Martinsried:Lichtgestalten

Kreissäge, Spülmaschine, Gen-Schere: All das haben Wissenschaftlerinnen erfunden oder entdeckt. Petra Herrmann widmet ihnen eine Porträtreihe

Von Annette Jäger, Martinsried

"Amazing Grace" war eine echte Type. Herbe, fast männliche Gesichtszüge, dunkelrandige Brille auf markanter Nase, das weiße Haar praktisch unter der Admiralsmütze der US-Marine verstaut, hochgeschlossener weißer Kragen. Die Malerin Petra Herrmann hat sie mit dynamischen Pinselstrichen vor neonpinkfarbenem Hintergrund porträtiert. Die Dame hieß eigentlich Grace Hopper, wurde von ihren Kollegen aber "Amazing Grace" genannt, was nicht von Ungefähr kam: 1906 in New York geboren, gilt sie als Computerpionierin und Entdeckerin des Computer-Bugs. Sie forschte in Harvard und gehörte der Reserve der US-Marine an. 1967 holte man sie bei der Marine aus dem Ruhestand wieder in den aktiven Dienst, um bei Computerproblemen zu helfen, mit denen ihre Kollegen nicht zurechtkamen. Erst mit 80 Jahren konnte sich "Amazing Grace" zur Ruhe setzen.

Grace Hopper ist eine von zwölf Wissenschaftlerinnen, die die Münchner Malerin Petra Herrmann porträtiert hat. Unter dem Titel "Female Scientists meet Nature" sind sie derzeit im Foyer des Max-Planck-Instituts für Biochemie in Martinsried zu sehen. Herrmann spannt den Bogen weit: Die älteste vertretene Wissenschaftlerin ist Josephine Cochrane, geboren 1839, die als Erfinderin der ersten brauchbaren Spülmaschine gilt, die jüngste Tiera Guinn, geboren 1995, die als Ingenieurin bei der Nasa an Raketen forscht, die Menschen zum Mars bringen sollen. Dazwischen reihen sich Frauen ein wie die Nobelpreisträgerin Marie Curie, Schimpansen-Forscherin Jane Goodall, die französische Mikrobiologin, Genetikerin und Biochemikerin Emmanuelle Charpentier, die 2020 den Nobelpreis für Chemie für die Entwicklung der "Gen-Schere"erhielt, zusammen mit Jennifer A. Doudna. Auch Therese Prinzessin von Bayern ist dabei, geboren 1850, die als Ethnologin, Zoologin, Botanikerin und Reiseschriftstellerin regelrechte Forschungsexpeditionen unternahm.

Die Auswahl ist willkürlich, "Typen" sollten es sein, sagt die Künstlerin. Herrmann führt den Pinsel locker wie einen Zeichenstift. Mit leichter Hand wirken die Porträts gemalt, starke Pinselstriche sind es, die das Wesen der Frauen einfangen: nachdenklich die eine, Typ "verwirrte Professorin" die andere, selbstbewusst alle. Herrmann hat dabei keine Scheu vor Farbe. Rita Levi-Montalcini, geboren 1909 in Turin, die unter anderem den Nobelpreis für Medizin erhielt, platziert Herrmann als feine Dame mit hochgestecktem weißem Haar vor orangefarbenem Hintergrund, die Genetikerin Barbara McClintock hat sie in einen blauen Pullover gesteckt, die Wand dahinter ist gelb, grün ist die vorherrschende Farbe bei Josephine Cochrane.

Die Farbe hat keine historische Vorlage. Herrmann hat nach alten Fotos gemalt. Doch schwarz-weiß erschien ihr zu brav. Starke Farben unterstreichen die Leistung der Frauen in doppelter Hinsicht: Nicht nur haben sie als Wissenschaftlerinnen die Forschung weitergetrieben, sie haben sich auch in einer männerdominierten Welt behauptet - in einer Zeit, als es Frauen zum Teil noch verwehrt war, an der Universität zu studieren, wie etwa zu Lebzeiten von Prinzessin Therese von Bayern.

Petra Herrmann war früher Redakteurin in der Wissenschaftsredaktion des Bayerischen Rundfunks, gemalt hat sie daneben schon immer und ihre künstlerische Ausbildung neben dem Beruf weitergetrieben. Damals fiel ihr auf, dass es viele Porträts von Literatinnen gibt, aber kaum welche von Naturwissenschaftlerinnen. Das passte zum Dasein, das die Frauen damals in der Wissenschaft führten: im Schatten der Männer. Herrmann holt sie ins Licht, setzt sie mit satten Farben in Szene. Die Bilder sind alle in den vergangenen zwei Jahren entstanden. Der Porträtreihe hat Herrmann Landschaftsbilder aus ihrem Portfolio begleitend zur Seite gestellt. Ebenso farbige, aber ruhige Flächen schaffen einen Gegenpol zu den Frauenporträts.

Die Porträtreihe lebt auch von den Kurzbiografien, die Herrmann verfasst und den Bildern zugeordnet hat. So erfährt man etwa, was Rita Levi-Montalcini veranlasste, Medizin zu studieren - ihr Kindermädchen Giovanna war unheilbar an Krebs erkrankt. Oder dass Tiera Guinn, heute 26 Jahre alt, schon seit ihrer Kindheit Luft- und Raumfahrtingenieurin werden wollte - mit nur 22 Jahren war es ihr gelungen. Die Porträtreihe der großen Wissenschaftlerinnen hätte Petra Herrmann noch ewig weiterführen können, sagt sie. Erstaunliche Erkenntnisse habe sie selbst dabei gewonnen. Zum Beispiel, dass eine Frau die Kreissäge erfunden hat.

Die Ausstellung ist bis 26. November zu sehen, wochentags von 18 Uhr an, am Wochenende von 8 bis 20 Uhr, in Martinsried, Am Klopferspitz 18. Am Freitag, 15., und am Donnerstag, 28. Oktober, bietet die Malerin jeweils um 18 Uhr eine Führung an.

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