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Ausstellung in Marktoberdorf:Kunst auf Rädern

Kunst oder Spielzeug? Das BMW Art Car Maquette, gestaltet von David Hockney.

Eine Ausstellung in Marktoberdorf spürt der Faszination für Autos nach. Für manche sind sie ein Fetisch, für andere Symbol großen Übels

Von Sabine Reithmaier, Marktoberdorf

Der erste Impuls ging wohl von ihrem Vater aus. Der Maler Ernst Heckelmann mag schnelle Autos, er hat sie mit expressivem Gestus und dickem Pinselstrich auch immer wieder gemalt. "Ich bin mit diesen Bildern aufgewachsen", sagt Maya Heckelmann, Leiterin des Künstlerhauses Marktoberdorf. Logisch, dass sie zwei davon untergebracht hat in ihrer neuen Ausstellung, in der sich alles um das Auto in der Kunst dreht.

Den eigentlichen Anstoß, sich dem Thema zu widmen, lieferte aber Matthias Harder mit der Wanderausstellung "Drive, Drove, Driven", die sich der Auseinandersetzung zeitgenössischer Fotografen mit dem Auto widmet. Diesen Grundstock hat Heckelmann mit Malerei, Installationen und Videokunst großzügig erweitert und ergänzt. Entsprechend groß ist die Bandbreite der künstlerischen Ansätze, passend zum doppeldeutigen Titel der Schau. "Abgefahren" kann sowohl für Begeisterung als auch für den Abgesang auf die automobile Gegenwart stehen. Und während Heckelmanns "Mit dir ins Grüne fahren" und "One more time" ein unbeschwertes On the Road-Gefühl beschwören, hat der Fotograf Christian Rothmann Momente festgehalten, in denen sich die Natur vergessene, abgestellte Fahrzeuge einfach einverleibt. Wieder andere verwandeln Autos in schicke Designobjekte.

1975 fragte der französische Rennfahrer Hervé Poulain beim Autohersteller BMW an, ob es nicht möglich sei, seine zwei Leidenschaften, die Kunst und das Rennenfahren, zu verknüpfen. Daraufhin bemalte Alexander Calder einen Wagen, den Poulain dann auch selbst beim 24 Stunden-Rennen von Le Mans fuhr. Seitdem sind 19 Art Cars entstanden, jedes von einem anderen Künstler gestaltet. Da die Wagen nicht durch das Tor des Künstlerhauses passen, muss sich Heckelmann mit den Maquetten begnügen. Genau genommen sind die maßstabsgetreuen Modelle ohnehin die wahren Originale, da die Künstler sie als Vorlage für die Umsetzung in der Werkstatt schufen.

Fünf davon - Sandro Chia, David Hockney, Jenny Holzer, Roy Lichtenstein und Andy Warhol - prunken jetzt im Künstlerhaus. Während Hockney das Innere des Wagen auf die Außenseite kehrt einschließlich eines Hundes auf der Rückbank, setzt sich Warhol mit den Wirkungen der Schnelligkeit auseinander, lässt Farben und Linien verschwimmen. Der Legende nach war Warhol auch der einzige, der das Auto in der Werkstatt auch mitgestaltete und sechs Kilogramm Farbe binnen 28 Minuten auf den Wagen klatschte.

Heckelmann ist natürlich nicht der einzige Maler, den Straßenkreuzer faszinieren. Auf Ludwig Arnolds Bildern sind die Autos nur oft nicht so leicht zu erkennen. Der Maler geht mit dem Pinsel fast tänzerisch über die Leinwand, erst beim genaueren Hinsehen entdeckt man in den zerfließenden Farben Reifen und Stoßstange. Schön auch die kleinformatigen Bilder von Martin Paulus, der zum Teil anonyme historische Fotografien als Ideengeber nutzt. Und Sven Kroner bringt in seinem Gemälde gleich eine Kindheitserinnerung unter: die alljährliche Fahrt nach Italien mit den Eltern. Pause wurde immer auf demselben Parkplatz mit Blick auf die Europabrücke gemacht. Die Aussicht auf Autobahn und Brücke hat er festgehalten.

Die Fotografen dagegen konzentrieren sich auf ungewöhnliche Perspektiven. Mark Volk hat für seine Serie die Auspuffrohre parkender Autos in der Nähe einer Berliner Luftmessstation fotografiert. Ein feiner Hinweis darauf, wie sehr Verbrennungsmotoren die Umwelt belasten. Oliver Godow dagegen spürt dem Auto als Alltagsgegenstand nach, hält die Spuren der Zeit und damit Dellen, Beulen und Rostflecken fest. Martin Klimas fabriziert Crashbilder, lässt kleine, tiefgefrorene Modellautos aufeinanderprallen und hält farbenfroh den Moment des Zersplitterns fest. Hingegen haben Beny Bischofs futuristische, digital nachbearbeitete Autos keine Reifen, dafür sehr viele Scheinwerfer. Wie sie zu fahren sind, bleibt offen, möglicherweise besitzen sie auch die Fähigkeit zu schweben.

Dieter Rehm hat Motive aus seiner frühen Serie "Arrete la radio!" beigesteuert. Der gebürtige Memminger spielt damit auf Stresssituationen an, die beim Fahren entstehen, wenn beispielsweise Hagel gegen die Windschutzscheibe knallt. Alle Aufnahmen entstanden, ganz analog, auf der Autobahn von Memmingen nach München, weil Rehm während des Fahrens einfach fotografierte.

Im Untergeschoß des Künstlerhauses wartet die Videoinstallation der Schweizer Künstlerin Sylvie Fleury: Sie stakst in High Heels um ältere amerikanische Straßenkreuzer herum und wäscht sie: 56 Minuten lang in sieben Sequenzen und immer neuen Outfits, die Einstellung bleibt dieselbe - eine amüsante Hinterfragung von Rollenklischees.

Eine Schau ist auch Dana Lürkens titellose Installation. Aus der Ferne sieht man nur eine festlich gedeckte Tafel, das Porzellan ist weiß, die großen silbernen Kerzenleuchter glänzen, in den Gläsern wartet der Rotwein. Alles perfekt angerichtet, einschließlich der wunderbar gefalteten Servietten. Erst im Näherkommen verrät der Geruch, um was es sich wirklich handelt: Der Tisch schwimmt in Altöl. Ein gleichermaßen ästhetischer wie scharfer Kommentar zur Verschwendung von Lebensmitteln wie Mais, Raps und Sonnenblumenöl. Denn in der Dritten Welt ernähren sich Menschen davon, hierzulande landen sie als Biokraftstoff im Tank. Hauptsache, die Erste Welt kann weiter dinieren wie bisher.

Abgefahren - das Auto in der Kunst, noch bis zum 29. August, Künstlerhaus Marktoberdorf

© SZ vom 05.06.2021
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