bedeckt München 32°

Maxvorstadt:Aufwendiges Experiment

Ehemaliges Gesundheitshaus an der Dachauer Straße in München, 2019

Bald bezogen: das Gesundheitshaus (li.) neben dem Gebäude des Katholischen Männerfürsorgevereins (re.).

(Foto: Florian Peljak)

Eine Zwischennutzung des früheren Gesundheitshauses an der Dachauer Straße rückt näher: Der Erbpachtvertrag zwischen Stadt und Kulturorganisation soll in Kürze geschlossen werden

Von Stefan Mühleisen, Maxvorstadt

Knapp ein halbes Jahr nach dem Zuschlag sollen nun bald die Umbauarbeiten für das derzeit größte Zwischennutzungsprojekt Münchens anlaufen: eine Kunstbegegnungsstätte im leerstehenden Gesundheitshaus an der Dachauer Straße, einem Backsteinkomplex mit gut 9000 Quadratmetern Nutzfläche. Der Erbpachtvertrag steht kurz vor dem Abschluss, wie das Kommunalreferat und das Betreiberteam von MUCA (Museum of Urban and Contemporary Art) bestätigen. Stephanie Utz, Mitgründerin der Kulturorganisation, zeigt sich zuversichtlich, im Frühjahr mit dem Innenausbau beginnen zu können. Die Eröffnung wird für den Sommer 2020 angepeilt.

Im Juli 2019 hatte der Stadtrat nach einem Ausschreibungsverfahren entschieden, MUCA das abbruchreife Bürogebäude für fünf Jahre zu überlassen. Das fünfköpfige Kernteam hat Erfahrung mit raumgreifender Zwischennutzung. "50 Künstler auf 5000 Quadratmetern" lautete der Slogan für das als "Kunstlabor" betitelte Programm in der ehemaligen Tengelmann-Zentrale an der Landsberger Straße in Laim. Dort musste MUCA nach vier Monaten ausziehen - und will nun an der Dachauer Straße unter dem Arbeitstitel "Kunstlabor 2" ein erweitertes Nachfolgeprojekt realisieren. Das einstige Gesundheitshaus bietet auf fünf Etagen deutlich mehr Platz für ein ambitioniertes Vorhaben: Es soll großzügige Ausstellungsräume geben, Ateliers für Künstler auf zwei Stockwerken, dazu eine Gastronomie. Doch all dies erfordert einen gehörigen Aufwand, der die lange Anlaufzeit erklärt. Stephanie Utz formuliert es so: "Es war ein Behördengebäude und hat deshalb viele kleine Zimmer. Wir brauchen im Kunstkontext aber großflächige Räume."

Soll heißen: Die Innenstruktur muss teilweise neu gestaltet, Wände eingerissen werden. Dazu gilt es, den Künstlern akzeptable Arbeitsbedingungen zu ermöglichen, also beispielsweise einen Wasseranschluss - wofür mitunter Leitungen zu verlegen sind. Ferner sind die Betreiber gehalten, Auflagen für den geplanten Gastronomiebetrieb im Erdgeschoss zu erfüllen, für die Lüftungsanlage oder die Notausgänge zum Beispiel. All dies sei in den vergangenen Monaten mit Bauexperten und dem Kommunalreferat abgeklärt worden, um den Bauablaufplan und die Modalitäten des Erbpachtvertrags festzuzurren. Wie viel Geld das alles kostet, dazu will MUCA keine Angaben machen.

Bürger und Politiker im Stadtviertel haben das groß angelegte Kunstprojekt mit Wohlwollen aufgenommen, obgleich zuletzt einige Misstöne zu vernehmen waren. Jahrelang hatten Wohnungslose, die im Haus des Katholischen Männerfürsorgevereins (KMFV) auf dem Nachbargrundstück leben, den Müll rund um das Gesundheitshaus weggeräumt. Eine sozialtherapeutische und integrative Maßnahme: Die mittellosen, oft suchtkranken Bewohner hatten damit eine sinnvolle Beschäftigung, die sie gerne machten. Auch deshalb, weil sie in Kontakt mit den Nachbarn im Viertel kamen, die ihrerseits die Wohnungslosen kennen und schätzen lernten. Doch das städtische Kommunalreferat kündigte die Vereinbarung auf. Die Begründung: Das Gelände müsse für den Erbpachtvertrag mit MUCA "frei von Lasten und Verträgen" sein.

Nach einem SZ-Artikel empörten sich Facebook-Nutzer über die Entscheidung. "Die Entscheider haben null Empathie gezeigt", notierte eine Frau - wobei manche, auch in Anrufen bei Utz, MUCA ebenfalls scharf kritisieren. "Das war sehr emotional", berichtet Utz, weist aber die Vorwürfe zurück. Sehr früh seien sie und ihr Team von der Vereinbarung informiert gewesen. "Es ist uns ein Anliegen, dieses nachbarschaftliche Arrangement, von dem alle profitieren, fortzuführen". Utz kündigt an, bald mit der Einrichtungsleitung zu sprechen. Und sie wirbt um Verständnis, auch für das Agieren des Kommunalreferats. "Die Stadt hat nichts falsch gemacht." Das Gelände sei in einem Übertragungszustand, der Erbpachtvertrag komplex, bürokratische Regeln müssten eingehalten werden. "Die Stadt hat uns gesagt, dass es lange mit dem Männerfürsorgeverein ein gutes Miteinander gab. Ich gehe davon aus, dass es das auch mit uns geben wird."

© SZ vom 09.01.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB