"Guten Morgen, München!" Radiomoderatoren kennen kein Erbarmen. Ihre gute Laune bohrt sich gnadenlos in die Gehirnwindungen. Vor allem bei einem Gemütsmenschen wie Wilhelm Gossec. Der handelt mit Antiquitäten und Trödel, wohnt und werkelt im Schlachthofviertel und kontert die Radioattacke erst mit einem kräftigen Hieb gegen den Wecker, und dann indem er den Schneeflocken vor seinem Schaufenster stundenlang beim Rieseln zusieht.
Max Bronski lässt Gossec seit 2006 wie einen herrenlosen Hund durch München streunen, dabei sehr zufällig in diverse Verbrechen hineinlaufen und diese dann beherzt aufdröseln. Heißt: Mit Schlagkraft und Einfühlungsvermögen. Gossec ist eine Art Philip Marlowe von der Isar, unbestechlich und hart, auch im Nehmen, dann wieder gutmütig und sanft. Ein vom Leben angeschrammter Grübler, der nach dem Willen seiner Mutter Geistlicher hätte werden sollen und bei einer selbstgemachten Variante des Buddhismus gelandet ist. Immer gradʼ heraus, außer der Alkohol verschiebt ihm gerade ein wenig die Optik. "Vernünftig war das nicht", sinniert er in "Schampanninger", um selbstaufmunternd fortzufahren, "aber souverän ist der Mensch nur in freier, manchmal hochprozentiger Verausgabung, in der er Dinge tut, die er definitiv nicht tun sollte."
Die Gossec-Geschichten von Max Bronski - schon lange gelüftetes Krimipseudonym des 1953 in Tutzing geborenen Schriftstellers Franz-Maria Sonner - sind im Grunde Jahreszeitenromane. "München Blues" von 2007 spielt rund um den Ausnahmezustand Oktoberfest. "Der Pygmäe von Obergiesing" von 2016 wiederum huldigt dem Frühling mit seinen Düften. Und "Schampanninger", als dritter Gossec-Fall im Jahr 2008 erschienen, beginnt im Advent und endet an Silvester. München ist hier fast ein Wintermärchen. Erst schneit es besinnlich. Dann bricht der Föhn herein, gibt es Matsch, Regen, Hagel, ehe "etwas wirklich Wunderbares passiert" und es nochmal zu schneien beginnt.
Zwischen diesen dezemberlichen Wetterkapriolen wird ein weiß-blaues Schmierentheater rund um den Promi-Koch Berni Berghammer aufgeführt, in dem sich Gossec unfreiwillig in der Rolle des Spielverderbers wiederfindet. Und das nur, weil er dem Lorenz Vierthaler über den Weg gelaufen ist und dem "Häuptling der Penner" aus der Patsche helfen wollte, weich wie er eben ist. Dieser ist nämlich "den vielfältigen Versuchungen der Geyerstraße" mit ihren Stüberln erlegen und kann nun seinen Minijob als Nikolaus nicht mehr erfüllen.
Kurzerhand schlüpft Gossec in sein Kostüm, arbeitet die Wohltätigkeitstermine ab und landet irgendwann in der Innenstadt, auf einer Veranstaltung des Weißbräus, wo ihm bald so einiges verdächtig vorkommt. Er stößt auf veruntreute Spendengelder, ein bisserl Koks zu Berghammers neuer Kreation "Schampanninger mit Ingwerwürfeln" gibt es oben drein, und irgendwann liegt dann auch eine Leiche herum. Schöne Bescherung!
Weihnachtsweißwürste mit Brezen und Bier
Aber die Kriminalfälle sind in den Gossec-Romanen nicht das Entscheidende. Die laufen eher so mit. Wichtiger ist die Sprache. Max Bronski legt seinem herumschnüffelnden Ich-Erzähler so schöne Worte wie "Lachdruck", "lostackern" und "herumledern" in den Mund. Wichtiger ist zudem Gossecs Blicks auf eine Stadt im Wandel, auf Menschen, Orte, Situationen. "An der Besetzung der Büros und Läden im Glockenbachviertel", folgert er, "lässt sich ablesen, aus welcher Ecke der Wind des Zeitgeists weht. Wo früher die Elektroniker an Rechnern und Internet geschraubt hatten, saß jetzt eine neue Marketingelite". Auf dem Christkindlmarkt am Marienplatz halten die Salzlampen auf Rosenholzsockel Einzug, Christian Ude ist noch Oberbürgermeister und hält eine seiner "girlandigen" Reden.
Auch Gossecs Privatleben hält Überraschungen parat. Freund Julius hat angeblich Jimmy Page für ein Silvesterkonzert in die Stadt locken können. Es taucht Babsi auf, mehr besoffene Geschichte als Ex, und stellt Forderungen. Schließlich wünscht sich seine Partnerin Emma, dass er Weihnachten mit ihr verbringt. Emma ist Halbitalienerin und weilt in der Heimat bei ihrer Mutter. Aber das geht dem Münchner Straßenköter doch ein wenig zu weit: "Außerhalb Münchens würde Heiligabend immer wie Weihnachten im Wilden Westen sein (...) In diesen Tagen habe ich gefühlsmäßig Schlagseite, und wenn man seine Weihnachtsweißwürste mit Brezen und Bier braucht, irrt man nicht an der Meerenge von Messina auf der Suche nach einem Fischlokal herum. Für solche Frivolitäten war mein Gemüt einfach nicht ausgelegt."
Max Bronski, Schampanninger. Roman. Verlag Antje Kunstmann, München 2012. 176 Seiten, 7,99 Euro (E-Book).
