Uraufführung:Doppelrolle rückwärts

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Die doppelte Mata Hari: Florine Schnitzel als Hausfrau Margaretha Geertruida "Griet" Zelle (links), Ann Sophie Dürmeyer als Popstar. (Foto: Marie Laure-Briane)

Das neue Musical über die legendäre Nackttänzerin und Spionin "Mata Hari" am Gärtnerplatztheater ist ein vertracktes Konstrukt, das nicht zündet.

Von Michael Zirnstein

Schuss und Schluss. Mata Hari, mit Hotpants und Federkopfschmuck, sackt zusammen. Mit dem finalen Knalleffekt zu starten, ist ein bewährter Autoren-Kniff. Wie kam es zum Schlimmsten? In diesem Musical-Fall: Warum wurde die sagenumwobene Nackttänzerin und Doppelspionin Margaretha Geertruida "Griet" Zelle-MacLeod alias Mata Hari gegen Ende des Ersten Weltkrieges in Frankreich hingerichtet?

Für die Dramaturgie ist die Frage wichtiger: Wie weit schaut man zurück? Will man die Schuld der Agentendiva am Tode Tausender Soldaten und ihre Liebschaften bis hin zum Deutschen Kronprinzen aufklären, wie es eine als Schwarzweiß-Video inszenierte Aussage aus dem Strafprozess andeutet? Oder will man in einer Art Familienaufstellung ihr innerstes Leid als Antrieb für Freiheitsdrang und Ruhmsucht psychologisieren? Das Team des neuen Musicals "Mata Hari" am Gärtnerplatztheater hat sich leider für letzteres entschieden. Wie wenn man einen Plan austüftelte, Top-Secret-Unterlagen aus der Geheimdienstzentrale zu stehlen, und am Ende des Tunnels im Sozialamt herauskommt.

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Mata Hari zum x-ten Mal im Film oder auf der Bühne - "Mission impossible"? Nicht unbedingt. Entlarvungen von Hochstaplern (wie Anna Sorokin), Kiegsgewinnlern und Hype-Persönchen sind populär. Das Gärtnerplatztheater tat gut daran, wieder ein Meister-Team zusammenzustellen, allen voran Kevin Schroeder für Buch und Liedtexte, dessen deutsche "Hamilton"-Übersetzung von der New York Times beklatscht wurde.

Also, was will das Publikum von Mata Hari (um den Trailer des Filmklassikers mit Greta Garbo zu zitieren): "Affären. Intrigen. Verrat." Am Gärtnerplatz aber hört man auf, bevor Mata Hari in Paris als Star und Spionin loslegt. Aus Angst vor Klischees (ausgerechnet im Musical!). Stattdessen zeigt man Griets (Florine Schnitzel) Alltag mit ihrem Hauptmann-Gatten beim Einsatz auf Java, häusliche Gewalt, fiese Gesellschaftstanten (famos streng: Dagmar Hellberg) und Geschrei des von ihr abgelehnten Babys ("Schneid es raus!").

Die Frage: Wie wäre Mata Hari als Popstar heute?

Der Plan war, den Seelenstriptease mit einer echt abgefahrenen Idee aufzupeppen, einer abstrakten Emotions-Bubble mit zweiter Hauptfigur: Wie wäre Mata Hari als Popstar heute? Stephen-Sondheim-Zögling Marc Schubring schrieb also nicht nur die Theatermusik, mit der das tolle Hausorchester ein bisschen Hollywoood-Abenteuer-Exotik verströmt, sondern erstmals auch Hits. Dachte er. Denn das erwartbare Pop- und Rock-Potpourri aus Lady-Gaga-Glamour ("Fakebitch"), Sarah-Connor-Ballade, Rammstein-Rumms (mit Flammenwerferchen), Billy-Eilish-James-Bond-Soul (zum scharfen Spionsballett mit androgyn-schlüpfrigen Froschmannfrauen) und Marianne-Rosenberg-Schlagerdisco zeigt mal wieder: Pop ist kein Baukasten, Pop ist eine Haltung. Da hilft auch der zugekaufte Sound-Zement von Star-Produzent Kraans de Lutin ( Seeed) nichts - gerade seine Bässe sind Blässen.

Ann Sophie Dürmeyer (null Punkte für Deutschland beim ESC 2015) hat als Mata-Stari große Momente, aber nie einen Hauch der behaupteten "Göttin". So ist es auch bei Florine Schnitzel als Griet, die alles gibt beim Spielen und Singen, aber im Senioren-Musical "Rockin' Rosie" als biedere Enkelin viel sexier war. Schön aber die Momente, wo sich die beiden begegnen, Blick austauschen, erkennen, wer sie waren und sein könnten (Zelle hat ihre Kunstfigur Mata Hari ja stets als eigenständige Person betrachtet). Da hat Regisseurin Isabelle Gregor das vertrackte Konstrukt tapfer zusammengefügt. Und die Choreografien von Adam Cooper sind pfiffig (da sieht man blauhäutige Göttinnen im Wayang-Puppenspiel-artigen, doch modernen Tanz). Aber Verführung ohne Sexyness, Spionage ohne Raffinesse, ein Mythos ohne Mythos - das zündet nicht.

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