Provenienzforschung im Museum Fünf KontinenteMāori auf der Suche nach ihren Ahnen

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Eine Holzfigur mit Schale. Während die Forschung sich bisher vor allem auf Māori-Schnitzwerke von Versammlungs- und Kulthäusern konzentrierte, wurden kleinere Objekte kaum beachtet.
Eine Holzfigur mit Schale. Während die Forschung sich bisher vor allem auf Māori-Schnitzwerke von Versammlungs- und Kulthäusern konzentrierte, wurden kleinere Objekte kaum beachtet. Museum Fünf Kontinente, Nicolai Kästner

Im Museum Fünf Kontinente liegen 80 Māori-Artefakte. Doch wie sie von Neuseeland nach München kamen, bleibt bis heute ein Rätsel. Die Ausstellung „He Toi Ora“ begibt sich auf Spurensuche und versucht, die Lücken zu schließen.

Von Constanze Baumann

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Es gibt Momente im Museum, in denen man sich ertappt fühlt – unter dem Blick eines Gegenstands, der nicht so recht einer sein will. So ergeht es den Besuchern von „He Toi Ora“. Dort scheinen die ausgestellten Objekte zu atmen, als trügen sie Geschichten in sich – über Schöpfer, Besitzer, Ahnen. Doch sie schweigen. Wer sie einst besaß oder wie sie nach München gelangten, lässt sich kaum rekonstruieren; bis heute bleibt unklar, welchen der zahllosen Māori-Stämme die 80 Objekte im Museum Fünf Kontinente zuzuordnen sind.

Mit der Landung Abel Tasmans 1642 und James Cooks 1769 begann die Kolonialisierung Neuseelands. 1840 wurden die Inseln britische Kolonie. In diesem Kontext kamen zahlreiche Māori-Schätze nach Europa. Wie genau, darüber gibt es kaum Hinweise in Archiven. Ob sie gekauft, abgepresst oder gestohlen wurden, weiß heute niemand mehr – ebenso wenig, aus welchen Regionen Neuseelands sie ursprünglich stammen.

Sicher ist nur, dass sie alle früher oder später im Londoner Hafen auftauchten – im Herzen des British Empire, damals größtes Kolonialreich der Welt und wichtigster Umschlagplatz ethnografischer Objekte. Von dort aus fand so manche Kostbarkeit ihren Weg in die Königlich Ethnographische Sammlung, Deutschlands erstes ethnologisches Museum – das heutige Museum Fünf Kontinente.

Dass sich die Verbindung von London nach Neuseeland nicht mehr zurückverfolgen lässt, ist mehr als eine bloße Forschungslücke. Für die Māori sind Gegenstände beseelt, verbunden mit den Ahnen und ihren Schöpfern, durchdrungen von deren Lebensessenz. In das Holz schnitzten sie die Geschichte ihres Stammes. Eine Schrift kannten sie nicht; alles Wissen wurde mündlich überliefert, die Schnitzwerke dienten als Gedächtnisstützen, um es an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Māori-Kurator David Jones (zweiter von links) und Kuratorin Hilke Thode-Arora (erste von rechts) mit einigen Māori bei der Ausstellungseröffnung. Die Eröffnung wurde unter anderem mit einem Haka begangen.
Māori-Kurator David Jones (zweiter von links) und Kuratorin Hilke Thode-Arora (erste von rechts) mit einigen Māori bei der Ausstellungseröffnung. Die Eröffnung wurde unter anderem mit einem Haka begangen. Museum Fünf Kontinente, Nicolai Kästner

Die Muster, detailreich und vielschichtig, spielen deshalb eine zentrale Rolle in der māorischen Kultur. Trennt man sie von ihrem Stamm, ist das nicht nur ein materieller Verlust. Auch die Verbindung zu den Ahnen reißt ab, und ein Stück Geschichte sowie wertvolles Wissen gehen verloren.

„He Toi Ora“ – „lebendige Kunst“ entstand aus der akribischen Arbeit eines Forschungsprojekts. Die Wissenschaftler um Ozeanien-Expertin Hilke Thode-Arora untersuchten die Hölzer der Objekte, studierten die Schnitzmuster, Gebrauchsspuren und Funktionalität – und standen dabei immer in engem Austausch mit den Māori. Schritt für Schritt setzten sie die verstreuten Hinweise zusammen. Aus diesen mühsam gesammelten Erkenntnissen wuchs die Ausstellung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die verlorenen Verbindungen zwischen den Artefakten im Münchner Museum und den Nachfahren ihrer Schöpfer und ursprünglichen Besitzer wiederherzustellen.

