Matthias Lilienthal:"Alles, was ich da gesehen habe, hat mich begeistert"

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Matthias Lilienthal: Solidarität mit dem Mann im Hintergrund: Auch Matthias Lilienthal (Mitte, mit Umhängetasche) kommt zu der Demo, sagt aber nichts.

Solidarität mit dem Mann im Hintergrund: Auch Matthias Lilienthal (Mitte, mit Umhängetasche) kommt zu der Demo, sagt aber nichts.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Student Christian Steinau trommelt 120 Menschen auf dem Marienplatz zusammen - sie demonstrieren für den umstrittenen Kammerspiele-Intendanten

Von Christiane Lutz

Wer oder was genau mit der "Matschbirne" gemeint ist, bleibt eine der vielen offenen Fragen zur Causa Kammerspiele, die am Mittwochabend etwa 120 Menschen zu einer Demo auf den Marienplatz getrieben hat. "Matschbirne" steht jedenfalls groß auf den T-Shirts, die einige Demonstranten tragen, und könnte den geistigen Zustand derer beschreiben, die vom Kampf für den Kammerspiele-Intendanten Matthias Lilienthal erste Ermüdungserscheinungen zeigen. "Matschbirne" könnte auch jene meinen, die im Stadtrat entscheiden. "Matschbirne" in der Presse? "Matschbirne" Matthias Lilienthal selbst?

Vorn hüpft ein junger Mann herum und organisiert neue Batterien für den kleinen Lautsprecher, den er mitgebracht hat. Das ist Christian Steinau, 28, Promotionsstudent der Komparatistik an der Ludwig-Maximilians-Universität. Er hat die Demo organisiert, einfach so, als Privatperson, weil er sich ärgert darüber, was da gerade in München passiert. Vom Glanz vergangener Intendanzen gänzlich unbelastet zog Steinau vergangenen Sommer nach München und fing an, regelmäßig die Kammerspiele zu besuchen. "Alles, was ich da gesehen habe, hat mich begeistert", sagt der 28-Jährige. "Manche sagen, sie fühlten sich von Lilienthals Theater unterfordert, ich fühlte mich ständig überfordert. So neu ist alles." Als er erfuhr, dass Lilienthal seinen Vertrag nicht verlängern wolle, weil er den nötigen Rückhalt durch die Stadtpolitik nicht mehr gegeben sah, wollte Steinau das nicht einfach so hinnehmen.

Die neuen Batterien sind da, Steinau verliest sein Pamphlet. München solle stolz auf die Kammerspiele sein, sagt er. Weil es dem Theater gelinge, Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Nationalitäten und Interessen anzulocken. Als Beispiel für die Großartigkeit der Kammerspiele führt er eine Szene in Christopher Rüpings "Trommeln in der Nacht" an, in der die Schauspieler das nachgebaute Bühnenbild der Uraufführung von 1922 schreddern. Für ihn ein Aufruf, endlich über die Zukunft des Theaters nachzudenken.

Steinau warnt vor möglichen ästhetischen Rückschritten einer konservativen Kulturpolitik, er kritisiert Teile der Presse, auch die Süddeutsche Zeitung, für ein überholtes Kritikverständnis, er fordert Wissenschaftler und Journalisten auf, sich in die Debatte einzumischen, und Lehrer, mit ihren Schülern die Kammerspiele zu besuchen. Die spontanen Redner, die dann nach vorn ans Mikrofon treten, hätte man besser kaum casten können: Da ist die 19-Jährige, die durch Lilienthal das Theater lieben lernte, die Tontechnikerin der Kammerspiele, Spielart-Kurator Tilmann Broszat, eine Studierende, die Mitarbeiterin des Münchner Flüchtlingsrats, die sich bei Lilienthal für sein Engagement bedankt. Sie wollen weiter diskutieren, miteinander und mit der Politik. So leicht wollen sie Lilienthal nicht ziehen lassen.

Der selbst schweigt weiterhin zu der Sache. So gibt es nach wie vor keine Erklärungen und keine Antworten auf Fragen, die auch einige der Demonstrierenden umtreiben: Warum will er nicht kämpfen? Und: Wie geht es weiter? Lilienthal ist zwar da, auf der Demo, hält sich erwartungsgemäß aber im Hintergrund.

Auch ein paar Mitglieder des Fördervereins der Kammerspiele sind gekommen. Sie berichten, dass die Meinungen über Lilienthal und seinen Kur im Verein durchaus auseinander gingen, dass sich ihr Verein aber regen Zulaufs erfreue. Vorstandsmitglied Jutta Kopp geht seit 1971 in die Kammerspiele und gehört somit eigentlich zu jenem Stammpublikum, das sich in Teilen von Lilienthal vergessen fühlt. "Ach wissen Sie", sagt sie, "anfangs tat ich mich auch schwer. Aber dann sah ich vor einiger Zeit den alten Faust-Film mit Gustaf Gründgens und dachte mir: Das geht halt auch nicht mehr."

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