Noch immer gibt es Unentwegte, welche die Herbstkälte des frühen Abends nicht scheuen, sich unter die bereitliegenden Decken kuscheln und den Premiumsitz vor der Weinbar belegen. Gemütlich rattert die Tram an den schönen Gründerzeitfassaden der Rumfordstraße vorbei, Passanten schauen durch die großen Fensterscheiben hinein in die eleganten Innenräume des Lokals. Peffekoven neigt ein wenig zur Sentimentalität, die hier vielleicht noch durch den Aperitif, einen vorzüglichen, gefälligen Crémant gefördert wird, aber sei es drum: Das ist einer der Orte in München, wo man sich fühlen kann, als sei man in Paris, im Marais vielleicht oder im Quartier Latin.
Das Lokal ist mit Liebe eingerichtet: Dezentes Licht, helle Holztöne und hinten ein schönes Parkett; man sitzt nicht allzu eng. Die Wanddekoration aus edlen Weinflaschen verspricht einiges, und die Karte hält das Verheißene ein: Sie enthält eine vielseitige, sorgfältige Auswahl an Flaschen – und, das ist das Besondere, auch ein großes Sortiment an offenen Weinen. Hier ist das Erbe des Vorgängers spürbar: Bis 2019 residierte hier „Walter & Benjamin“, eine Institution, die Gastronomie, den Verkauf edler Weine und schöner Bücher gekonnt miteinander verband. Für Nostalgiker: Als Weinhandlung gibt es „Walter und Benjamin“ immer noch in der Nähe, und das Manu bezieht manche Weine von dort.
Dazu gibt es im Manu eine vorzügliche, nicht sehr große Speisekarte, die aber alles hat, was man braucht. Hierhin geht man nicht, um sich den Bauch vollzuschlagen, sondern mit Appetit auf etwas Kleines, Leichtes, in Begleitung richtig guter Weine. Am besten mit einer leisen Frankreich-Sehnsucht. Einer Sehnsucht nach jener Selbstverständlichkeit, mit der dort hohe Qualität, ja Luxus, auf den Tisch kommt.
Ein Teil von Peffekovens Tischrunde wählte zur Vorspeise Austern, sehr frisch und mit feinem Meeresaroma, wie es sein soll (pur je 6 Euro, mit einer feinen, gut passenden und hier sehr empfohlenen Apfel-Dill-Merrettich-Soße 7 Euro). Peffekoven selbst wählte das Rindertatar, und zwar die Variante mit Kartoffeln, Meerrettich, Kapern und Schalotte, welche den ausgezeichneten Fleischgeschmack nach bester Küchenschule unterstützten und nicht überdeckten (als Vorspeise 22, als Hauptspeise 30 Euro; Tatar pur 19 beziehungsweise 27 Euro). Das Tatar hatte die richtige, etwas festere Konsistenz und war offenkundig aus feinem, fettarmem Fleisch gezaubert worden.
Viel Zustimmung in der Tischgesellschaft fand die alabasterfarbene Pastinakencremesuppe (11 Euro), die aus einer großen Kanne in die Schale gegossen wird. Hinzugefügt wird dann hauchzart geschnittene Birne und ein feiner St. Augur, ein französischer Blaumilchkäse von der Kuh, dessen milde Note mit der Suppe bestens harmonierte. Dazu passte, beraten vom Chef, ein trockener, kräftiger Bad Dürkheimer Spätburgunder von Peter Karstens. Dazu gab es gutes Hofpfister-Sauerteigbrot, schön dick geschnitten.

Ein Vorspeisen-Highlight war der fast rohe Thunfisch, gereicht in einer dünnflüssigen Wasabi-Chili-Soße von überzeugender Schärfe, dazu gab es Kimchi und Sesamstreusel. Der Thunfisch kostet 24 Euro, das Manu ist etwas höherpreisiger, ein 0,1-Glas-Wein ab 7 Euro. Doch der Gast fühlt sich nicht beraubt, denn für München bleiben die Kosten eines schönen Abendessens akzeptabel, und vor allem stimmt die Qualität. Zur sehr angenehmen, relaxten Atmosphäre trug nicht nur der coole – und glücklicherweise in gedämpfter Lautstärke gespielte – französische Lounge-Jazz bei, sondern noch mehr der äußerst freundliche und kompetente Service. Selbst bei Hochbetrieb finden die Mitarbeiter immer genug Zeit für jeden einzelnen Gast und bieten eine hilfreiche Beratung an. Zu Peffekovens Fisch ließ er sich einen charakterreichen, drei Jahre alten Chardonnay aus dem Burgund (Pascal Bouchard) empfehlen, einen nach Zitrusfrüchten duftenden, trockenen Weißwein.
Die Hauptspeisen waren nicht nur ausgezeichnet, sondern auch ein Fest der Farben: So dominierte, dank Roter Bete und zugefügtem Cassis, bei der zarten Barbarie-Ente auf Radicchio mit Madeira-Jus (36 Euro) ein prächtiges Rot, beim Saiblingsfilet dagegen ein alabasterfarbenes Beige. Hier verstand Peffekoven ganz ausnahmsweise, warum Leute ihr Essen fotografieren. Den Fisch gibt es im Manu stets filetiert, er kam mit Beurre noire, dunkler Butter, und einer feinen Maracuja-Paste (34 Euro). Winziger Einwand: Die Teller hätten vorab etwas mehr gewärmt sein können, damit der Fisch langsamer kalt wird.

Wer es ganz französisch haben will, kann sich aus ausgewählten Teilen der Karte auch ein viergängiges Menü für circa 70 Euro zusammenstellen oder ein vegetarisches für 60 Euro, ein Glas vom köstlichen Crémant inklusive.
En passent: Peffekoven hat etwas Neues ausprobiert. Die Kostprobentester bleiben ja anonym. Und um nicht auffällig Notizen während des Essens anzufertigen, murmelte er diskret in sein Handy hinein und nahm seine Eindrücke auf. Der Sprachassistent verschriftlichte dies wie folgt: „Das ist ein klassisches Zürich. Das ist eine moderne Säge. Das ist auch so eine Strandsäge. Das passt hier nach dem Suppe, kommt aus einem Gruk! Auf den Klauschummel-Kiesel. Der Dürre und den Kürbiskern.“
Der Dürre und der Kürbiskern! Peffekoven wird wohl bei Stift und Papier bleiben. Glücklicherweise war er im Manu so rundum zufrieden, dass er sich alles Wesentliche merken konnte – übrigens auch eine Schokoladencreme mit Olivenöl und Meersalz (12 Euro). Die Schokocreme, teils fest, teils weich, vor allem aber: begleitet von körnigem Salz und einer Pfütze Olivenöl. Eine Mutprobe. Aber nur eine kleine. Und ein echter Genuss, wie alle seine Besuche hier.
Manu Weinbar/Restaurant, Rumfordstraße 1, 80469 München, Telefon: 089 / 26 024 174, mail@manu-muenchen.de. Öffnungszeiten: Mo. bis Fr., 17–22 Uhr, Sa., 12–22 Uhr.
Die SZ-Kostprobe
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.
