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Marstall:Die Angst vor der Angst

M_3 Eine Stadt sucht einen Mörder

Lisa Stiegler, die hier "Den Schrecken" spielt, an der Außenwand des Marstalls auf der Flucht vor sich selbst.

(Foto: Armin Smailovic)

Schorsch Kamerun bastelt weiter an "M - eine Stadt sucht einen Mörder", der dritte Teil läuft jetzt im Marstall

Von Egbert Tholl

Zur Erinnerung: Bei der Musiktheater-Biennale wollte Schorsch Kamerun "M - eine Stadt sucht einen Mörder" herausbringen, nach dem Film von Fritz Lang und dem Drehbuch, das dieser zusammen mit Thea von Harbou schrieb. Den Sound hätte Cathy van Eck geliefert, die dafür einen Kompositionsauftrag der Biennale hatte. Doch dann kam das Virus und übrig blieb erst einmal "M 1", ein ebenso wirres wie mildes Hörspiel, als Stream zusammengebaut, rechtzeitig zum eigentlichen Biennale-Eröffnungstermin. Ende Juli, kurz vor den Theaterferien, folgte dann "M 2" auf dem Platz vor dem Marstall-Theater mit aufblasbarer Filmleinwand und dem Zauber einer milden Sommernacht, der vergessen ließ, dass man gar nicht genau wusste, was da inszenatorisch vor sich ging. Es gab aus dem Inneren des Marstalls übertragenes Theater, Theater draußen und irgendwelche Experten waren auch dabei, die eher blödes Zeug redeten.

Mit der Zeit machte Kamerun das Projekt immer stärker zu seinem. "M" war immer geplant als Koproduktion der Biennale mit dem Residenztheater, doch schon bei "M 2" waren von Cathy van Ecks Komposition nur noch Reste einer Klangtapete vorhanden, die nun noch stärker ausbleichen. Denn jetzt gibt es "M 3", diesmal drinnen im Marstall und zwar in Nuancen eine Weiterentwicklung zur Veranstaltung im Sommer, aber halt nur in Nuancen.

Nach wie vor scheint es einem schleierhaft, ob jemand, der Fritz Langs Film nicht kennt, überhaupt kapiert, was hier vor sich geht. Zunächst ist es die Herstellung eines inszenierten Konzerts aus der Ursuppe uns derzeit umgebender Verschwörungsmythen heraus, die Schorsch Kamerun als singender Band-Leader umstülpt und sich dabei von drei hämmernde Rumpelmusik machenden Kollegen unterstützen lässt; dazu sprechsingt sehr schön Hannah Weiss, die auch mal ausstaffiert als leuchtendes Verheißungswesen auf dem Technikbalkon zur Erscheinung wird. Der größte Hit des Abends stammt aus dem Sommer, "Nichts wie ab ins Warme, in die starken Arme", wieder dieselbe Sehnsucht nach einem starken Staat, der schon alles richten wird, dafür nimmt man dann auch die totale Überwachung in Kauf.

Diese Schicht ist einem also vertraut, ebenso das, was die Resi-Schauspieler die meiste Zeit hier machen: Sie spielen ein bisschen "M", den Film, und sprechen dessen Dialoge, Oliver Stokowski übernimmt wieder die Rolle von Gustaf Gründgens, also die des Obergangsters, Lisa Stiegler ist wieder "Der Schrecken", also der Kindermörder, den Peter Lorre spielte, ist aber eher ein Angsttierchen selber, mit Gips angemalt und auf der Flucht vor sich selbst.

Jetzt müsste nur noch jemand kommen und Kameruns Wirrwarr zielorientiert ordnen und dabei den Quark, den der Soziologe Hartmut Rosa beigetragen hat, rausschmeißen. Er schreibt vom Mangel an "Selbstwirksamkeit", wenn der Akku vom Smartphone leer ist. Zur Verhandlung gegen den Schrecken verwandeln sich die Gangster in einem Mittelalterjahrmarkt, weil sie ja auf eine sehr archaische Rechtssprechung drängen. Ja gut, archaisch sind die Ängste derzeit auch. Aber was macht man dagegen? Am Ende freut sich Yodit Tarikwa darüber, in der Münchner Nacht niemandem aufzufallen. "Wertvollster Moment seit langer Zeit."

© SZ vom 28.09.2020

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