US-Intellektueller Mark Greif in den Münchner Kammerspielen:Trommeln für eine bessere Welt

Lesezeit: 4 min

Auch das Internet, ehemals Tummelplatz der frühen Hipster, tauge nicht mehr als Identifikationsmerkmal. Denn die Gadget-verliebten Medienschaffenden seien längst nicht mehr unter sich. Und andersherum: Die Mitglieder der digitalen Bohème seien noch lange keine Hipster.

Mark Greif

Mark Greif: Literaturprofessor, Hipster-Versteher und Occupy-Botschafter.

(Foto: Nelson Villareal / oh)

Dann geht es bei der Lesung weiter - mit der Faszination von YouTube-Videos und Reality-Fernsehen. Auch zu diesem Thema hat der New Yorker ein Buch geschrieben, es heißt Bluescreen. Greif zeigt den sogenannten Double-Rainbow-Clip, bei dem ein Mann schier ausrastet, als er einen doppelten Regenbogen erblickt. Das Publikum lacht sich schlapp und plötzlich versteht jeder den Zauber dieser kleinen Videos im Netz. So einfach kann das sein.

Zum Schluss des Abends kommt dann endlich Greifs Lieblingsthema an die Reihe: Die Occupy Wallstreet Bewegung in New York. Auch darüber ist gerade ein Buch von ihm im Suhrkamp-Verlag erschienen. Greif ist nicht nur Literaturdozent, Kulturtheoretiker und Co-Herausgeber der Intellektuellen-Zeitschrift n+1, sondern auch Herausgeber der Occupy Gazette. Im Rahmen von Occupy Wallstreet hat sich Greif Verdienste in der Szene erworben, indem er zusammen mit Freunden die Zeitung zur Bewegung herausgegeben hat.

Die Gazette dokumentiert das Occupy-Phänomen seit seiner Entstehung in New York. Er habe in jenen Wochen im Zuccotti Park erstmals direkte Demokratie erlebt, sagt Greif. Und so kämpft der Professor auch nach der Räumung des Parks durch die Polizei weiter für die Ziele der Occupy-Bewegung. Diese sind: die Macht des Geldes über die Politik reduzieren, eine Regulierung der Finanzmärkte, eine höhere Besteuerung der Reichen und Hilfe für verschuldete Privatpersonen. Und auch jene sollen dazugehören, die sonst außen vor sind: Schwarze, Kinder, Arme, Einwanderer und Alte.

Wenn es um Occupy geht, kommt Greif ins Schwärmen. Er zeigt eine Dia-Show mit Fotos aus dem Zuccotti-Park, er erzählt von den vielen kleinen Details und zwischenmenschlichen Anekdoten, die er dort erlebt hat. Beispielsweise von dem "24-Hour-Drum-Circle", einem Zusammentreffen von Trommlern, wie es sie im Sommer auch im englischen Garten gibt, die rund um die Uhr getrommelt haben - und dabei anderen Aktivisten gehörig auf die Nerven gegangen seien.

Greif erzählt so lebendig, dass sich am Ende des Abends jeder im Saal wünscht, dabei gewesen zu sein, damals im Herbst 2011 in New York. Man geht mit dem Gefühl nach Hause, die Welt jetzt besser zu verstehen. Zumindest dieses total angesagte Gegenwarts-Zeug: die Hipster, die YouTube-Videos und die Occupy-Bewegung.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB