Süddeutsche Zeitung

Maximilian Schell im "Weissen Rössl":Ein Theaterleben in herrlicher Größe

Der neue Intendant des Gärtnerplatztheaters eröffnet seine erste Spielzeit in München mit dem "Weissen Rössl". Und Weltstar Maximilian Schell spielt den Kaiser darin.

Der Kaiser sagt "Grüß Gott". Maximilian Schell, der Oscar-Preisträger, der Hollywood-Star, der Großschauspieler, Dokumentarfilmer und Regisseur spielt den Kaiser im "Weissen Rössl", der ersten Premiere des Gärtnerplatztheaters am 11. Oktober unter seinem neuen Intendanten Josef E. Köpplinger. Sie geht nicht am Gärtnerplatz über die Bühne, da wird ja drei Jahre gebaut und renoviert, sondern im Zelt des Deutschen Theaters in Fröttmaning.

Und da dies alles zusammen so ungewöhnlich ist, gab es vor ein paar Tagen dort eine kleine Szene aus der Produktion zu sehen, jene Szene nämlich, in welcher der Kaiser am Wolfgangsee ankommt. Die Szene selbst jedoch war nicht allein die Sensation, sondern das nachfolgende Pressegespräch.

Bei diesem nun fragte ein Journalist Maximilian Schell, ob es ihm nicht seltsam vorkomme, hier zu spielen. Die Frage zielte weniger auf Fröttmaning, sondern darauf, warum um alles in der Welt ein Maximilian Schell in einer Operette mitmachen wolle. Schell meinte, den Frager im Visier, dass er an dessen Gesicht schon sehe, was für ein skeptischer Mensch er sei. Großes Gelächter - und die Frage blieb unbeantwortet.

In der Folge erwiesen sich dann Köpplinger und Schell als eine Art Philemon-und-Baucis-Variante, so entzückend im Umgang miteinander, dass sich jede Frage nach dem Warum von selbst erledigte. Naja, nicht ganz. Köpplinger erzählte, er habe Schell nach dessen anfänglichen Zögern gedroht, er werde jeden Abend mit dem Zither-Trio aus dem Stück anrücken und unter Schells Balkon spielen, solange, bis dieser ja sage.

Das war gar nicht nötig. Und Schell berichtet voller Freude, wie er zur ersten Probe auf die Probenbühne an der Harthauser Straße kam. "Sie wissen gar nicht, wie schön es ist, Menschen kennenzulernen. Ich habe mich 40 Jahre jünger gefühlt." Schell liebt das Theater, liebt die Proben, da gibt es keinen Zweifel, und er liebt Josef E. Köpplinger, wie man halt als Schauspieler und Regisseur einen anderen Fastschauspieler und Regisseur liebt. Oft sei er nach Klagenfurt gefahren, als Köpplinger dort Intendant war. "Er ist ein unglaublich lieber Mensch." Schell über Köpplinger. "Mein Beruf ist nur möglich, wenn man liebt."

Die eingangs erwähnte Frage beantwortet dann übrigens Köpplinger. Mit einem Wort, das jetzt vielleicht nicht ganz richtig wiedergegeben ist: Pawalatschen-Theater. Er meint, man könne auch im Pawalatschen-Theater Theater spielen, das hieße noch lange nicht, dass dabei auch Pawalatschen-Theater herauskäme. Und wo bitte sei denn die "Zauberflöte" herausgekommen?

Pawlatschen, das sind Laubengänge zum Innenhof. Diese sind vor allem im sozialen Wohnungsbau in Österreich zu finden. Pawlatschen-Theater ist demnach Theater für die kleinen Leute, fürs Volk. Und das will Köpplinger ja, sonst würde er auch das "Weisse Rössl" erst gar nicht 30 Mal ansetzten im Fröttmaninger Zelt mit seinen 1600 Plätzen. Schell übrigens wird in zwei Dritteln der Aufführungen den Kaiser spielen.

Ein paar Tage später freut sich Maximilian Schell wie ein kleines Kind. Überhaupt verfügt der wunderbare alte Herr - Schell ist Jahrgang 1930 - über einen Charme und einen Schalk, dass man viel Freude mit ihm hat. Nun also freut er sich, weil er bei einer Probe das Orchester dirigieren durfte. Es folgte ihm offenbar sehr brav, was einen Satz, den er gern hat und den er sich von einem Kollegen entliehen hat, umso plausibler macht: Den Kaiser spiele nicht der Kaiser, sondern den spielten die anderen.

Blöderweise müssen sie proben

Das heißt, dass man erst in der Reaktion der Umgebung die Bedeutung des Individuums erkenne. Und das kann doch auch dann gelten, wenn die Umgebung Musik macht. Lauter großartige Geschichten. Schell erzählt davon, wie er den Hamlet in Gründgens' Abschiedsinszenierung am Hamburger Schauspielhaus spielte. Wie er mit Robert Altmann am Old Vic in London arbeitete. Wie er in Amerika "Das Urteil von Nürnberg " drehte - dafür erhielt er Oscar und Golden Globe -, mit Marlon Brando zusammen einen Film machte und in den Pausen immer in New York ins Musical ging, in "My Fair Lady" und in die "West Side Story".

Es ist ein Theaterleben, das er hier ausbreitet, in herrlicher Größe. Doch eines, das nicht allein der Vergangenheit angehört. Dafür ist seine Freude, jetzt wieder spielen zu können, zu groß.

"Das Schöne ist das Recherchieren, das Suchen. Es ist wie in der ehemaligen DDR: Es bleibt immer ein Rest von früher." Schell kennt die Orte, an denen sich der Kaiser, den er spielt, aufhielt. Und gerne hätte er noch mehr Material von diesem gesehen. Viele Filmaufnahmen gibt es nicht. Es geht ja dabei gar nicht darum, wie der Kaiser auszusehen. "Man muss einen Bezug zu ihm herstellen." Der Bezug kann eine bestimmte Art zu grüßen sein, die Hand nachlässig an der Hutkrempe. "Findest du die Ursache für dieses müde Grüßen, findest du auch den Gang, die Stimme." Für seinen Kaiser.

Dann fällt ihm Arthur Kutscher ein. Für diesen bestand das Phänomen Theater aus Dreierlei: Stück, Schauspieler, Publikum. Er erhob es zum Gesetz, dass der Regisseur auf der Bühne nichts verloren habe. Worauf Köpplinger mit einer anderen Weisheit kontert: "Das Theater ist als demokratisches Sprachrohr ein höchst hierarchischer Betrieb."

So könnte es ewig weitergehen. Blöderweise müssen die beiden proben, dem herrlichen Hin und Her zwischen Anekdoten. Lebens- und Theaterweisheiten wird so ein professionelles Ende gesetzt. Mitunter beantworten sie sogar eine Frage, nur hat man hinterher vergessen, welche. Eines noch: Zum Abschied aus Klagenfurt spielte Köpplinger den Solopart in einem Haydn-Klavierkonzert, Schell saß in der Loge. Schell hatte einst mit Leonard Bernstein zusammen vierhändig Klavier gespielt.

Bei welcher Gelegenheit? Bevor man dies noch einmal fragen kann, kommt Schells reizende Gattin Iva Mihanovic - sie spielt im "Rössl" die Ottilie - und holt ihren Mann zur Arbeit.

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Quelle:
SZ vom 11.10.2012/sonn
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