Meisterfeier Die Chorknaben vom Rathaus-Balkon

Die Mannschaft des FC Bayern feiert zum 27. Mal die Meisterschaft - und singt "Volare", Rainhard Fendrich und "What a wonderful world". 15000 Fans bejubeln einen Titel, der in diesem Jahr der einzige ist. Daran, so ätzt Gratulant Dieter Reiter, war nur der Schiedsrichter schuld

Von Franz Kotteder

Wäre es um die deutsche Meisterschaft im Chorgesang gegangen, dann stünden diese Burschen da oben vielleicht eher nicht auf dem Rathausbalkon an diesem Samstagabend. Dafür schrammt ihre Interpretation von "Heute noch in Kiew, morgen schon in Wien", einem alten Südkurvenschlager, dann doch recht deutlich an den richtigen Noten vorbei. Aber es geht hier ja eh mehr um Fußball. Und da gilt es inzwischen, die 27. Meisterschaft zu feiern und die fünfte in Folge. So etwas soll dem FC Bayern München erst mal ein Verein nachmachen. Und eigentlich ist es ja fast verwunderlich, dass wieder 15 000 Fans auf den Marienplatz gekommen sind, um ihre Mannschaft zu feiern: So etwas Besonderes ist eine deutsche Meisterschaft ja nun auch wieder nicht, oder?

Auf dem Marienplatz jubelten die Bayernfans dicht gedrängt, besonders ganz vorne am Sicherheitszaun.

(Foto: Johannes Simon)

Doch, sagt Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern, ist sie doch: "Lasst Euch nicht erzählen, das sei ein Trostpreis!", ruft er den Fans vom Rathausbalkon aus zu. Fünfmal in Folge Meister zu werden, sei außergewöhnlich, und außerdem liege man nun "in fünf Jahren mit 82 Punkten vor Borussia Dortmund". Ähnlich hat er sich kurz zuvor bereits beim Empfang von Oberbürgermeister Dieter Reiter für die siegreiche Mannschaft im großen Sitzungssaal des Rathauses geäußert: "Es gibt nichts Schöneres als den Gewinn der Meisterschaft." Das findet auch der Oberbürgermeister, der zum dritten Mal in Folge mit der Mannschaft auf dem Balkon stehen darf: "Siegen wird nie langweilig. Und wenn ihr nächstes Jahr einen Schiedsrichter erwischt, der den Grundlehrgang bestanden hat, dann klappt es auch mal wieder international." Das findet offenbar auch FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß, denn auch wenn er sich angesichts der Fankulisse "total begeistert" zeigt, merkt er doch an: "Vielleicht ist es eine Ausnahme, dass wir heute nur einen Titel feiern. Mit dieser Mannschaft kann man noch etwas Besonderes erreichen."

Mit etwas mehr Platz und ebenso mit Fanflaggen ausgestattet grüßen die Spieler vom Rathausbalkon auf den Marienplatz hinunter.

(Foto: Alexander Hassenstein/dpa)

Mit genau dieser aber wohl nicht, denn gleich vier geben an diesem Abend ja auch ihre Abschiedsvorstellung auf dem Rathausbalkon: Philipp Lahm und Xabi Alonso, die Oberbürgermeister und Bayern-Fan Reiter zuvor schon als "zwei wirkliche Helden" bezeichnet hatte, und Tom Starke sowie der langjährige Co-Trainer Hermann Gerland. Als Einpeitscher und Rampensau für die umjubelte Verabschiedung fungiert Stürmer Franck Ribéry. Immer wieder skandiert er die Namen von Lahm und Alonso und fordert zum Mitsingen auf: "Isch bin alleine hier oder was?"

Wer mit dem FC Bayern auf dem Marienplatz feiern wollte, musste zunächst durch Sicherheitskontrollen.

(Foto: Fotos: Robert Haas, Johannes Simon,, Alexander Hassenstein/dpa)

Ist er natürlich nicht, und besonders Lahm scheint es zwischendrin fast ein bisschen peinlich zu sein, wie sehr er da gefeiert wird. Er dankt allen, "die mir diese großartige Karriere hier in meiner Heimatstadt möglich gemacht haben". Und als die Spieler, angeführt von Thomas Müller und David Alaba gemeinsam für ihn Rainhard Fendrichs Schnulze "Weus'd a Herz hast wia a Bergwerk" anstimmen, singt er zwar mit, hat aber anscheinend doch einen Kloß im Hals. "Wir haben 345 Spiele gemeinsam bestritten", albert Müller dann noch, "er davon maximal 150 gute, soweit ich mich erinnere. Der Rest war überragend." Stadionsprecher Stephan Lehmann entrollt zu guter Letzt noch ein Transparent über der Balustrade: "Vielen Dank für 22 wundervolle Jahre, Philipp!", steht darauf. Alonsos Abschied verläuft trotz ähnlich großem Jubel unten auf dem Platze vergleichsweise sachlich. Ribéry freut sich noch einmal, "dass er mich jeden Morgen um sieben Uhr an der Säbener Straße mit einem Lächeln begrüßt hat", und Alonso bedankt sich bei den Fans für die große Unterstützung: "Ich liebe euch, vielen Dank und bis bald!"

Hochsicherheitszone Meisterfeier

Entsetzt, ja beinahe fassungslos schaut die japanische Reisegruppe zu, wie der Rucksack eines ihrer Mitglieder sonntagmorgens um zehn Uhr an der Rolltreppe beim U-Bahnausgang zur Weinstraße hin mit höflichen Worten, aber eben doch auch recht gründlich gefilzt wird. Darf man bei diesen Deutschen nicht mal an die Oberfläche, ohne alles auspacken zu müssen? Sind die nicht ein bisschen hysterisch?

Das vielleicht nicht, aber doch sehr gewissenhaft. Die Kontrollen vor dem Zugang zur Meisterfeier auf dem Marienplatz brauchten diesmal keinen Vergleich mit der Sicherheitskonferenz zu scheuen, obwohl keinerlei ausländische Staatschefs oder Verteidigungsminister kamen. Die Kaufingerstraße war beinahe auf ganzer Länge durch Absperrungen zweigeteilt worden. Bis man zum Marienplatz kam, wurde man an drei verschiedenen Posten kontrolliert. Niemand sollte Glasflaschen oder gefährliche Gegenstände auf den Platz bringen können.

Die Geschäftsleute rund um den Platz, insbesondere das Kaufhaus Beck, hatten deshalb schon vorab erhebliche Umsatzeinbußen befürchtet. Und in manchen Geschäften wie der Messerhandlung Biebl standen die drei Verkäuferinnen alleine im Laden: "Nicht schön! Noch dazu, weil wir ohnehin eine Baustelle vor der Tür haben." Immerhin zeigte Bayern-Boss Rummenigge Verständnis für den Einzelhandel beim Empfang im Rathaus: "Bei den Geschäftsleuten möchte ich mich entschuldigen, wir wünschen uns ein gutes Verhältnis zu ihnen." Aber dafür können die sich natürlich nichts kaufen. Immerhin: Solange es bei einem Samstag im Jahr bleibt, werden die Bayern noch kein Benefizspiel für sie geben müssen. fjk

Der Rest des Auftritts auf dem Rathausbalkon, zu dem die Mannschaft mit knapp halbstündiger Verspätung eingetroffen ist, gehört wieder den musikalischen Darbietungen. Rafinha, sonst in der Abwehr tätig, stürmt mit "Volare" und "What a wonderful world" mächtig nach vorne und beweist auch in diesem Jahr wieder, dass er gut bei Stimme ist. Trainer Carlo Ancelotti verunsichert kurz die Fans mit dem deutschen Satz: "Ich habe fertig!" - eine Anspielung auf den anderen italienischen Meistertrainer der Bayern, Giovanni Trapattoni. Dann schmettert er mit Grandezza "I migliori anni della nostra vita" in den Münchner Abend. Eine Hymne auf "die besten Jahre unseres Lebens" also, ein alter Hit des italienischen Glamrock-Stars Renato Zero.

Dann aber haben sie wirklich fertig. "Nächstes Jahr wieder!", verabschiedet sich Thomas Müller im Namen der Spieler, "ab in den Postpalast!" Dort findet noch die vereinsinterne Meisterfeier statt. Bis in den Morgen hinein, darf man annehmen.