Die Pfostenfigur Tāwhaki wird auf Wunsch der Māori nicht nackt, sondern mit Rock und Cape aus Neuseeland-Flachs präsentiert.
Die Pfostenfigur Tāwhaki wird auf Wunsch der Māori nicht nackt, sondern mit Rock und Cape aus Neuseeland-Flachs präsentiert. Museum Fünf Kontinente, Nicolai Kästner

Die 1,65 Meter hohe und 45 Kilogramm schwere Mittelpfostenfigur Tāwhaki im letzten Raum ist das Herzstück der Ausstellung. Bei ihr gelang eine eindeutige Zuordnung zu einem Stamm. Eine kleine Sensation. Seit den 1890er-Jahren fehlte die Skulptur aus einem Versammlungshaus der Rongowhakaata.

Die Art und Weise, wie diese Zuordnung zustande kam, gleicht dabei fast einem modernen Märchen: Kuratorin Hilke Thode-Arora kontaktierte im Rahmen ihres Forschungsprojekts zahlreiche Māori-Experten, in der Hoffnung, jemand könne die Herkunft der Objekte im Münchner Museum klären. Doch die entscheidende Entdeckung machte nicht etwa ein erfahrener Wissenschaftler, sondern ein junger Praktikant: Tanith Wirihana Te Waitohiterangi.

Ein hängender Schmuckkasten, der den Schmuck vor neugierigen Kinderhänden schützt.
Ein hängender Schmuckkasten, der den Schmuck vor neugierigen Kinderhänden schützt. Museum Fünf Kontinente, Nicolai Kästner

Fragt man ihn, wie er so jung eine so bedeutende Entdeckung machen konnte, antwortet Tanith besonnen: Nicht er habe die Statue gefunden – sie habe ihn gefunden. Zwei Jahre zuvor seien ihm in einem Traum seine Ahnen erschienen. Sie hätten ihm aufgetragen, die Geschichte seines Stammes zu erforschen. Er habe gezögert, wollte warten, bis das Studium abgeschlossen sei. Doch die Ahnen sagten nur: „Du wirst es jetzt tun.“ Zwei Wochen später wurde er von einem Auto angefahren – für ihn ein unmissverständliches Zeichen, ihre Botschaft ernst zu nehmen. Von diesem Moment an öffneten sich ihm viele Wege, die Geschichte seines Stammes zu erkunden. Schließlich führte ihn einer dieser Wege zu Tāwhaki.

Die enge Zusammenarbeit mit den Māori zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Als Māori-Kurator stand David Jones zur Seite; alle Ausstellungstexte wurden gemeinsam entwickelt und von Māori-Seite autorisiert. Neben der Provenienz führt die Schau in die Philosophie der Māori ein, erläutert die Bedeutung der filigranen Schnitzmuster und stellt Werkzeuge sowie Materialien vor. Besucherinnen und Besucher dürfen manches sogar selbst berühren – verschiedene Holzarten oder vereinfachte Schnitzmuster, die den Zugang zur komplexen Symbolik erleichtern. Ein gelungener Einstieg in eine Kultur, über die hierzulande meist wenig bekannt ist.

Schnitzwerke finden sich auf den verschiedensten Objekten, auch auf Waffen. Hier eine geschnitzte Langkeule.
Schnitzwerke finden sich auf den verschiedensten Objekten, auch auf Waffen. Hier eine geschnitzte Langkeule. Museum Fünf Kontinente, Nicolai Kästner

Am Tag der Ausstellungseröffnung versammeln sich mehrere Māori aus dem Stamm der wiedergefundenen Statue im Münchner Museum. Sie sind extra aus Neuseeland angereist. In einer religiösen Zeremonie nehmen sie Kontakt zu Tāwhaki auf, den sie nach über 120 Jahren zum ersten Mal wiedersehen. Sie tanzen, singen und werfen Blätter vor ihm nieder. Schließlich treten sie näher, legen die Stirn an das Holz und umarmen ihn. Tränen fließen, Taschentücher rascheln. Über FaceTime werden Verwandte aus Neuseeland zugeschaltet, damit auch sie den wiedergefundenen Ahnen sehen können. In diesem Moment wird spürbar, was Provenienzforschung leisten kann: Sie kann Wunden heilen und Versöhnung stiften. Die Rongowhakaata sind wieder mit ihrem Vorfahren vereint.

Wann Tāwhaki heimkehren wird, ist noch ungewiss. Von Māori-Seite wird derzeit ein Restitutionsersuchen vorbereitet; das Museum hat mehrfach signalisiert, die Rückführung unterstützen zu wollen. Bis es so weit ist, bleibt Tāwhaki in München. Zu sehen ist er hier noch bis zum 10. Mai, bevor er dann voraussichtlich den weiten Weg nach Hause antreten wird.

He Toi Ora. Beseelte Kunst der Māori. Auf den Spuren der Schnitzwerke im Museum Fünf Kontinente, Museum Fünf Kontinente, Maximilianstraße 42, bis 10. Mai 2026, Dienstag bis Sonntag 9.30–17.30 Uhr, www.museum-fuenf-kontinente.de

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