grüne) äußerte "ganz, ganz große Sorge", dass öffentliche Gelder für kirchliche Projekte ausgegeben werden. "Da muss ich dann bald vor der BA-Sitzung noch beten." Es folgten energische Gegenreden von CSU und SPD; gerade die Kirchen, hieß es, täten sich mit ehrenamtlicher Arbeit hervor, betrieben soziale Einrichtungen, leisteten Integrationsarbeit. "Es ist eine Belebung der Maxvorstadt", sagte Gesche Hoffmann-Weiß (SPD).

Olaf Stegmann.

(Foto: privat)

Genau das soll das Leo-Mobil leisten, wie Pfarrer Stegmann unterstreicht. Keinesfalls, so stellt er klar, solle die Ape ein "Missions-Mobil" sein, kein motorisiertes Mittel, um Bibeltexte unters Volk zu bringen. "Es ist ein Mobil, das alle einlädt, ins Gespräch zu kommen." Alle Akteure in der Maxvorstadt - ob Kirchen, Theater, Museen, Universitäten, soziale Einrichtungen, Bürgerinitiativen - seien eingeladen, sich die Gastro-Ape gegen geringe Gebühr auszuleihen. Leo (lateinisch für Löwe, dem Symbol des Evangelisten Markus) soll ein neutraler "Botschafter" sein, um den Austausch unter Organisationen wie Nachbarn zu fördern. So werde die Ape kein Kirchen-Logo von St. Markus verpasst bekommen, verspricht Stegmann. Nur der Name Leo ist eine Referenz an den Träger.

Das Pfarrerteam von St. Markus will mit dem populären Zweitakter bei allen möglichen Begegnungsorten vorbeischauen, an Spielplätzen halten, in Hinterhöfen parken oder auch zu Brennpunkten fahren, an denen es knirscht, etwa im Umfeld des Königsplatzes, wo sich Obdachlose aufhalten. "Wir wollen mit den Leuten darüber reden, was ihnen auf der Seele brennt und ihre Gedanken und Ideen fürs Viertel diskutieren", sagt Stegmann. Oder einfach nur heiter plaudern. "Wir werden eine kleine Barista-Ausbildung absolvieren, damit wir auch einen gescheiten Kaffee anbieten können", ergänzt der Pfarrer.

An den Start rollt Leo jedoch erst am Pfingstmontag 2021. Über eine Rampe, so die Überlegung, soll der neue, kleine "Botschafter im Sozialraum" beim Familiengottesdienst in die Kirche hineintuckern. Dann geht's wieder raus, "symbolisch ins Leben", wie Pfarrer Olaf Stegmann sagt. Die Anwesenden, so ist anzunehmen, werden sich das Schmunzeln und Winken nicht verkneifen können.

© SZ vom 12.12.2020
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