Es war jedes Mal auf eine Art einzigartig. Wenn Mario Adorf, immer im Smoking, einen Raum betrat und der Münchner Gesellschaft einen Besuch abstattete. Jener Gesellschaft, die auch dank seiner Paraderolle als Unternehmer Haffenloher in Dietls Society-Serie „Kir Royal“ über den Klatschreporter Baby Schimmerlos ja überhaupt erst zu einer eigenständigen Lebensform in München avanciert war. Beim Deutschen Filmball im Jahr 2020 etwa war gut zu beobachten, wie Adorf wirkte, wenn er auf einer der Gala-Veranstaltungen in München auftauchte. Der Stadt, die immer wieder auch Heimatstadt von Adorf war und wo er viele Spuren hinterlassen hat.
Zunächst einmal war da seine Körpergröße. Adorf war nicht groß gewachsen, weshalb im ohnehin schon mit aufgeregten Menschen überfüllten Foyer des Bayerischen Hofs an diesem Abend zunächst kurz unklar blieb, warum sich an einer Ecke des Raumes die Aufregung gerade noch einmal steigerte. Adorf ist da, raunten sich die Kolleginnen und Kollegen des Boulevards zu. Wobei Adorf selbst am wenigsten davon Notiz zu nehmen schien. Er wirkte immer so, als ob er sich an einem Ort, an dem ihn alle anstarren, ansprechen und mit Kameras anblitzen, zwar interessiert umsieht. Aber eher auf eine Art, wie jemand schaut, der wissen will, wo denn jetzt ein Kleiderständer zu finden ist, an dem man den Mantel aufhängen könnte.
Die Bewunderung der Gäste auf der einen Seite über ein wandelndes Stück Filmgeschichte traf da auf eine immer gebliebene Bodenständigkeit auf der anderen Seite. Adorf stand auch an diesem Abend im Januar 2020 geduldig da und beantwortete jede Frage. Am liebsten die über Kolleginnen und Kollegen vom Film, die er loben konnte und lächelnd umschmeicheln. Aber er sagte schon auch was bei Fragen aus den niederen Klatsch-Kategorien, etwa die nach der Marke seines Smokings. Wobei Adorf-Kenner die Nuancen seiner Mundwinkel in Abstimmung mit dem leichten Verengen der Augen eindeutig als Reaktion des inneren Kopfschüttelns einzustufen wussten.

Adorf also stand da und wartete, dass die durch sein reines Erscheinen ausgelöste Erregung langsam nachließ, ehe er sich nach Interviews und Fotoaufnahmen gemächlich gen Ballsaal aufmachte. Es ist kein Zufall, dass die Zunft der Klatschfotografen immer positiv von ihm sprachen. Wenn Menschen, die bei ihrer Arbeit mit Blitz und Bild den Abzulichtenden schon auch schnell mal mit ihrem Geschrei wie etwa „Mario. Mario! Hier drüben! Noch einmal! Ja! Ein Lächeln!“ auf die Nerven gehen, über keinerlei Anzeichen von Unmut oder gar Arroganz berichten, dann muss da etwas dran sein. Wobei Adorf schon auch anders konnte. Selbst an dem besagten Abend war das zu sehen – und zu hören.
Zum einen immer zuvorkommend, geduldig und interessiert, sehr schweizerisch, das war der offizielle Adorf, geboren 1930 in Zürich. Zudem ein Gentleman, wenn er mit seiner Frau zu Gast war. Aber er konnte schon auch als Mensch ein wenig haffenlohern. Die rumpelig bis rüpelige Art seiner Figur des Kleberfabrikanten, natürlich irgendwie doch immer noch sympathisch und zum Liebhaben, das war auch eine Seite von Mario Adorf. Vor allem mit den Schauspielkollegen.
Beim Filmball, den er gerade noch mit einem „es ist immer wieder ein schönes Déjà-vu“ geadelt hatte, traf er dann auf Heiner Lauterbach, eine Filmgeneration jünger, aber durch gemeinsame Projekte wie zum Beispiel die ebenfalls in München spielende Gesellschaftssatire „Rossini“ gut miteinander bekannt. Wobei zunächst Adorf auf Lauterbach stieß, denn Lauterbach hatte seinen Kollegen im Gewühl der tausend Gäste noch nicht wahrgenommen. Also steckte sich Adorf beide Zeigefinger zwischen die Lippen und pfiff einmal derart laut in den Raum, dass der Champagner in den Gläsern vor Schreck – oder Ehrfurcht? – kurz aufhörte zu perlen. Lauterbach drehte sich um, Adorf schaute formvollendet bösewichtig. Und dann nahm Lauterbach Adorf so kräftig in den Arm, als müsse er ihn an einer Flucht hindern. Inklusive einem mordsmäßigen Kumpelklatscher auf den Rücken, den Adorf selbstverständlich genauso ungerührt hinnahm wie die dämlichste Boulevardfrage.

