Süddeutsche Zeitung

Nach Sanierung:Warum der Untergrund am Marienplatz jetzt rot leuchtet

Lesezeit: 3 min

Von Alfred Dürr

Das organisierte Chaos unter dem Marienplatz hat ein Ende. Nach drei Jahren Umbau- und Renovierung bei laufendem Betrieb eröffnen an diesem Montag um 11 Uhr Oberbürgermeister Dieter Reiter und der Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), Herbert König, das modernisierte Sperrengeschoss mit den Zugängen zu den U- und S-Bahnen.

Anschließend öffnen auch die Läden, darunter das neu gestaltete MVG-Kundencenter und der Shop der Stadtwerke. Auf dem Marienplatz startet ein Fest mit Musik, Kinderprogramm und einer Fotoausstellung.

Ein besonderes Erscheinungsbild

Der zentralste Ort in der Stadt, den täglich bis zu 200 000 Menschen auf dem Weg zu den Bahnsteigen durchqueren, hat nach mehr als 40 Jahren ein besonderes Erscheinungsbild erhalten. 30 Millionen Euro haben sich das die Stadtwerke kosten lassen. Für das Verkehrsbauwerk wurde ein Gestaltungswettbewerb ausgelobt - was alles andere als selbstverständlich ist. Gewonnen hat ihn das renommierte Münchner Architektenbüro Allmann Sattler Wappner, das auch schon das Stachus-Untergeschoss umgebaut hat.

Die Entwürfe für beide Bauwerke folgen dem gleichen Prinzip: Der Untergrund soll hell und freundlich wirken, verschachtelte Ein- und Ausbauten verschwinden. Am Stachus sind die Geschäfte in der Mitte, am Marienplatz an den Rändern angeordnet. So können sich die Passanten in einem übersichtlichen Raum bewegen, mit einer klaren Orientierung. Dadurch soll sich auch das Sicherheitsgefühl verbessern. Das Zwischengeschoss am Hauptbahnhof wurde ebenfalls nach ähnlichen Kriterien verschönt, dort nach dem Entwurf des Büros Auer Weber.

Farbgestaltung mit Gewöhnungsbedarf

Ein ganz wesentlicher Wohlfühlfaktor für den Bereich unter dem Marienplatz soll die neue Farb- und Lichtgestaltung sein. Sie stammt von einem Altmeister der Beleuchtungskunst, dem Münchner Industriedesigner Ingo Maurer. Er hat schon in den U-Bahnhöfen Westfriedhof und Münchner Freiheit herausragende Lichtakzente gesetzt. Nun wird das Sperrengeschoss unter dem Marienplatz von einer rot-orange leuchtenden Decke geprägt.

Eine Entscheidung, die offensichtlich polarisiert: Sie sei mutig und eine echte Bereicherung für dieses Geschoss mit seiner relativ niedrigen Raumhöhe, loben die einen, etwa Stadtheimatpfleger Gert Goergens. Andere haben schon über den Rotlicht-Bahnhof gelästert und voller Spott vermutet, er sei wohl eine Verbeugung vor dem roten Oberbürgermeister, der gleich in der Nähe sein Büro hat.

Architekt Ludwig Wappner muss schmunzeln: "Grau in grau, das wäre doch zu fad." Die roten Deckenplatten mit ihrer speziellen LED-Lichttechnik sorgten für ganz spezielle Effekte. Da müsse Pfeffer rein, habe Maurer verlangt, berichtet Wappner. Es erschließt sich vielleicht nicht sofort, dass sich oben an der Decke die auf den von Alexander von Branca entworfenen Bahnsteigen herrschenden Farben Orange und Blau widerspiegeln.

Eine Hommage an den großen Münchner Architekten. Die Deckengestaltung ist außerdem eine Referenz an den Münchner Maler Rupprecht Geiger, der bevorzugt mit leuchtenden Farben arbeitete. Diese Verbindung aus glänzendem Material, Farbe und Licht erzeuge Höhe in dem an sich niedrigen Geschoss, sagt Wappner. Aber er räumt auch ein: "Wer rot-orange nicht mag, der ärgert sich vielleicht."

Von der Decke zum Boden: Es wurde robuster Granit verlegt. Die anfänglichen Rutschprobleme beim Stachus-Untergeschoss mit seinem eleganten Terrazzoboden sollen hier erst gar nicht auftreten. Ein nicht unwesentlicher Mangel hatte sich in den vergangenen Tagen noch gezeigt. Auf den neuen Leuchttafeln an den Zugängen werden zwar die aktuellen Fahrzeiten der U-Bahnen angezeigt, nicht aber die der S-Bahnen - ein echtes Versäumnis.

Der lange Umbau ist vorbei

Vorbei ist auf jeden Fall der Unmut mancher über die lange Umbauzeit. Ein Bereich nach dem anderen, auch bei den Zugängen, wurde gesperrt und wieder freigegeben. Die Baustellen-Abschnitte wanderten hin und her, was eine Herausforderung für Passanten und Baulogistiker war. Die große Aufräumaktion ermöglicht es aber auch, dass jetzt mehr Läden im Untergeschoss sind als früher. Die Stadtwerke holen sich mit der Vermietung die Kosten für den Umbau wieder herein.

Doch kaum ist dieses Projekt abgeschlossen, da geht es schon an die nächste Mega-Aufgabe im Untergrund: den Umbau und die Sanierung des U-Bahnhofs unter dem Sendlinger Tor. Beginn ist voraussichtlich im kommenden Jahr. Auch hier soll das Zugangsgeschoss heller und freundlicher werden, soll mehr Platz für Läden und Gastronomie entstehen. Zudem wird es größere Umbauten im Bahnsteigbereich geben, um die enormen Passagierströme zu entzerren.

Aber die Architektur hat ihre Grenzen. Das Problem des überlasteten öffentlichen Nahverkehrs in München wird sich auf diese Weise nicht lösen lassen.

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Quelle:
SZ vom 26.10.2015
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