Süddeutsche Zeitung

Markierungen:Münchner Hausbewohner entdecken Gaunerzinken an Eingängen

  • Bettler und Hausierer hinterließen früher oft Hinweise an Hauseingängen, um zu signalisieren, wo etwas zu holen ist.
  • Nun wurden in der Ickstattstraße solche Zeichen entdeckt - aber die Polizei glaubt nicht, dass sie von professionellen Einbrechern stammen.

Eigentlich waren sie schon fast in Vergessenheit geraten, die so genannten Gaunerzinken. Das sind Hinweise, die früher Bettler oder Hausierer an Gartenzäunen, Mülltonnen oder Hauseingängen hinterließen. Die kleinen Symbole sollten den nachfolgenden Kollegen signalisieren "hier gibt es etwas zu holen", "Vorsicht, bissiger Hund" oder "hier wohnt eine alleinstehende Frau".

Die Münchnerin Petra Rolf (Name geändert) hatte von alldem keine Ahnung. Bis vor vier Tagen. Da entdeckte sie neben ihrer Wohnungstür in der Ickstattstraße so ein merkwürdiges Kreuz an die Wand gekrakelt. Sie und vier Nachbarn alarmierten die Polizei.

In den vergangenen Jahren ist das Phänomen kaum mehr aufgetreten

Die Zeichensprache von Nichtsesshaften ist Hunderte von Jahren alt, reicht sogar bis ins 12. Jahrhundert zurück. Mit Hilfe der Symbole verständigten sich Vagabunden, Kesselflicker, Gauner und Hausierer - teils bis in die heutige Zeit.

Die Münchner Polizei sagt allerdings, in den vergangenen Jahren sei dieses Phänomen so gut wie gar nicht mehr aufgetreten. "Heute gibt es andere Formen, lohnende Objekte auszuspähen", sagt Polizeisprecher Peter Beck. Einbrecher etwa fahren die Gegend ab, oder suchen via Google Earth nach bevorzugten Häusern oder Wohnungen.

Neben dem Türrahmen von Petra Rolf hatte jemand mit Kugelschreiber ein kleines Kreuz gemalt, ein Strich ist im oberen Auslauf noch einmal gekreuzt. Bewohner in anderen Stadtvierteln, etwa in der Kurparksiedlung in Hadern, hatten nach SZ-Informationen auch mysteriöse Zeichen an ihren Wohnungen und Häusern entdeckt, und sich entsprechend gerüstet.

"Die Polizei alarmieren und das Symbol überpinseln"

Die Polizisten, die sich die Zeichen an den insgesamt fünf Wohnungen in der Ickstattstraße ansahen, konnten sich spontan auch keinen Reim darauf machen. Und die Hausgemeinschaft hatte sich zusammengesetzt und überlegt: Welche Fremden waren in den vergangenen Tagen oder Wochen bei uns im Haus? Wem wurde die Türe geöffnet? Wer konnte in die Wohnungen schauen? Sie kamen auf Paketboten und Heizungsableser.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich professionelle Einbrecher auf so ein Gekrakel verlassen. Die kennen die wohlhabenden Gegenden", sagt Kommissariatsleiter Reinhold Bergmann.

Der Erste Kriminalhauptkommissar glaubt, dass die Zeichen für Hausierer oder Betrüger schon ihre Bedeutung haben könnten, "aber das muss nicht zwangsläufig mit einer Straftat zu tun haben". Er rät zur Wachsamkeit, sieht aber keinen Grund zur Panik: "Die Polizei alarmieren und das Symbol überpinseln."

Tatsächlich scheinen sich in den letzten Monaten die Fälle zu mehren: Im Salzburger Raum meldeten sich im Herbst 2015 vermehrt Bürger bei der Polizei und verwiesen auf komische Zeichen, in Essen warnte die Polizei vergangenen Sommer sogar via Facebook vor den Gaunerzinken.

Petra Rolf und ihre Hausgemeinschaft aus dem Glockenbachviertel haben jedenfalls das einzig Richtige gemacht: Nach dem Polizeibesuch wurden alle Symbole übermalt, und im Treppenhaus einen Aushang gemacht, der vor Gaunerzinken und verdächtigen Gestalten warnt.

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SZ vom 18.02.2016/dit
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